Die Tage der Heuchler

27. April 2011, 18:28
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Wer eine hochgerüstete Armee besiegen will, muss kämpfen und das Leben von Soldaten riskieren

Bereitschaft zum Solidarischsein wird derzeit auf eine harte Probe gestellt. In Italien warten zwanzigtausend nordafrikanische Flüchtlinge bisher vergeblich auf eine Einreiseerlaubnis in andere EU-Staaten. In Libyen rufen die Aufständischen verzweifelt nach westlichen Bodentruppen, die ihnen im Kampf gegen das Gaddafi-Regime zu Hilfe kommen sollen. Und soll man den Massakern in Syrien weiter tatenlos zuschauen?

Schwierige Entscheidungen für die Staatskanzleien, aber auch für die Bürger, in deren Namen die Regierenden letzten Endes entscheiden müssen. Wir haben die Revolutionen in der arabischen Welt begeistert begrüßt. Wir haben gewusst, dass auf Umstürze zunächst Chaos und Wirtschaftsprobleme folgen. Wir sympathisieren mit den jungen Arbeitslosen aus Tunesien und den vielen anderen, die ihre turbulente Region verlassen haben. Vorderhand sind sie in Italien, sollen doch die Italiener zusehen, wie sie mit ihnen fertig werden.

Auch der Aufstand in Libyen hat in der europäischen Öffentlichkeit große Zustimmung ausgelöst. Alle loben die tapferen Rebellen, die mit wenig Erfahrung und unzulänglichen Waffen die Armee des Diktators herausfordern. Eine internationale Allianz ist ihnen mit Luftangriffen zu Hilfe gekommen. Damit, so hieß es, würde die Gaddafi-Luftwaffe lahmgelegt und der Sieg der Aufständischen gewährleistet. Inzwischen ist klar, dass das nicht genügt. Widerwillig und schrittweise ringen sich die Europäer zu mehr durch. Man sei bereit, humanitäre Transporte zu schützen, sagen die Deutschen. Franzosen, Briten und Italiener schicken Militärberater. Sogar aus Österreich sind ein paar Offiziere bereitgestellt worden. Aber immer mehr Militärexperten erklären, dass das nicht reichen wird. Wer eine hochgerüstete Armee besiegen will, muss kämpfen und das Leben von Soldaten riskieren.

Sterben für Libyen? Sich in einen Krieg verwickeln lassen, um einen Aufstand in einem fernen Land, das uns wenig bedeutet, zu schützen? Fast niemand in Europa ist bereit dazu. Von Syrien gar nicht zu reden. Und noch einen ganzen Schwung muslimischer Flüchtlinge bei uns aufnehmen? Kommt doch überhaupt nicht infrage.

Es ist die große Stunde der Heuchelei. Moralisten und Medien empören sich darüber, dass unsere Staaten seinerzeit gute Geschäfte mit arabischen Diktatoren gemacht und es gern gesehen haben, dass Muammar al-Gaddafi uns dafür die afrikanischen Flüchtlinge vom Hals gehalten hat. Aber haben wir dagegen protestiert? Wir wussten so gut wie jeder andere, dass in Libyen wie in Ägypten und Syrien keine demokratischen Regierungen am Ruder waren. Nur allzu gern haben wir das ignoriert. Inzwischen kritisieren unsere Medien auch mit Vorliebe Frankreich, das seine Grenzen gegen die aus Italien andrängenden Tunesier dichtgemacht hat.

Stimmt schon. Unsere Solidarität mit denen, die sich gegen ihre Unterdrücker erhoben haben, und auch mit dem EU-Land Italien, das die Hauptlast der Flüchtlinge trägt, ist enden wollend. Aber wenigstens unsere Heuchelei könnten wir ein wenig zügeln. Wir sind auch nicht besser. Eher noch schlechter. (Barbara Coudenhove-Kalergi/DER STANDARD, Printausgabe, 28.4.2011)

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