"Für ein Zwergen-Honorar nicht unbegrenzt haften"

1. Mai 2011, 17:00
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Der Berufsstand der Wirtschaftsprüfer ist ins Kreuzfeuer der Kritik geraten

Wien - Soziales Agieren kann komplex, das Spiel mit dem Vertrauen gefährlich sein. Zwischen zwei Menschen, aber auch in der Wirtschaft, bei der lapidar gesagt, das Vertrauen doch dazu da sei,  Komplexität zu reduzieren. Das Vertrauen in die Märkte hat mit der globalen Wirtschaftskrise bekanntlich einen herben Verlust erlitten, Schuldige wurden gesucht und gefunden, unter anderen: die Wirtschaftsprüfer. Leidet das Image des Berufsstandes unter der Krise?

"In Österreich spüren wir nichts davon", sagt Kurt Schweighart, Wirtschaftsprüfer und Partner bei LeitnerLeitner in Wien. "Der Wirtschaftsprüfer ist aber nur Teil einer Governance-Struktur: Da gibt es einen Vorstand, der den Jahresabschluss ausstellt. Und die Aufsichtsräte, denen es in ihren Positionen teilweise an Fachwissen und Unabhängigkeit fehlt. Fehler ergeben sich aus der Summe in einer Prüfungskette." Die EU-Kommission will die Wirtschaftsprüfer jedenfalls gängeln, hat in einem Grünbuch die Unabhängigkeit der Wirtschaftsprüfer in Frage gestellt und erwägt massive Verschärfungen. Wer wen prüft und welches Honorar bezahlt wird, könnte künftig von staatlicher Seite festgelegt werden. "Der gesamte Berufsstand sieht das als nicht administrierbar an. Irgendjemand muss am Ende des Tages ja entscheiden. Um die weltweite Abhängigkeit von den Big Four zu reduzieren und für mehr Wettbewerb zu sorgen, dazu gäbe es aber gute Ansätze", sagt Schweighart. Die "Big Four", also die größten Prüfer am Markt, sind Pricewaterhouse Coopers, Deloitte, KPMG sowie Ernst & Young.

"Wir zählen nicht nur Belege"

Die Branche gibt sich kritisch, die Prüfer zeigen Beharrungstenzenden, bangen um ihre Pfründe. Derzeit wird hierzulande nach dem internen Rotationsprinzip geprüft, das heißt eine Prüfungsgesellschaft wechselt alle paar Jahre die Partner mit ihrem Team, bleibt aber immer Auftragnehmer ein und desselben Unternehmens. Eine Lösungsmöglichkeit böte eine externe Rotation, bei der nicht nur das Team sondern die gesamte Firma rotiert. Schweighart: "Die großen Finanz-Causen wären durch interne Rotation nicht zu verhindern gewesen. Durch externe aber sehr wohl."

Ein weiterer Ansatz um effektiver kontrollieren zu können, wären sogenannte "Joint Audits". Das heißt, Prüfungsgesellschaften sind verpflichtet, sich ein Mandat zu teilen. Das sei eine gute Mischung aus einem internationalen Big Player und einem lokal-internationalen Unternehmen und biete eine "optimale Lösung für Unternehmen, die im öffentlichen Interesse stehen beziehungsweise an der Börse notieren".

LeitnerLeitner ist ein Nischenplayer, war aber bei der Umstrukturierung der österreichischen Bankenlandschaft als Rädchen im Einsatz. Bei einer Wirtschaftsprüfung wird sichergestellt, dass der Jahresabschluss, der vom Management aufgestellt wird, richtig ist. Die klassische Herangehensweise: Gedanken machen über Umfeld des Unternehmens, Gespräche mit Entscheidungsträgern suchen, Risikosituation verstehen. "Das ist aber keine klassische Prüfung mehr in dem Sinne, dass Belege gezählt werden und geschaut wird, ob diese richtig verbucht wurden", sagt Schweighart. Die Vorprüfung ist wichtig, so können Prüfungshandlungen reduziert werden. Namen von Kunden werden keine genannt, das wüssten diese zu schätzen. "Auch wenn die großen Prüfer mit ihren Kunden gerne hausieren gehen."

Automechaniker hat kein unbegrenztes Risiko

Womit der Berufsstand ebenfalls zu kämpfen hat, ist das polarisierende Bild, dass in der Politik von der Branche gezeichnet wird. Der Wirtschaftsprüfer verdiene sehr viel Geld, leiste eigentlich nichts und wolle obendrein für seine Arbeit keine Verantwortung, sprich Haftung, übernehmen. Diverse SPÖ-nahe Organisationen fordern seit geraumer Zeit, dass die Haftungsbegrenzung bei grober Fahrlässigkeit ganz fällt. Kurt Schweighart sieht die Problematik in der Definition des Begriffes der groben Fahrlässigkeit. Der Übergang sei "fließend". "Ich tue mir das doch nicht an, dass ich mit einem Richter zu tun habe, dessen Meinung von einem Sachverständigen gesteuert ist. Der Sachverständige gibt eine eindeutige Meinung aus, damit sich der Richter sicher sein kann. Und malt schwarz-weiß, was in Verbindung mit einer unbeschränkten Haftung nicht tragbar ist", sagt Schweighart. Man bewege sich schließlich oft in einem Graubereich.

Die Haftungsobergrenzen liegen derzeit bei 12 Millionen, bei Großbanken bei 18 Millionen Euro. Im Berufsrecht der Wirtschaftsprüfer heißt es, dass alle Risiken angemessen versichert werden müssen. Konfliktpotenzial ergibt sich in diesem Zusammenhang auch mit der Honorargestaltung. "Es kann nicht sein, dass wir unbegrenzt haften und am Ende des Tages für ein Zwergen-Honorar arbeiten. Die Großmandate zwischen den Big Four werden hin und her geschupft, wobei die Stundensätzen bei 50 bis 60 Euro liegen. Haben Sie schon einmal ihr Auto in der Reparatur gehabt und eine Mechaniker-Stunde bezahlt? Der verlangt 60 bis 70 Euro die Stunde und hat aber kein unbegrenztes Risiko." Für Schweighart wird in der Diskussion in falschen Relationen gedacht.

Weg vom Status quo

So manche Kritik muss sich die Branche der Wirtschaftsprüfer aber gefallen lassen. Was man nicht geschafft hat, ist, der breiten Masse zu erklären, wie das Geschäft eigentlich funktioniert. Oft wird in der Öffentlichkeit nur auf nackten Zahlen herumgehackt, die bei einer Abschlussprüfung bereits wieder Monate alt sind. Schweighart würde gerne den Inhalt der Jahresabschlussprüfungen reformiert sehen. "Es müssten mehr zukunftsgerichtete Daten veröffentlicht werden, der Fokus mehr auf Art der Budgetierung, Einhaltung des Budgets in den ersten beiden Quartalen sowie auf die Liquiditätssituation gelegt werden. Das muss ein qualitativer Bericht sein."

Genau da setzt auch die EU einen Hebel an. In Zukunft sollen die Prüfer vermehrt zukunftsorientierte Analysen erstellen, ihr Prüfungsmandat ausgeweitet werden. Das erfordert ein Mehr an Flexibilität und auch an Frustrationstoleranz. Bleibt da Platz für eine Work-Life Balance? Schweighart: "Ja, schon. Wer aber auf Dauer Projekt-Geschäfte, Konferenz-Telefonate und Bürotage an Wochenenden nicht will, soll lieber etwas anders machen." (Florian Vetter, derStandard.at, 2.5.2011)

  • In Zukunft sollen Wirtschaftsprüfer vermehrt zukunftsorientierte Analysen erstellen, ihr Prüfungsmandat ausgeweitet werden.
    foto: standard/corn/deloitte

    In Zukunft sollen Wirtschaftsprüfer vermehrt zukunftsorientierte Analysen erstellen, ihr Prüfungsmandat ausgeweitet werden.

  • Kurt Schweighart, Wirtschaftsprüfer bei LeitnerLeitner, sagt, dass die Krise noch nicht vorbei ist: "Wir machen sehr viele Unternehmenstransaktionen, wo wir Health Checks für Erwerber machen. Dabei merken wir, dass die Anzahl der Transaktionen weniger wird und auch deren Größe abnimmt. Das ist ein guter Indikator."
    foto: leitnerleitner

    Kurt Schweighart, Wirtschaftsprüfer bei LeitnerLeitner, sagt, dass die Krise noch nicht vorbei ist: "Wir machen sehr viele Unternehmenstransaktionen, wo wir Health Checks für Erwerber machen. Dabei merken wir, dass die Anzahl der Transaktionen weniger wird und auch deren Größe abnimmt. Das ist ein guter Indikator."

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