Waffen der Revolution: Das Diktiergerät

27. April 2011, 15:45
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Moez Jemai ist Regionalkorrespondent eines Mediums, das lange in seiner Heimat Tunesien nur mit Schwierigkeiten zu hören war. Seit mehr als zwei Jahren arbeitet er für das Oppositionsradio Kalima, das bisher nur über Internet sendet. Die Seite www.kalimatunisie.com wurde vom Regime geblockt. Über allerlei Tricks war sie dennoch abrufbar. Die Chefs, die beiden Menschenrechtler und Journalisten Sihem Bensedrine und Omar Mestiri, waren im Exil, eine Truppe junger Radioamateure vor Ort. Moez ist einer von ihnen.

Der 32-jährige Verwaltungsangestellte einer Schule deckt den Süden Tunesiens ab. Mit seinem Aufnahmegerät und einem in die Jahre gekommenen Notebook produziert er Reportagen. "Soziale Bewegungen, Probleme mit der Verwaltung, Menschenrechtsverletzungen, Proteste aller Art ...", zählt Jemai auf, über was er berichtet. Bei einer dieser Reportagen, im südtunesischen Zarzis, von denen die Immigranten mit ihren Booten Richtung Lampedusa ablegen, lernte ich Moez kennen.

Stolz nennt er einen internationalen Presseausweis sein eigen. Doch auch der schützte ihn nicht immer. Die politische Polizei des am 14. Januar gestürzten Diktators Zine El Abidine Ben Ali verfolgte ihn ständig. Unmittelbar vor Ende der Diktatur verschwand Moez zweimal für mehrere Tage hinter Gittern, das erste Mal wurde er nach Tunis gebracht, das zweite Mal auf die Wache in seiner Heimatstadt Gabès. Moez wurde misshandelt. Zum Beweis zeigt er seine linke Hand. Der kleine Finger ist krumm und steif. "Gebrochen", erklärt der Radiomacher. "Ich habe meine Reportagen für Kalima gemacht, aber mich auch per Handy von Al Jazeera interviewen lassen", erinnert er sich.

In den Wochen der Protestbewegung, die zum Sturz des Präsidenten Ben Ali führte, verbreitete Kalima mehr als ein Dutzend erschreckender Nachrichten, lange bevor die großen Presseagenturen darauf aufmerksam wurden. Ob blutige Polizeieinsätze, Schusswaffengebrauch gegen Protestierende, Kalima war meist vor Ort.

Moez wurde wenige Minuten nachdem Premier Mohamed Ghannouchi im Radio bekannt gab, dass Ben Ali das Land verlassen hatte, freigelassen. Es war der 14. Januar, gegen 19 Uhr. "Ich wusste nicht, warum sie mich plötzlich aus der Zelle holten. Ich kam auf die Straße und sah keine Polizei, nur Armee", erinnert sich Moez an diesen Augenblick. Verwundert ging er nach Hause. Erst dort erfuhr er vom Sturz des Diktators.

Was bisher hauptsächlich politisches Engagement war, wird für Moez und seine Kollegen jetzt zum Beruf. "Wenn wir auf UKW gehen, gibt es Verträge für alle", erklärt er zufrieden. Die Lizenz ist beantragt, ein Studio in der Hauptstadt Tunis eingerichtet. Möglich wird das durch internationale Unterstützung aus mehreren europäischen Ländern, allen voran Frankreich. Radio France hat eine Studioeinrichtung geschenkt. Kalima hat Partner in Tunesien gefunden, die das erste freie Radio finanzieren wollen. Ein Unterstützerverein soll die Hörer zum Spenden bewegen. (Reiner Wandler, derStandard.at, 27.4.2011)

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    foto: wandler
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