Fantastische Reise zum Mittelpunkt der Erde

17. Mai 2003, 17:00
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Sciencefiction soll Realität werden: Ein US-Wissenschafter stellt Pläne vor, eine Forschungssonde in den Erdkern zu schicken

London/Wien - Wie sich die Transportmittel doch ändern: Jules Vernes Reise zum Mittelpunkt der Erde musste noch zu Fuß angetreten werden. In Jon Amiels The Core bohrt sich bereits ein wurmähnliches Fahr-oder Grabzeug zum inneren Kern vor. Und David Stevenson will für seine innerirdische Mission nun flüssiges Eisen als Vehikel verwenden. Der wesentlichste Unterschied aber ist: Die Ausflüge der ersten beiden sind Sciencefiction, Stevensons Reise soll Realität werden.

Der Physiker vom renommierten California Institute of Technology (Caltech) in Pasadena möchte tatsächlich eine Sonde ins Innere der Erde schicken - und weiß angeblich, wie. Das angesehene britische Fachmagazin Nature fand Stevensons Pläne jedenfalls derart faszinierend, dass es nun darüber berichtet.

Die Idee klingt so versponnen wie simpel: Man sprengt einen Riss in die Erde, füllt diesen mit flüssigem Eisen, in dem die Forschungssonde schwimmt - "von der Größe einer Grapefruit", beschreibt Stevenson. Die Reise dieses mit Messinstrumenten vollgepfropften und hitzebeständigen Früchtchens inmitten des absinkenden Metalls durch alle Erdschichten (siehe Grafik) zum Kern dauere dann in etwa eine Woche. Dort angelangt, würden die gemessenen Daten über Schallwellen an die Erdoberfläche gesendet, von speziellen Detektoren aufgespürt und schließlich ausgewertet.

Der Mechanismus, verrät Stevenson, gleiche dem eines Vulkanausbruchs: "Das Prinzip ist das gleiche, nach dem Magma aufsteigt, nur dass wir die Sonde in einem Keil aus geschmolzenem Eisen hinabschicken." Benötigte Eisenmenge: 100.000 Tonnen. Dies entspreche lediglich der Produktion aller Stahlwerke der Welt in einer Stunde. Das Metall müsste dann nur noch in den Spalt gegossen werden.

"Damit dieser Riss groß genug wird, müssen wir einige Megatonnen TNT einsetzen, so viel, dass die freigesetzte Energie der eines Erdbebens der Stärke sieben entspricht", rechnet Stevenson vor. Wahlweise könne man aber auch eine Atombombe zünden.

In diesen Riss jedenfalls werde dann das Eisen samt Sonde gegossen. Bei einer Länge von etwa 300 Metern und einem Durchmesser von zehn Zentimetern spalte der Metallkeil das Gestein vor sich. Da Eisen schwerer sei als alle Gesteine, die es auf seinem Weg passiert, würde der Metallkeil samt Sonde automatisch zum Kern fließen. Dahinter schließe sich die Erde sofort wieder. Glaubt er.

Die Sonde soll dann schließlich Temperatur, elektrische Leitfähigkeit und vor allem chemische Zusammensetzung des Erdkerns messen. Forscher vermuten, dass er hauptsächlich aus Eisen besteht, eine Temperatur von etwa 6600 Grad Celsius hat.

Die Daten würden desweiteren Informationen über Magnetfeld, Rotation und Erdgeschichte geben, ist Stevenson überzeugt - falls jemand sein Projekt finanziert: Die geschätzten Kosten von gut acht Milliarden Euro entsprechen denen großer Weltraummissionen. Und anspruchsvoller als das einstige "Manhattan-Project", in dem die USA die erste Atombombe herstellten, sei es auch nicht. (Andreas Feiertag/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 17./18. 5. 2003)

  • Szenenfoto aus dem "vorbildhaften" Film "The Core"
    foto: der standard/paramount

    Szenenfoto aus dem "vorbildhaften" Film "The Core"

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