Streit um transparente Kleidung

27. April 2011, 17:56
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Das Europäische Parlament will die Produktion von Leiberln und Hosen für Konsumenten nachvollziehbar machen

Das Europäische Parlament will die Produktion von Leiberln und Hosen für Konsumenten nachvollziehbar machen. Für Österreichs Industrie sind Herkunftszeichen ein rotes Tuch. Die Preise für Textilien steigen.

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Wien - Haben Europas Konsumenten ein Recht darauf zu erfahren, woher ihre Shirts und Hosen kommen? Herkunftszeichen für Textilien sind ein Reizthema in der EU. Für Hersteller in Ländern wie Ös- terreich und Deutschland sind sie ein rotes Tuch. Italiener hingegen versprechen sich davon Aufwind für die eigene Industrie. Das EU- Parlament ist der Idee wohlgesonnen und macht nun Druck.

Bis Oktober 2013 soll die Kommission in einer Studie klären, ob es möglich ist, Produktionswege von Textilien nachvollziehbar zu machen und für Verbraucher entsprechend zu kennzeichnen. Gesetzesvorlagen sollen dafür her.

Debatten darüber wogen seit gut fünf Jahren. Das jüngste diskutierte Modell sieht ein "Made in" für Importe aus Staaten außerhalb der EU vor, die Türkei ausgenommen.

Handelsketten wie H&M handhaben das bereits freiwillig. Auch Konzerne wie Adidas, Puma und Nike geben Produktionsstandorte bekannt. NGOs wie Clean Clothes ist das zu wenig - sie drängen auf die verpflichtende Berichtspflicht über Herkunft, Sozial- und Umweltstandards. In Berlin appellieren sie heute erneut an die Politik.

Es brauche neben Transparenz auch genaue Haftungsregeln, sagt Gisela Burckhardt von Clean Clothes. Die Wirtschaft agiere global, die nationale Rechtsprechung jedoch verhindere Klagen gegen Arbeits- und Menschenrechtsverletzungen in Billiglohnländern. Dortige Werke ließen sich nicht mehr nach Europa zurückholen. Man müsse daher an Ort und Stelle die Arbeitsbedingungen verbessern.

Österreichs Industrie lässt keinen Zweifel daran, was sie von der Forderung der NGOs nach Made-in-Etiketten für Importe hält, nämlich nichts. Das sei reine Augenauswischerei und nicht mehr, sagt Franz Pitnik, Geschäftsführer des Fachverbands der Textil-, Bekleidungs-, Schuh- und Lederindustrie. Es scheitere schon allein an der Kontrolle: Das Ganze sei nicht überprüfbar, Textilien durchwanderten auf ihrem Weg zum Konsumenten in ihrer Produktion bis zu acht Länder. "Wer bestimmt dabei den Anteil der Wertschöpfung?"

Steirerhut aus Asien

Wolfgang Sima holt den Steirerhut hervor: In Asien erzeugt, werde er um drei Euro importiert und hierzulande mit dem gut 500 Euro teuren Gamsbart veredelt. Komme dann die Hutnadel noch aus Tschechien und aus Spanien das Band, wer könne da den Überblick bewahren, die Kontrollen zahlen, fragt der Vorsitzende der Sparte Bekleidung. Misstrauen sei angebracht, auch bei bestehenden Herkunftslabels. Er habe am "Made in Italy" durchaus seine Zweifel.

Österreichs Textilwirtschaft hat die Krise bis auf kleinere Nachwehen gut bewältigt, Umsatz und Export zogen quer durch die Sparten an. Turbulent bleibt das Geschäft dennoch, vor allem aufgrund der teuren Rohstoffe. Baumwolle koste der Industrie dreimal mehr als vor einem Jahr, sagt Branchenpräsident Reinhard Backhausen. Dabei werde es wohl bleiben, er rechne mit Preiserhöhungen für Textilien im zweistelligen Bereich.

Auch die Fertigung selbst könnte bald mehr kosten. Etliche deutsche Hersteller etwa kehrten aus China zurück nach Bulgarien und Rumänien, was das Personal dort knapp werden ließ, erzählt Sima. Die Löhne in China steigen, viele Näher sind nicht mehr bereit, für 50 Dollar im Monat zu arbeiten. (Verena Kainrath, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 28.4.2011)

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    Viele Näherinnen in Fernost sind nicht mehr bereit, für Dumpinglöhne zu arbeiten. Die Industriekarawane zieht weiter.

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