Souveränität als Schwachpunkt

16. Mai 2003, 20:44
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Jeffrey Eugenides' "Middlesex" - wieder ein "Roman der Saison"

Der zeitgenössische Literaturbetrieb, der ganz offenkundig damit zu kämpfen hat, dass sich trotz immer mehr Publikationen ein gewisses Lesersegment auf immer weniger "Hits" ("Bücher der Saison") einlässt - dieser Betrieb funktioniert offenkundig immer stärker nach dem Prinzip Kettenbrief. Das heißt: Einerseits dominieren einige wenige Vielschreiber (egal, ob sie nun Mankell, Irving, Leon oder Grisham heißen) hinter verwechselbar ähnlich gestalteten Covers die Bestseller-Auslagen der Großbuchhandlungen. Oder eine Entdeckung des Jahres, von der man dann nicht immer weiß, ob sie nicht nur eine Eintagsfliege war, verweist auf die nächste. Blutjunge Autoren reüssieren, begleitet von Empfehlungen prominenterer Kollegen, verweisen dann ihrerseits auf einen weiteren Hotshot. So kommen wir praktisch monatlich oder zumindest vierteljährlich auf Romane, die man einfach gelesen haben muss, wenn man nicht Geduld hat und darauf warten kann, dass sie demnächst verfilmt werden.

Middlesex, der erst zweite Roman des in Berlin lebenden US-Schriftstellers Jeffrey Eugenides ist gegenwärtig so ein heißer Tipp, dem eigentlich auch John Irving seinen Sanktus gegeben haben könnte. Es ist aber - auch nicht schlecht - Jonathan Franzen, der diesmal am Umschlag anmerkt, dass es sich hier um einen "unerhörten, wunderbaren Roman" handelt, "der Sie wieder und wieder überraschen wird".

Diesem Statement, das man auch in der Eile in Bahnhofsbuchhandlungen schnell verwerten kann, ist - gesetzt den Fall, "Sie" wollen sich unbedingt von "Unerhörtem" überraschen und unterhalten lassen - wenig hinzuzufügen. In der Tat ist Middlesex, erst kürzlich mit dem Pulitzer-Preis gekrönt, in keiner Phase schlecht geschrieben und in jeder Phase derart solide konstruiert, dass man fast schon enttäuscht wäre, wenn hier nicht, pardauz!, alle fünf Seiten sich zumindest eine Ungeheuerlichkeit ereignet: Sei dies nun ein geschwisterlicher Inzest, der sich in aller Unschuld in kleinasiatischer dörflicher Beengtheit anbahnt oder der schrullige Mief unter griechischen Emigranten in Detroit, bei dem es - auch im Dienste der Serviceleistung "Überraschung" schon vorkommen kann, dass zwei Schwestern gleichzeitig schwanger werden. Nicht schlecht macht sich dazu spätestens seit Günter Grass' Blechtrommel (auf den Eugenides wie einst John Irving bei Owen Meany gern verweist), ein defekter Erzähler: Im Fall von Middlesex ein "5-alpha-Reduktase-Pseudohermaphrodit", was sich in Zeiten der Gen-Debatte irgendwie auch ganz gut vermarkten lässt.

Dieser Cal Stephanides, ziemlich deutlich ein Zerrbild des Autors, der im Klappentext biografische Ähnlichkeiten ausstellt, scheint nun freilich nicht nur unsicher zu sein, ob er Manderl oder Weiberl ist. Irgendwie ist ihm so etwas wie eine unverwechselbare Stimme abhanden gekommen, was Eugenides' Roman über weite Strecken zur beinahe unpersönlichen, immer von möglichen Fehlern und Kanten sorgfältig befreiten Szenenanweisung (möglichst für einen kommenden Film) werden lässt. Immer wieder strapaziert der Autor denn auch filmische Vorstellungsmöglichkeiten: Überblendungen, Montagen, Rückspulungen, die aber freilich erst eines Regisseurs bedürften, der in ihnen so etwas wie Handschrift ins Spiel bringt.

Die historischen Massaker zwischen Türken und Griechen in Smyrna 1922 werden darüber zum Beispiel mit fast schon unerträglicher Sicherheit, ja Lässigkeit auf eine Abfolge starker, kurzer Momente reduziert - ohne dass der Erzähler auch nur in irgendeiner Weise den Faden seiner linear abgespulten Familienchronik aus dem Blick verlöre. Immer ist die nächste Überraschung, der nächste Effekt derart sorgfältig einkalkuliert, dass man oft schon das Gefühl hat, der Autor wickle das soeben Erzählte nur noch nebenher ab. Eigentlich hat er schon die nächste sichere Pointe ins Auge gefasst.

Kurz: Nichts bringt Eugenides und sein Alter ego aus der Fassung, obwohl er doch von Umstürzen eines ganzen Jahrhunderts erzählt, Konflikten zwischen den Geschlechtern, Rassen, Klassen, Religionen, die so etwas wie Fassungslosigkeit schon zulassen sollten. Erst recht, wenn man mit bedenkt, dass dieses Genre des pikaresken Romans ja nicht bei der Blechtrommel begonnen hat, sondern bis zu Grimmelshausens Simplizissimus, ja bis zu Parzival immer wieder demonstriert hat: Aus irrwitziger Unübersichtlichkeit der Welt in wahnhafter Überforderung zu verharren und zu delirieren. Jeffrey Eugenides' Mangel der allzu großen Souveränität fällt umso drastischer ins Gewicht, als der Autor auch und gerade im Spiel mit literarischen Vorbildern beweisen möchte, dass er seine Hausaufgaben gemacht hat.

Der Beginn von Middlesex, wo der Held die näheren Bedingungen seiner Zeugung hinterfragt, strotzt nicht nur vor Verweisen auf antike Epen, sondern ist (abgesehen von vergleichbaren Passagen bei Grass) auch eine ziemlich deutliche Adaption von Laurence Sternes Tristram Shandy. Dort, im 18. Jahrhundert bereits, wird der Titelheld bekanntlich allein an den Ursprüngen seiner Existenz derart irre, dass er in der eigentlich angestrebten Erzählung nicht mehr voran kommt, weil er den sprichwörtlichen Wald vor lauter Bäumen nicht mehr erkennt. Damit hat Sterne sich in denkwürdigen Hängern praktisch ins 20. Jahrhundert voraus geschrieben. Eugenides hingegen bombt uns eher in die (konventionelleren) Historiengemälde und Konversationsromane des 19. Jahrhunderts zurück - nicht ohne Grund erklärt er in Interviews auch gerne schwer verständlichere Experimente bei der Suche nach der "Great American Novel" zu einer Art Sackgasse: Lesbares sei wieder gefordert oder gesucht...

Darüber, ob das dann wirklich lesenswert ist, kann man in der Tat streiten: Verfilmt von Anthony Minghella (Der englische Patient) oder Lasse Hallstrom (Gottes Werk und Teufels Beitrag) schreibt Middlesex ja möglicherweise doch Unterhaltungskinogeschichte. Man wird das Gefühl nicht los, dass diese Option Eugenides' Buch herunter zieht auf eine merkwürdige Zwitterhaftigkeit, die dem geschriebenen Wort nur noch bedingt vertraut. Middlesex behauptet lediglich Sprachbewegung und -suche. Man wird letztlich das Gefühl nicht los, der Autor würde seine Geschichte (beziehungsweise, das was er sich als "Wurf" vorgenommen hat) jetzt schon in breiten Kamera-Schwenks und -Fahrten realisiert sehen wollen.

Bevor wir also in einem Vierteljahr den nächsten großen Roman, diesmal vielleicht von Jeffrey Eugenides empfohlen bekommen, nur eine Frage: Was ist der Grund dafür, dass viele Leser und Kinogeher dieser Tage ausschließlich Überraschungen einfordern, die sie quasi bestellt und damit auch verhergesehen haben? Wirklich interessant wären in Middlesex doch wohl eher präzise Beschreibungen etwa eines griechischen Emigrantenmilieus gewesen, über dessen Hintergründe man (im Gegensatz zu den oft strapazierten irischen Schicksalen) viel zu wenig weiß. Dies hätte wohl eher einen dokumentarischen Gestus erfordert als die schönen runden Formen des Mainstream-Erzählkinos. Dann hätte der Roman eine Sperrigkeit und einen Detailreichtum entwickeln können, für die dem jungen Schriftsteller vermutlich die Erfahrung wie auch das Handwerk noch fehlt. (Claus Philipp/DER STANDARD; Printausgabe, 17.05.2003)

Jeffrey Eugenides, Middlesex, € 25,60/736 Seiten. Rowohlt, Reinbek bei Hamburg 2003
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