Im heutigen Westfalen gab es Plesiosaurier

    26. April 2011, 19:42
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    Fast wäre der Fund in einer Tongrube zu Ziegeln verarbeitet worden. Dank seines jungen Entdeckers schließt die neue Art Westphaliasaurus simonsensii eine Lücke im Meeresechsen-Stammbaum

    Mit den Worten "Hic sunt dracones" (Lateinisch für: Hier sind Drachen) wurden in den Zeiten der Entdeckungsfahrten unerforschte Gebiete oft auf Landkarten gekennzeichnet und mit Bildern von Ungeheuern illustriert. Paläontologen der Uni Bonn sorgten nun mit der Erstbeschreibung einer neuen Plesiosaurier-Gattung dafür, dass "Hier sind Drachen" auf einem bisherigen weißen Fleck auf der Karte der Evolution der mesozoischen Meeresreptilien eingetragen werden kann.

    Der 188 Millionen Jahre alte Fund in einer Tongrube nahe der westfälischen Stadt Höxter sorgte schon bei der Bergung im Frühsommer 2007 für Aufregung in der Fachwelt. Nun wurde die langhalsige Paddelechse von der Bonner Studentin Leonie Schwermann und dem Paläontologie-Professor Martin Sander im Rahmen einer Diplomarbeit als neues Taxon Westphaliasaurus simonsensii klassifiziert.

    Doch kein Ende als Ziegel

    Das fast vier Meter lange Skelett ist bis auf den Kopf, die ersten Halswirbel und einzelne Knochen der Paddel vollständig erhalten. Die rekonstruierte Gesamtlänge des Tieres beträgt rund 4,5 Meter, wovon allein etwa 38 Prozent auf den Hals entfallen. Dass der Saurier aus der Tongrube nicht als Dachziegel endete, ist nur dem Umstand zu verdanken, dass sein Entdecker Sönke Simonsen nach dem Fund einiger Schwanzwirbel die Bedeutung erkannte und sofort die zuständigen Behörden verständigte.
    Dafür wurde der junge Forscher und Fossiliensammler, der damals erst 19 Jahre alt war und die Internet-Community Steinkern.de betreibt, nun mit der Namensnennung im Art-Epitheton simonsensii geehrt.

    Für die Bergung, die wegen des steigenden Grundwasserspiegels umgehend durchgeführt werden musste, wurde das Skelett mit Kunstharz ummantelt und in zehn hunderte Kilo schwere Blöcke unterteilt. Die Präparation wurde zusätzlich erschwert, da in den Knochen teilweise Pyrit eingelagert ist, der unter Einfluss von Feuchtigkeit und Sauerstoff zu rascher Oxidation neigt. Der Schädel des Tieres ist wegen einer geologischen Störungszone in diesem Bereich nicht erhalten.

    Westphaliasaurus simonsensii schließt sowohl räumlich als auch zeitlich eine Lücke im Stammbaum der Plesiosaurier: Für Norddeutschland ist der Fund einzigartig, und auch aus dem frühen Pliensbachium, einer Stufe des unteren Jura, sind keine vergleichbaren Stücke bekannt. Seine nächsten Verwandten stammen aus älteren und jüngeren Stufen in England und Süddeutschland.

    Die neu beschriebene Art ist nunmehr eine von lediglich sechs verschiedenen Spezies der Familie der Plesiosauridae, einer Gruppe frühjurassischer Meeresechsen mit langem Hals und kleinem Kopf, die mit den Pliosauriern (großer Kopf mit kräftigen Kiefern, kurzer Hals), Elasmosauriern (extrem langer Hals) und anderen die Ordnung der Plesiosaurier bildet.

    Die Plesiosaurier traten erstmals vor mehr als 200 Millionen Jahren in der späten Trias auf und starben vor rund 65 Millionen Jahren am Ende der Kreidezeit mit den Dinosauriern aus.

    Höxter-Saurier in Münster

    Der Saurier aus Höxter ist noch bis 20. November im Rahmen der Ausstellung "Fundgeschichten" neben zahlreichen weiteren Ausgrabungsfunden aus Nordrhein-Westfalen im Museum für Archäologie in Herne zu sehen, danach bezieht er im Westfälischen Museum für Naturkunde in Münster sein endgültiges Domizil. (Michael Vosatka/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 27.4. 2011)


    Links

    Ansichtssache: Westphaliasaurus simonsensii: Der Fund eines Lebens

    Ausstellung "Fundgeschichten" in Herne. Im Rahmen der Ausstellung werden archäologische und paläontologische Funde der vergangenen fünf Jahre aus Nordrhein-Westfalen präsentiert. Die Exponate, vom britischen Lancaster-Bomber bis zur ältesten Vorratskammer eines Nagers, werden im Kontext mit ihrer jeweiligen persönlichen Entdeckungsgeschichte gezeigt.

    Video: Fund des Lebens

    Informationen über Plesiosaurier: Plesiosauria.com

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