Neuerlicher Selbstmord erschüttert Frankreich

Stefan Brändle, 27. April 2011, 17:22

France Télécom versprach bessere Jobbedingungen

Paris - Die Brandspuren an der Mauer in Mérignac wurden rasch beseitigt. Doch Blumenkränze und mehrere hundert trauernde Télécom-Angestellte erinnern an das tragische Ende des vierfachen Familienvaters Rémy L. in der Nähe von Bordeaux. Der 57-jährige Mitarbeiter von France Télécom / Orange hatte sich mit Benzin übergossen und in Brand gesteckt. Er wusste, dass noch mehr als eine Stunde vergehen würde, bis die ersten Kumpels am Arbeitsplatz erscheinen würden, versprach sich also keine letzte Rettung mehr. Nicht einmal ein Abschiedsschreiben hinterließ Rémy L. Einer seiner Söhne sieht hingegen einen "klaren" Grund für die spektakuläre Verzweiflungstat, die zweifellos von den Selbstverbrennungen der arabischen Revolutionen inspiriert worden war: "Das war die Art, wie France Télécom / Orange mit seiner Karriere umgegangen war."

In etwa zwei Jahren haben sich bei France Télécom und der Mobilfunksparte Orange 58 Angestellte das Leben genommen - zumeist am Arbeitsplatz und unter Angaben von beruflichen Motiven. "Der neuste Todesfall geht darüber hinaus und ist ein Signal der Auflehnung", sagt die Psychiaterin Brigitte Font Le Bret, Autorin eines Buches über die Suizidwelle bei Télécom mit dem Titel Während sie die Toten zählen.

In den letzten Monaten war die Zahl der Selbstmorde unter den 167.000 Konzernangestellten zurückgegangen. Der frühere Vorsteher Didier Lombard musste den Hut nehmen, sein Nachfolger Stéphane Richard gelobte, die Empfehlungen einer auswärtigen Betriebsstudie in die Tat umzusetzen. Er stoppte den Personalabbau und plante die Einstellung von 3500 neuen Mitarbeitern. Jetzt konnte er nur ankündigen, er werde "die furchtbare Tat untersuchen lassen".

Gewerkschafter wie Philippe Méric halten das für ungenügend, denn die Angestellten blieben "den gleichen Zielen wie vorher unterworfen". Die neue Direktion wirke wie die alte besessen von der Erhöhung der Kundenzahl, die heute 210 Millionen in 32 Ländern beträgt. Der miserable, oft kafkaeske Kundendienst halte mit dieser Entwicklung nicht mit und treibe Abonnenten auf die Palme.

"Gespannt, zum Teil aggressiv" ist die Stimmung im Unternehmen, wie eine Studie befand. Das gelte zum einen für die jungen, nur noch temporär angestellten Mitarbeiter in den Callcenters, zum anderen für die über 50-Jährigen, die noch das Beamtenstatut des früheren Service-Public-Anbieters France Télécom genössen.

In Frankreich fallen noch zwei Drittel unter dieses Regime, das sich in der schnelllebigen und profitorientierten Branche wie ein Steinzeitfossil ausnimmt. Weil den Télécom-Veteranen bis zur Rente nicht gekündigt werden kann, sehen sie sich oft in neugeschaffene Abteilungen versetzt oder zurückgestuft. Viele Orange-Selbstmörder haben diese "Beförderung in den Besenschrank" in Briefen als Motiv für ihre Tat angegeben. (
Stefan Brändle aus Paris, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 28.4.2011)

Hugh G. Rection
00
28.4.2011, 11:00
btw...

... die Instrumentalisierung ist schon auch mustergültig. Wenn man die durchschnittliche Selbstmordhäufigkeit in der Bevölkerung gegenüberstellt, dann ist diese Anzahl alles andere als außergewöhnlich.

Nestor Machno
 
00
27.4.2011, 20:22
Eine sehr seltsame Art von „Protest“,

sich selbst wegzuräumen.

Weder einem selbst noch jemandem anderen ist damit gedient. Und bei der Telecom klingelt ja offenbar nach wie vor die Kasse, also steckt sie solche „Betriebsunfälle“ locker weg. Schlimmstenfalls kann man wieder den Chef auswechseln. Sowas bewährt sich immer: Wenn die SACHE – Gewinn – sakrosankt ist, so können für „Mißstände“ nur PERSONEN verantwortlich sein.

Gegenflieger
00
27.4.2011, 19:38

Warum kommt keiner auf die Idee,statt sich umzubringen dem Mobbern einfach die Obszönsten Sachen ins Gesicht zu sagen die auf dieser Welt möglich sind,ist gut für die Seele und man nimmt die Kündigung lockerer.

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