Aufstand der Kopftuchmädchen

    27. April 2011, 10:33
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    Mit mutigen Ideen und provokant formulierten Thesen beschreibt die SPD-Politikerin Lale Akgün die Grundzüge eines modernen Islams nach ihren Vorstellungen

    Im Oktober 2009, noch vor der Veröffentlichung von "Deutschland schafft sich ab", sorgte der damalige SPD-Politiker Thilo Sarrazin mit einem in der Zeitschrift "Lettre Internationale" abgedruckten Interview für Kontroversen. "Die Türken erobern Deutschland genauso, wie die Kosovaren das Kosovo erobert haben: durch eine höhere Geburtenrate", sagte Sarrazin damals. Und weiter: „Ich muss niemanden anerkennen, der vom Staat lebt, diesen Staat ablehnt, für die Ausbildung seiner Kinder nicht vernünftig sorgt und ständig neue kleine Kopftuchmädchen produziert."

    "Kein Kadavergehorsam"

    Sarrazin verwendet/e das Wort "Kopftuchmädchen" abwertend, provozierend und synonym für die von ihm konstatierte Integrationsunwilligkeit von Türken (bzw. Muslime im Allgemeinen). Die langjährige SPD-Politikerin Lale Akgün greift in ihrem Buch "Aufstand der Kopftuchmädchen" den Begriff zwar auf, besetzt ihn aber positiv um. Während für Sarrazin das "Kopftuchmädchen" der Inbegriff von Unmündigkeit, Unreflektiertheit und schlechter Ausbildung ist, ist Akgün fest davon überzeugt, dass muslimische Frauen und Mädchen "mit immer mehr Bildung" in Zukunft "keinen Kadavergehorsam" mehr leisten. Stattdessen werden sie die Dogmen ihrer Religionsausübung hinterfragen und ihren Verstand nutzen, "um ausgetretene Pfade zu verlassen und den Islam aus seinem fundamentalistischen Gefängnis zu befreien", so Akgün weiter. Einem Gefängnis, dessen Fundament aus der "Vermengung patriarchalen Denkens und der Scharia" bestehe.

    Moderner Islam

    Wie kann der Islam aus diesem Gefängnis, das in der "wortwörtlichen und dumpfen mittelalterlichen Lesart der religiösen Quellen" wurzelt, befreit werden? Indem er zeitgemäß interpretiert wird, lautet die von Akgün gegebene Antwort. Wie solch eine Interpretation aussehen kann, zeigt die Autorin, wenn sie die Gründzüge eines modernen Islams nach ihren Vorstellungen darlegt und damit einen Einblick in einen Islam jenseits von „Kopftuch, Zwangsheirat und Ehrenmord" gibt.

    Gleichberechtigung von Frauen und Männern

    In Akgüns Interpretation eines zeitgemäßen, modernen Islams ist die Gleichberechtigung von Männern und Frauen (auf allen Ebenen) zentral gesetzt. Denn wo Gleichberechtigung herrsche, „dürfen Frauen alles, was auch Männer dürfen" und folglich müsse sich keiner „mehr oder weniger verhüllen" als der andere: Kein Kopftuch. Keine Burka.", resümiert die Autorin. Weiters sollten Frauen und Männer heiraten dürfen, wen sie wollen. Wenn muslimische Männer nichtmuslimische Frauen heiraten dürfen, sollte umgekehrt dasselbe gelten. Nicht zuletzt spricht sich die Autorin auch für die Gleichberechtigung von Lesben und Schwulen aus.

    "Sex vor der Ehe ist in Ordnung"

    Im Gegensatz zur derzeit geltenden, konservativen Auslegung des Islams ist in Akgüns moderner Islaminterpretation Sex vor der Ehe „in Ordnung", da der Koran lediglich einen "ethischen Umgang der Partner miteinander" verlange. Folglich sei auch die Jungfräulichkeit „keine Forderung des Islam". Unter bestimmten Bedingungen sei es nach dem Koran möglich, Schweinefleisch zu essen, der Islam spreche sich nicht per se gegen Alkoholgenuss, sondern gegen Alkoholmissbrauch aus. Und: "Wenn Frauen dasselbe wie Männer tun dürfen, so können sie selbstverständlich auch Imaminnen werden."

    Religion als Machterhalt

    Doch liefert Lale Akgüns Buch weit mehr denn "nur" eine moderne Islam-Interpretation, die - was nicht zu verwundern mag - in traditionell-konservativen und orthodoxen Kreisen auf vehementen Widerstand stößt. Vielmehr zeigt die Autorin auf, auf welche Art und Weise die Religion von unterschiedlichen Personen und Gruppen (wie beispielsweise Imame, PolitikerInnen oder Moscheeverbände) für den eigenen Machterhalt instrumentalisiert wird.

    Mit "Aufstand der Kopftuchmädchen" legt Lale Akgün ein gut zu lesendes Buch vor, das vor allem durch seine mutigen Ideen und provokant formulierten Thesen, die mit Zitaten aus dem Koran gestützt werden, überzeugt. Ein neuer, erfrischender Impuls in der sogenannten Islam- und Integrationsdebatte. Lesenswert! (Meri Disoski, daStandard.at, 27. April 2011)

    Akgün, Lale: Aufstand der Kopftuchmädchen. Deutsche Musliminnen wehren sich gegen den Islamismus. München: Piper 2011.

    • Artikelbild
      foto: piper verlag
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