Monika Gintersdorfer kennt Côte d'Ivoire sehr gut. Sie arbeitet kontinuierlich mit ivorischen Performern. Ihr Stückpaket "New Black" eröffnet am Donnerstag das Donaufestival in Krems.
Mit der Regisseurin sprach Margarete Affenzeller.
Standard: Wann und wie haben Sie Côte d'Ivoire kennengelernt?
Gintersdorfer: Das war 2002, genau in dem Jahr, in dem die Rebellion
ausgebrochen ist. Ich reise jedes Jahr ein- bis zweimal hin. Im Februar war ich
das letzte Mal dort.
Standard: Wie sind Sie auf den ivorischen Tanzstil Coupé Decalé gestoßen,
der in Ihren Arbeiten oft vorkommt?
Gintersdorfer: Bei einer Aftershow-Party in Hamburg habe ich Bobwear
kennengelernt, einen ivorischen Designer. Er war sehr elegant gekleidet und hat
sehr schön getanzt. Durch ihn habe ich die Nachtclubs entdeckt, in denen
ivorische DJs mit ihren Coupé-Decalé-Shows auftraten.
Standard: Was genau ist Coupé Decalé?
Gintersdorfer: Eine Gruppe von acht ivorischen Männern, die sich La Jetset
nannten, haben diesen Lebens- und Tanzstil in Paris erfunden. Douk Saga war der
Chef, und sie haben diesen Tanz in den ivorischen Nachtclubs von Paris
verbreitet. Zugleich gab es eine Verbindung zur Hauptstadt der Elfenbeinküste,
Abidjan. Auch das Gehabe des ivorischen Präsidenten wurde in diese Shows
integriert. Coupé Decalé war nicht dafür gedacht, die Franzosen zu beeindrucken,
sondern dafür, die Elfenbeinküste zurückzuerobern.
Standard: Und es war ein Erfolg?
Gintersdorfer: Es war ein Mega-Erfolg, Coupé Decalé ist heute Mainstream und
wird in jedem Nachtclub gespielt. Die Ivorer betrachteten ihr Land immer als die
Perle Westafrikas, was durch die politische Krise stark beeinträchtigt wurde,
und das hat ihr Selbstbewusstsein gekränkt, aber im Coupé Decalé lebt dieses
Gefühl weiter. Früher war die kongolesische Musik dominant, mit Coupé Decalé
hatte man was Eigenes. Und das ist typisch: Diese Länder lieben es, sich
gegenseitig zu demütigen und mit dem anzugeben, was man hat. "Ihr habt Probleme,
wir haben keine!"
Standard: Coupé Decalé gibt es auch außerhalb von Côte d'Ivoire?
Gintersdorfer: Kamerun, Burkina Faso, Togo, Benin. Wenn man denkt, von welch
kleiner Gruppe das eigentlich ausgegangen ist, dann ist das ein Coup. Viele
sagen auch, es war ein kleiner künstlerischer Staatsstreich.
Standard: Im Kern Ihrer Arbeit steckt die Haltung, die Differenzen von
Kulturen beizubehalten?
Gintersdorfer: In unserer Arbeit bringen wir Performer aus Europa und
Westafrika zusammen. Das ist ein System, in dem man sich gegenseitig etwas
demonstriert und erklärt. Aber wir gehen nie davon aus, dass man sowieso
dasselbe tun könnte. Das ist eine Grundmaxime unserer Arbeit.
Standard: "New Black" umfasst mehrere Performances. Was meint der Titel
genau?
Gintersdorfer: Der Titel ist der Name eines Clubs in Abidjan. Diesem Club
haben wir unsere Arbeit gewidmet. Der erste Teil, Die Gesellschaft des
Bösen, lehnt sich an Macbeth an, indem wir die Logik des Bösen auf
afrikanische Länder anwenden, also Praktiken ablesbar machen, wie man an die
Macht kommen kann. Wir zeigen auch Die Kindertänzer und Logobi 01 und
die Preview auf Am Ende des Westerns, das sich mit den jüngsten
Entwicklungen in Côte d'Ivoire befassen wird.
Standard: Können die ivorischen Darsteller noch problemlos reisen?
Gintersdorfer: Viele Flüge waren aufgrund der Gefechte gestrichen, auch das
Genehmigen der Visa war ein Glück. Die Konten der Performer wurden zum Teil
eingefroren, und man weiß nicht, ob das Geld noch verfügbar ist. Also, die
ökonomische Situation ist seit Jänner so runtergekracht, dass nun jeder seine
Familie mitversorgen muss. Die Darsteller gehören zudem noch unterschiedlichen
politischen Richtungen an, das sorgt für Spannungen.
Standard: Sie gastieren derzeit mit vollem Programm beim Donaufestival.
Mit dem Stück Erleide meine Inspiration sind Sie auch im Wuk (3./4. 5. ).
Worum geht es da?
Gintersdorfer: Das beschäftigt sich mit Religion, Politik und Showbiz. Wir
haben immer versucht, einem Publikum, das wenig über eine andere Gesellschaft
weiß, an einem Theaterabend möglichst viel verständlich zu machen. Nicht nur
Showbiz-Inhalte.
Standard: Wie verschieden ist das Publikum in Europa und Afrika?
Gintersdorfer: In Abidjan wird das Publikum immer Teil der Aufführung. Die
sind nicht still wie das europäische, sondern die antworten. Die Performer
müssen sich oft richtig verteidigen, weil sich das Publikum so behauptet.
Standard: Sie bereisen das Land seit zehn Jahren intensiv. Wie hat es sich
verändert?
Gintersdorfer: Es hat immer Kämpfe gegeben, aber nur kurz und außerhalb der
Stadt. Jetzt aber wurde der Konflikt in die Stadt hineingetragen, dort, wo
Millionen Menschen unterschiedlicher Ethnien und politischer Überzeugungen
nebeneinander leben. Und es wird mit schwerem Geschütz gekämpft. Das kannte
niemand. Jeder in der Stadt weiß, wo der Minister wohnt, und auch, wo dessen
Mutter wohnt. Wenn sich die Situation auflädt, ist klar, vor welche Tür man
fahren muss. Es gibt keine Anonymität.
Standard: Anonymität ist ein Wert der westlichen Kultur?
Gintersdorfer: Ja, selbst in Millionenstädten gibt es Anonymität nicht. Ich
wurde in Abidjan wiedererkannt. Wenn jemand neu auftaucht in einer Straße, wird
sofort geklärt, wer ist das, und diese Info kursiert dann. Es ist nicht leicht
unterzutauchen.
Standard: Für Am Ende des Westerns haben Sie Politikergesten studiert.
Aber sind Politiker nicht eher einförmig?
Gintersdorfer: Das ist in Afrika überhaupt nicht der Fall. Politiker gehen
dort in ihrer Performance sehr weit, sie müssen die Fähigkeit haben, zu
begeistern, und sie sind rhetorisch gar nicht vorsichtig. (DER STANDARD, Printausgabe, 28.4.2011)
28.-30. 4.: "New Black" - Club, Animation, Performance, Musik. Krems, Stadtsaal und Messegelände, täglich ab 18 Uhr. Shuttlebus Wien-Krems-Wien.
Netzwerke, Premieren und der Tod von oben
Krems - Das heurige Donaufestival in Krems steht unter dem Motto "Nodes,
Roots & Shoots" - Knoten, Wurzeln und Triebe. Damit will Intendant Tomas
Zierhofer-Kin ästhetische wie menschliche Netzwerke aufzeigen und im Rahmen des
Festivals selbst herstellen. Etwa durch sich vor Ort ergebende Zusammenarbeiten
wie jener von John Cale mit Mitgliedern des Femous Orchesters diesen Freitag.
Eröffnet wird das Performance-, Kunst- und Musik-Festival am Donnerstag, und
es wird sich über die kommenden zwei Wochenenden erstrecken. Am Eröffnungsabend
wird in der (ausverkauften) Minoritenkirche der britische Musiker James Blake
seinen Songwriter-Dubstep präsentieren - eine Österreich-Premiere, ebenso wie
nächstes Wochenende der einzige Kontinentaleuropa-Auftritt des kanadischen Duos
Death From Above 1979. Weitere Gäste sind Laurie Anderson, Owen Pallett, Lydia
Lunch und viele mehr. (flu / DER STANDARD, Printausgabe, 28.4.2011)