Das Geschwätz von gestern

27. April 2011, 19:58
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Den Mut, sich der Diskussion zu stellen, hatte die SPD-Spitze nicht - Von Birgit Baumann

Was kümmert mich mein Geschwätz von gestern?" Dieser Satz, der dem ersten Kanzler der BRD, Konrad Adenauer (CDU), zugeschrieben wird, hat gerade bei SPD-Chef Sigmar Gabriel Hochkonjunktur.

Im Herbst, als der ehemalige Berliner Finanzsenator und Bundesbanker Thilo Sarrazin (SPD) Deutschland mit menschenverachtenden Migrationsthesen beschäftigte, da stand Gabriel an vorderster Front der Sarrazin-Abschaffer. "Rausschmeißen" werde er ihn, tönte der SPD-Chef.

Jetzt ist es ein bisschen anders gekommen. Sarrazin hat eine windelweiche Erklärung abgegeben, dass er ja niemanden habe beleidigen wollen - was man halt so sagt, wenn man eigentlich nichts zurücknehmen will. Schon vollzieht Gabriel eine 180-Grad-Wende in atemberaubender Geschwindigkeit und versteckt sich im Osterurlaub.

Nicht dass die SPD Sarrazin nun doch behalten will, ist peinlich. Dafür gibt es gute Gründe - beispielsweise dass auch in der SPDdie Meinungsfreiheit ein hohes Gut ist, dass Demokratie auch einen wie Sarrazin aushalten muss, dass ein Ausschluss ihn erst recht zum Märtyrer macht.

Unerträglich aber ist das durchsichtige Kalkül Gabriels. Im Herbst, als Sarrazin-Bashing in war, wollte er ihn loswerden. Jetzt, wo sich dessen Buch immer noch prächtig verkauft und die Wahl in der SPD-Hochburg Berlin naht, wollte die SPD-Spitze das heikle Thema vom Tisch haben. Den Mut, sich der Diskussion zu stellen, hatte sie nicht.  (DER STANDARD, Printausgabe, 28.4.2011)

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