Aufbaukosten zehren an Japans Bonität

27. April 2011, 18:26
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Die enormen Schäden nach dem Tsunami und der Atomkatastrophe belasten Japans Kreditwürdigkeit

Die enormen Schäden nach dem Tsunami und der Atomkatastrophe belasten Japans Kreditwürdigkeit. Aber der Wiederaufbau bietet dem Land auch die Chance, sich durch lange überfällige Reformen neu zu erfinden.

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Tokio - Die Ratingagentur Standard& Poor's hat am Mittwoch die Kreditaussichten für Japans Staatsschulden auf "negativ" abgesenkt. Dieser Schritt geht einer möglichen Abwertung voraus. Bislang ist Japans langfristige Staatsschuld mit AA- ausgezeichnet.

Der Grund für die Androhung sind die hohen Schäden nach der Tsunamikatastrophe. Berechnungen von S&P zufolge kommen auf Japan nach Wiederaufbaukosten von bis zu 50 Billionen Yen (414 Milliarden Euro) zu. Dies entspricht vier bis zehn Prozent des Bruttoinlandsprodukts. Durch diese enorme Summe, würde die ohnehin extrem hohe Staatsschuld Japans weiter steigen.

Doch Japan hat keine Alternative. Zu groß ist der Schaden, den die Natur Land und Leuten verursacht hat. "Mindestens zehn Jahre wird der Wiederaufbau brauchen", schätzt Makoto Iokibe von der nationalen Verteidigungsakademie. Iokibe muss es wissen. Er war an der Sanierung Kobes beteiligt. Nun ist er als Vorsitzender des Rats für Wiederaufbau und damit Chefarchitekt für den Aufbau Nordost-Japans.

Er ist überwältigt von dem Ausmaß der Aufgabe. Schon beim Kobe dachte er, er würde zu Lebzeiten keine größere Tragödie mehr erleben. Damals starben 6400 Menschen. Doch das Beben der Stärke neun hat mit seinem Tsunami nicht nur mehr als 400 Kilometer Küste verwüstet und 27.000 Menschen getötet, sondern auch den Atomkraftwerkskomplex Fukushima II zerstört.

Allein die Aufräumarbeiten in der Tsunami-Region werden wohl drei Jahre brauchen, schätzt Iokibe. Zusätzlich hat die radioaktive Verstrahlung rund 10.0000 Menschen zu Obdachlosen gemacht. Und noch weiß niemand, ob und wann sie zurückkehren werden.

"Es ist daher nicht genug, das Alte wieder herzustellen, wir brauchen einen kreativen Wiederaufbau", sagt Iokibe. Schließlich waren die vom Tsunami getroffenen Fischerörtchen und Bauerndörfer schon vor dem Beben in einer schwierigen Situation. Nur hohe Schutzzölle der Regierung sorgten in den vergangene Jahren dafür, dass Kleinstbauerntum und Ein-Mann-Fischerei-Betriebe überleben konnten. Doch ein durchschnittlich eineinhalb Fußballfelder großer Hof ernährt heute keine junge Familie mehr. Das Durchschnittsalter der Bauern liegt daher bereits bei 65 Jahren.

Zuständig für die Ideensammlung im Wiederaufbaurat ist Jun Iio. "Schon vor dem Beben hatten wir einen gewaltigen Reformbedarf, aber keine Bewegung", sagt Iio. Nun müsste Japan endlich sicherstellen, dass die Bauern und Fischer auch in der globalisierten Welt überleben könnten. Dafür bricht der Wiederaufbaurat mit der strikten Zentralisierung von Entscheidungen, die bisher den Ministerien in Tokio große Macht verschafft haben. So wird der Rat mehrere Reformideen erstellen, von denen dann die Lokalregierungen und die Menschen vor Ort frei entscheiden können.

Dabei müssen auf allen Ebenen Widerstände überwunden werden. Ein Vorschlag wird sein, die Ortschaften auf Hügeln neu zu bauen. Denn die Planer haben gelernt, dass man mit der Natur Leben muss. Außerdem will die Regierung Landwirte und Fischer überreden, ihr Land und Fischereirechte in größere Firmen einzubringen und von den Dividenden zu leben. Durch diesen Verzicht sollen Höfe und Fischereibetriebe entstehen, die groß genug zum Überleben sind.

Der Einsatz ist hoch: Wenn es Regierung und Menschen gelingt, die Landschaften wieder zum Blühen zu bringen, kann der zerstörte Nordosten des Landes zum Symbol für eine Wiederbelebung Japans werden. Geht es schief, verpulvert das Land allerdings sehr viel Geld. (Martin Kölling aus Tokio, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 28.4.2011)

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    Die Händler an der Börse in Tokio ließen sich von der drohenden Abstufung durch die Ratingagentur Standard&Poor's nicht beeindrucken, der Nikkei-Index schloss am Mittwoch 1,4 Prozent im Plus. Doch die schweren Schäden nach Erdbeben und Tsunami dämpfen die Konjunkturaussichten.

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