"Als ob wir zu einer Wand reden"

26. April 2011, 18:53
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Gao Ge, die ältere Schwester des chinesischen Künstlers und Dissidenten Ai Weiwei, beklagt den Umgang der Polizei mit ihrem Anfang April festgesetzten Bruder - Auch von Folter ist die Rede

Standard: Wissen Sie, wie es Ihrem Bruder Ai Weiwei geht?

Gao: Wir erfahren immer noch nichts. Weder meine Mutter Gao Ying noch Ai Weiweis Frau Lu Qing haben seit seiner Festnahme vor mehr als drei Wochen das Geringste erfahren. Wir wissen nicht einmal, wo er festgehalten wird, wo wir für ihn Arzneien oder Kleidung abgeben können. Keine Polizeistelle erklärt sich zuständig. Solange kein Verfahren eingeleitet ist, können wir auch keinen Anwalt einschalten. Wir sind hilflos. Die Behörden verhalten sich uns gegenüber, als ob wir zu einer Wand reden.

Standard: Die Nachrichtenagentur Xinhua meldete, dass gegen Ai Weiwei wegen vermuteter Wirtschaftsverbrechen ermittelt würde?

Gao: Über besondere Zeitungen und Zeitschriften werden alle möglichen Vorwürfe und Unterstellungen ohne direkte Aussage der Ermittlungsbehörden lanciert. Solange das so ist, ist es ein Zeichen, dass die Regierung ihm ein Verbrechen anhängen will. Wir wissen nicht mal, wo sein zugleich verschwundener Cousin, sein Fahrer Liu, sein Buchhalter und sein Mitarbeiter Wen Tao geblieben sind. Vor zwei Tagen haben wir furchtbare, aber unbestätigte Nachrichten über Dritte gehört. Danach würde Ai Weiwei barbarisch gefoltert, um ihn ein Geständnis abzupressen. Wir haben von den Behörden verlangt, dass sie Stellung zu solchen Meldungen nehmen. Aber sie geben auch dazu keine Antwort. Das alles ist eine furchtbare Qual für unsere Familie.

Standard: Haben Sie gehört, dass Ai Weiwei vom amerikanischen "Time Magazine" unter die 100 einflussreichsten Persönlichkeiten der Welt gewählt wurde? Er hat zuletzt auch eine Gastprofessur an Berlins Universität der Künste bekommen. Seine Arbeiten werden am 29. April bei den Berliner Galerietagen gezeigt.

Gao: Das haben wir gehört, Meine Familie ist für solche Unterstützung außerordentlich dankbar. Jede Anerkennung seiner künstlerischen Leistung bewirkt auch, dass mehr Leute von seiner Kunst erfahren. Viele in China verstehen nicht, was es mit der Aktionskunst von Ai Weiwei auf sich hat. Das nutzen seine Ankläger. Sie greifen Beispiele auf, um ihn als Regierungsfeind hinzustellen oder ihm Pornografie zu unterstellen.

Standard: Wie geht es Lu Qing und Gao Ying?

Gao: Ich lebe mit unserer Mutter zusammen. Sie ist tief verletzt. Ich führe für sie auch die Telefonate, weil sie schwer hört, sich aufregt und immer weint. Ai Weiweis Atelier ist verwaist. Alle Mitarbeiter sind weg. Meine Mutter hat Lu Qing dort besucht. Das leere Atelieranwesen wirkt deprimierend. Wie tief kann eine Regierung sinken, wenn sie so mit einem Künstler umgeht?

Standard: Nach Chinas Gesetzen müssten Sie nach 30 Tagen wissen, was mit Ai Weiwei passiert.

Gao: Es gibt Gesetze. Aber wer sagt, dass sie angewendet werden müssen? Ai Weiweis Vater, der Dichter Ai Qing, der einst 21 Jahre lang nichts schreiben durfte, hat uns, als er noch lebte, oft ein Sprichwort zitiert: Dem Xiucai-Gelehrten nützen die besten Argumente nichts, wenn er es mit Soldatenknechten zu tun hat. Wir warten jetzt auf die Anklage. (Johnny Erling aus Peking, STANDARD-Printausgabe, 27.04.2011)

GAO GE (59) ist die Tochter des regimekritischen Dichters Ai Qing und die Schwester von Ai Weiwei. Die Familie lebte 20 Jahre lang in Verbannung, unter anderem in der Mandschurei und in der Provinz Xinjiang.

  • Ai Weiwei in typischer Pose: Familienbild zum Geburtstag der 
Mutter Gao Ying 2008. Ais Frau Lu Qing sitzt neben der Mutter links, 
Schwester Gao Ge ganz links
    foto: gao ge

    Ai Weiwei in typischer Pose: Familienbild zum Geburtstag der Mutter Gao Ying 2008. Ais Frau Lu Qing sitzt neben der Mutter links, Schwester Gao Ge ganz links

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