Deutschlands Jobwunder auf tönernen Beinen

26. April 2011, 18:00
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7,3 Millionen Menschen in Deutschland arbeiten in 400-Euro-Jobs, Tendenz rasant steigend - Auch in Österreich steigt die Zahl der geringfügig Beschäftigten - Das muss aber nicht nur negativ sein, meinen Wirtschaftsforscher

Wien/Berlin - Nach einem Dutzend Klicks auf der Webseite der Deutschen Bundesagentur für Arbeit (BA) steht sie da, die Zahl, die am Dienstag in Deutschland für Aufruhr sorgte. 7,3 Millionen Deutsche arbeiten laut BA-Statistik als geringfügige Beschäftigte mit einem Monatsgehalt von maximal 400 Euro. Jede/r vierte Angestellte und ArbeiterIn ist somit ein sogenannter Mini-Jobber, das sind um 1,6 Millionen mehr als 2003.

Die Zahlen sind dabei nicht einmal neu. Die Statistik der Bundesagentur steht seit September 2010 online. Aber eben gut versteckt, weshalb sie die Süddeutschen Zeitung erst jetzt gefunden hat und was auch erklärt, warum die Wogen plötzlich so hoch gingen.

GewerkschafterInnen, SoziologInnen und selbst Arbeitgeberverbände sprachen von einer fatalen Entwicklung im Niedriglohnsektor. Die Linke sah in den Zahlen sogar den Beleg für das "arbeitspolitische Versagen" der Regierung. 2003 gab es in der Bundesrepublik 4,3 Millionen Arbeitslose. Derzeit sind es "nur" 3,2 Millionen. Ist die Geschichte vom "Jobwunderland" Deutschland nur ein Märchen - stecken die einst Arbeitslosen jetzt im Niedriglohnsektor fest, wie die Linke andeutet?

Kein Krankengeld

"Was die Frauen betrifft, so ist dieser Befund richtig. Ein großer Teil der arbeitslosen Frauen sind tatsächlich in Mini-Jobs gegangen", meint Gerhard Bosch, Professor für Arbeitssoziologie an der Uni Duisburg-Essen im Standard-Gespräch. Neben RentnerInnen, Arbeitslosen und Jungen sind Hausfrauen die größte Gruppe unter Mini-Jobbern, die meisten (6,3 Millionen) arbeiten in Westdeutschland.

"Diese Form des Mini-Einkommens wurde zunächst als Zusatzverdienstmöglichkeit geschaffen. Inzwischen ersetzen sie in vielen Branchen normale Voll- und Teilzeitarbeit", so Bosch. Tatsächlich boomt der Sektor erst seit einer umfassenden Reform unter der rot-grünen Regierung 2003. Damals entfiel im Rahmen der Hartz-Gesetze die Begrenzung auf 15 Wochenstunden bei den Minilöhnen und die Verdienstgrenze wurde auf 400 Euro angehoben. Wer unter dieser Grenze bleibt, bezieht sein/ihr Gehalt steuer-, und abgabenfrei, was laut Bosch erst den Anreiz dafür schafft, einen Minijob anzunehmen.

Die Folge: Während noch bis Mitte der 90er-Jahre die Lohnungleichheit in Deutschland rückläufig war, explodiert seither die Zahl gering Entlohnter (Kriterium: unter zwei Drittel des Medianlohnes), fand die Bertelsmann-Stiftung in einer Studie 2010 heraus.

Denn die meisten Mini-JobberInnen sind NiedriglöhnerInnen, das heißt sie werden für die gleiche Arbeit schlechter bezahlt als Voll- oder Teilzeitkräfte. "Zudem bekommen die meisten kein Urlaubs-, und kein Krankengeld. Das ist zwar illegal, aber nur die wenigsten trauen sich vor Gericht", so Bosch. Die Bertelsmann-Stiftung kritisierte auch, dass kaum Aufstiegsmöglichkeiten bestehen, "größere Sprünge" bei den Löhnen sind sehr selten, so die Forscher. Dabei beziehen 4,9 Millionen Menschen in Deutschland nur ein Gehalt als Mini-Jobber.

Von der Tendenz her ähnliche Entwicklungen gibt es auch in Österreich, allerdings doch auf einem deutlich niedrigeren Niveau. Im zehnmal kleineren Österreich gibt es 23-mal weniger geringfügig Beschäftigte als in Deutschland. Aktuell sind es laut Hauptverband der Sozialversicherungsträger rund 308.000 Menschen geringfügig beschäftigt. Die aktuelle Verdienstgrenze dafür liegt bei 374 Euro im Monat. Ein Grund, warum es in Österreich nicht so viele geringfügig Beschäftigte gibt, liegt in der rechtlichen Konstruktion. Kommt man mit einem Zweitjob über die Grenze hinaus, ist das Gesamteinkommen sozialversicherungspflichtig. In Deutschland müssen für die ersten 400 Euro nie Beiträge gezahlt werden - selbst wenn man in Summe deutlich mehr verdient. Vielleicht auch deshalb gab es in Österreich 2009 nur rund 34.000 Menschen, die zwei unselbständige Jobs hatten. Diese Zahl hat seit 2000 sogar um 9000 abgenommen.

Allerdings: Die Zahl der Geringfügigen ist seither dennoch um gut 100.000 angestiegen (siehe Grafik). WirtschaftsforscherInnen sehen dieses Phänomen aber nicht durchwegs negativ. In einer gemeinsamen Studie des Wifo und des deutschen Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung kam heraus, dass Menschen, die einen Job im Niedriglohnsektor annehmen, in der Folge bessere Jobchancen haben als Menschen, die arbeitslos sind. Das gilt sowohl für Deutschland als auch für Österreich.

Trotzdem hat der Niedriglohnsektor weiterhin ein höheres Arbeitslosenrisiko als Bereiche, in denen höhere Löhne gezahlt werden. Was nicht überrascht: Je jünger die Arbeitskräfte sind und je höher der Ausbildungsgrad ist, desto größer ist die Chance, den Sprung aus dem Niedriglohnbereich zu schaffen. (Günther Oswald, András Szigetvar, DER STANDARD, Printausgabe 27.4.2011)

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