Arbeiten mit der Diagnose Schizophrenie

28. April 2011, 10:09
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Ständig im Krankenstand, immer zu spät, komisch und faul: "Obizahrer" sind oft am Rande des Zusammenbruchs und krank - dann besteht Handlungsbedarf

Wien - Wer zum Institut für berufliche Integration (ibi) kommt, ist psychisch krank. Die Diagnose lautet möglicherweise Schizophrenie, Manie, Angststörung oder Depression. Manch einer leidet auch unter dem berühmten Burnout-Syndrom. "Ich bin an dem Punkt, dass ich es nicht mehr aushalte. Wenn nicht bald etwas passiert gehe ich": So oder so ähnlich könnte der Status sein, wenn Betroffene in der von AMS und Fonds Soziales Wien geförderten Beratungsstelle auftauchen. Dann brennt in vielen Fällen schon der Hut. Auch wenn Firmen anrufen, ist es meist schon höchste Eisenbahn. Deren mögliches Problem könnte ein Mitarbeiter sein, der zu häufig im Krankenstand ist, ständig zu spät zur Arbeit kommt, oder ganz einfach seine Leistung nicht bringt. Dass der "Problemfall" nicht aus dem Bett kommt, weil er vielleicht depressiv ist, weiß der Chef vermutlich nicht.

Steigende Sensibilität

Viele der Klienten outen sich laut ibi-Chefin Karin Rossi aus verständlichen Gründen am Arbeitsplatz nicht. "Es ist relativ schade, dass psychische Erkrankungen stigmatisiert sind, dass die Leute sich quasi verstecken müssen." Die Sensibilität für das Thema ist ihrer Einschätzung nach im Gefolge der hochgeschwappten Burnout-Diskussion dennoch gestiegen - auch in Unternehmen. Ebenso die Bereitschaft der Firmen im Ernstfall, aber auch vorbeugend auf die Umgebung einzuwirken. "Wie die Arbeitsbedingungen sind, ist nicht wurscht. Es gibt welche, die Gesundheit fördern", sagt Rossi. Work-Life-Balance - leicht gesagt und schwer umgesetzt - gehöre ganz wesentlich dazu. Im Endeffekt sei die Kosten-Nutzen-Rechnung die: "Je zufriedener die Mitarbeiter, umso besser die Leistung. Ich hab nichts davon, wenn ich meine Mitarbeiter ausquetsche wie eine Zitrone."

Bedarf an besonderen Bedingungen

Die "stressige Arbeitswelt" mache zwar nicht psychisch krank, allerdings könne sie ihren Beitrag leisten, dass eine psychische Erkrankung zum Ausbruch kommt, weiß Karin Rossi. Laut WHO hat immerhin jeder Dritte einmal in seinem Leben eine echte psychische Krise. Manch einer wird von einer psychischen Erkrankung lebenslang in unterschiedlicher Intensität begleitet. Wer das ibi aufsucht, weil der Chef das vorschlägt, weil er Arbeit sucht, oder Angst vor Jobverlust hat, braucht jedenfalls eine fachärztliche Diagnose - vom Psychologen, Psychiater oder auch vom Hausarzt. Dann gilt es zu ermitteln, ob es für die betroffenen Klienten realistisch ist, sich im "normalen" Arbeitsleben zu halten. Oft braucht es dafür besondere Bedingungen.

Ob die umsetzbar sind, gilt es gemeinsam mit dem Arbeitgeber abzuklären. Mit Stress können psychisch Kranke häufig schlecht umgehen. Ein Job Backstage wäre vermutlich einem im Kundenverkehr vorzuziehen. Ein Zimmer für sich alleine könnte eine Beruhigungspille im Vergleich zum kollegenreichen Arbeitszimmer sein. Dort, wo es nicht kompensierbare Leistungseinbrüche gibt, kann die Differenz durch finanzielle Förderung vom AMS oder Bundessozialamt abgegolten werden. Rund 40 Prozent der ibi-Klienten können so erfolgreich in die Arbeitswelt integriert werden.

"Komische Kollegen"

Dort ist vor allem Um- und Rücksicht angesagt, denn die Symptome sind nicht auf den ersten Blick als Kennzeichen einer psychischen Erkrankung erkennbar. Wer seinen Kollegen als "komisch" einstuft, sich belastet fühlt, weil der seine Arbeit nicht macht, zu still ist, oder für das Team belastend, der soll sich an den Chef wenden, rät Rossi. Was sie auch sagt: 59 Prozent der Klienten leben alleine und haben keine Kinder. Und: "Bei uns merkt man die Wirtschaftskrise. Wir haben ganz viele Leute, die einfach kein Geld haben, weil zum Beispiel die Mindestsicherung sehr niedrig ist." Auch die Working Poor nehmen zu. "Der arbeitet 20 Stunden und verdient 700 Euro. Das macht zwar die Menschen nicht ursprünglich krank, hindert sie aber sicher am Gesundwerden." (Regina Bruckner, derStandard.at, 28.4.2011)

Das Institut zur beruflichen Integration bietet Unterstützung bei der Arbeitssuche, oder Begleitung von Menschen, die zwar arbeiten, aber aufgrund ihrer Erkrankung Angst vor Jobverlust haben. Überlicherweise ist die Begleitung auf ein Jahr beschränkt. Sie ist für jene, die sie in Anspruch nehmen, kostenfrei.

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    Wer psychische Probleme hat, für den ist der Job ein Balanceakt, der allerdings zu bewältigen ist.

  • Karin Rossi: Psychische Erkrankungen machen Angst - nicht nur den Betroffenen, sondern auch Arbeitgebern und Kollegen
    foto: bruckner

    Karin Rossi: Psychische Erkrankungen machen Angst - nicht nur den Betroffenen, sondern auch Arbeitgebern und Kollegen

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