"Seit dem Wintersemester halte ich Vorlesungen kostenlos"

29. April 2011, 10:11
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Der emeritierte Boku-Professor Blum über seine Gratisvorlesungen an der Uni und die Mängel des Bachelor-Studiums

Seit Oktober 2009 könnte Winfried Blum seine Emeritierung genießen. Weil er seine Universität unterstützen möchte, hält der Professor für Bodenkunde jedoch weiter seine Vorlesungen und betreut Abschlussarbeiten. Über die Budgetnöte der Universität für Bodenkultur, Spaß am Studieren und die Kompetenzen von Bachelor-Absolventen sprach er mit Katrin Burgstaller.

derStandard.at: Sie sind im Oktober 2009 emeritiert, unterrichten aber weiter an der Universität für Bodenkultur und zwar gratis. Warum machen Sie das?

Blum: Ich mache das, weil ich die Universität unterstützen möchte, allerdings nicht das Ministerium. Wir sind hier in finanziellen Schwierigkeiten. Ich habe mich bereit geklärt, einige Vorlesungen ohne Entgelt zu lesen. Abgesehen davon macht es mir auch Spaß, mit jungen Menschen zu diskutieren.

derStandard.at: Wie viele Vorlesungen würde es nicht geben, wenn Sie das nicht gratis machen würden?

Blum: Es sind zwei im Augenblick. Seit dem letzten Wintersemester lese ich diese kostenlos.

derStandard.at: Ist die Universität auf Sie zugekommen und hat Sie darum gebeten?

Blum: Ja, man hat es mir vorsichtig angedeutet und ich habe zugesagt weil ich zu meiner Universität stehe, für die ich schon 30 Jahre tätig bin. Ich will vor allem nicht, dass die Studierenden Abstriche machen müssen. Ich betreue zudem eine ganze Reihe von Diplomarbeiten und Dissertationen. Dafür gibt es ohnehin keine Bezahlung.

derStandard.at: Von 2013 bis 2015 werden der Boku 33 Millionen für den laufenden Betrieb fehlen. Welche Konsequenzen wird dieses finanzielle Loch mit sich bringen?

Blum: Ich kann mir das noch gar nicht vorstellen, wie es dann laufen soll. Ich bin auch ziemlich überzeugt, dass uns die Politik nicht fallen lässt. Denn das wäre extrem kontraproduktiv für die zukünftige Entwicklung dieses Landes. Österreich verkauft keine Bodenschätze, sondern es verkauft Wissen. Die ganze Basis unserer Wirtschaft beruht auf Menschen, die dazu in der Lage sind, sehr komplizierte Verfahrensschritte zu entwickeln. Es ist eine absolute Notwendigkeit, dass Österreich alles dafür tut, um einen hervorragenden Wissensstand zu garantieren.

derStandard.at: Was ist der Grund für das Budgetloch an der Boku?

Blum: Die Politiker haben befürwortet, dass Bologna eingeführt wird. Bologna bedeutet eine viel intensivere Betreuung der Studierenden. 95 Prozent der österreichischen Kollegen haben aber keine Ahnung wie ein angloamerikanisches Universitätssystem, das für Bologna ja Vorbild ist, in der Praxis funktioniert. Es ist ein prüfungsbegleitetes Lehrsystem mit mindestens drei Semesterprüfungen pro Lehrveranstaltung, in denen der Wissensstand der Studierenden überprüft wird. Das ist eine sehr personalintensive Ausbildung. Wir haben derzeit Vorlesungen mit 200 Studierenden und mehr. Mit dem geringen Budget dieses System führen zu wollen ist lächerlich. Wir leisten uns den Luxus weiter das Studium zu verschulen und forcieren zeitliche Verzögerungen durch über mehrere Semester fragmentierte Lehrveranstaltungen.

derStandard.at: Gehen mit der Verschulung der Universitäten wesentliche Kompetenzen verloren?

Blum: Personalmanager und Headhunter haben mir vor zwei Jahren noch erzählt, wenn sie einen Absolventen brauchen, der ein Team führen kann, holen sie sich diesen nur im mitteleuropäischen Raum, weil diese Leute gelernt haben, eigenständig zu denken. Im Studium waren diese Leute gezwungen eigenständig zu arbeiten um weiterzukommen. Die Bachelor-Absolventen aus dem angloamerikanischen Raum können Unternehmen nicht universell einsetzen. Sie arbeiten am besten in Teams unter einer entsprechenden Leitung.

derStandard.at: Jene, die im alten Studienplan vor Einführung des Bachelorstudiums studiert haben, halten Sie für selbstständiger?

Blum: Absolventen des alten Diplomstudiums sind absolut selbstständiger. Ihnen muss nichts vorgekaut werden und sie werden nicht durch ein verschultes Bachelorstudium durchgezogen. Man hatte mehr Freiräume, konnte seine eigenen Interessen besser verfolgen. Die Leute wissen auch gar nicht so genau, was sie mit dem Bachelor machen sollen. Der Titel ist kaum anerkannt. Der Bologna-Studienplan ist noch immer nicht optimal aufgezogen.

derStandard.at: Wie kommt es, dass HochschullehrerInnen, die so wie Sie aus dem alten System kommen, sich so einfach in das Bolognasystem transferieren ließen? Hätte man sich stärker zur Wehr setzen müssen?

Blum: Man hat uns ein sehr aufwändiges System aufgedrängt, das uns sehr hohe Personalkapazitäten abverlangt. Die dafür zusätzlichen finanziellen Mittel stellt man uns jedoch nicht zur Verfügung. Man hätte sich bei der Einführung stärker zu Wehr setzen müssen. Das Problem ist, die Leute hatten keine Erfahrung mit Bologna, sie wussten nicht, was auf sie zukommt.

derStandard.at: Was raten Sie jungen Leuten, die heute zu studieren beginnen?

Blum: Studieren sollte man nur das, was einem Freude macht. Macht es keine Freude, ist man hoffnungslos jenen unterlegen, denen es Spaß macht. Man sollte möglichst früh überlegen, wo man einmal hinmöchte. Selbst wenn man sich dann umorientiert, hat man trotzdem etwas aufgebaut. In Zukunft wird man ohnehin nicht nur einen einzigen Beruf sein Leben lang ausüben, sondern man wird viel flexibler sein müssen. (Katrin Burgstaller, derStandard.at, 29. April 2011)

WINFRIED E.H. BLUM, geboren 1941 in Freiburg im Breisgau ist Professor für Bodenkunde an der Universität für Bodenkultur. Er emeritierte im Oktober 2009.

  • Winfried Blum: "Macht es keine Freude, ist man hoffnungslos jenen unterlegen, denen es  Spaß macht."
    foto: boku

    Winfried Blum: "Macht es keine Freude, ist man hoffnungslos jenen unterlegen, denen es Spaß macht."

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