Geil auf Chancengleichheit

26. April 2011, 17:34
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Die ÖVP legt Integrationspolitik in die Hände einer neuen Generation - Hoffen wir, dass sie sich nicht länger an den Negativparolen der FPÖ orientiert - von Alexander Pollak

Geil ist, was erregt. Und ganz ehrlich, ein bisschen geil ist er schon, der neue Integrationsstaatssekretär. Adrett gekleidet, blondes, zurückgekämmtes Haar, volle Lippen, selbstbewusstes Auftreten. Er liebt fette Geilomobile, und er ist jung und wirkt trotz einiger Jahre in der Politik noch nahezu politisch unbefleckt.

Geil ist allerdings auch der andere, nicht mehr ganz so junge Herr, der noch kein politisches Amt innehatte und sich ebenfalls für Integration zuständig fühlt - die Integration der anderen natürlich. Er heißt H.-C. Strache und führt jene Partei an, die nunmehr schon seit 25 Jahren die Politik in Österreich macht, die am meisten erregt. Im Jahr der Waldheim-Wahl erklomm Jörg Haider den Vorsitz der FPÖ und setzte Maßstäbe in Sachen geiler rechtspopulistischer Politshow. Die Strahlkraft dieser Politik scheint keine Halbwertszeit zu kennen. Ihr Erfolgsgeheimnis ist simpel, besteht sie doch nur aus einer einzigen Zutat: dem Spiel mit negativen Emotionen.

Schimpfen, abkanzeln

Denn geil ist, worüber und worauf man schimpfen kann. Etwa das Schimpfen über Asylsuchende - "diese Asylbetrüger!" , "Wirtschaftsflüchtlinge!" , "Scheinasylanten!" Mindestens ebenso geil ist das Abkanzeln sogenannter Integrationsunwilliger, die an allen Ecken lauern und die verdächtige Religionszugehörigkeiten, unnütze Sprachkenntnisse, einen zu dunklen Teint oder einfach die falschen Namen haben. Und ganz besonders geil ist es, wenn zum Schimpfen auf "die anderen" auch noch Herrschaftsgelüste mit ins Spiel kommen - "der Herr im Haus, das sind wir!"

Wenn dann dem Schüren negativer Emotionen auch noch Taten folgen, wenn Menschen in Schubhaft gesteckt und außer Landes verfrachtet werden, wenn Integrationshürden aufgebaut werden, an denen Menschen scheitern und Lebensperspektiven zerbrechen, dann ist die maximale Geilheit erreicht. Das glaubt zumindest die Bundesregierung - und liegt damit falsch. Denn bis jetzt hat sie weder mit ihrer Abschiebepolitik noch mit den immer neuen Schikanen für zugewanderte Menschen und deren Angehörige auch nur einen einzigen Geilheitswähler zurückgewonnen.

Warum? Weil die Sucht nach negativer Emotion durch die Schaffung und den Vollzug menschenfeindlicher Gesetze keineswegs gestillt wird. Der kurze Moment der Befriedigung wird, sofern er sich überhaupt einstellt, rasch abgelöst durch das Verlangen nach dem nächsten Schub negativer Emotion - am besten in einer noch etwas höheren, noch etwas schärferen Dosis.

Die Regierung hat sich, gebannt auf die geile Politik der FPÖ starrend, in einer Spirale der Negativgesetzgebung verfangen. Dabei gäbe es eine Alternative - und die muss gar nicht Geilheitsabstinenz lauten. Denn es gibt sie, die andere Geilheit. Ich oute mich hiermit als empfänglich dafür. Ich finde es geil, wenn Menschen, die, aus welchen Gründen auch immer, nach Österreich geflüchtet sind, eine echte Chance erhalten. Ich spüre einen emotionalen Kick, wenn ich, wie kürzlich, ein junges Paar treffe, das mir von seiner strapaziösen Flucht erzählt, von den grauenhaften Zuständen in den griechischen Asylgefängnissen, in denen sie waren, und davon, dass sie es jetzt endlich geschafft haben - sie haben Asyl in Österreich bekommen - und damit die Chance, sich ein neues Leben aufzubauen.

Unrechtsgesetze verhindern

Ich finde es auch geil, wenn Unrechtsgesetze verhindert werden. Und ich finde es geil, wenn Menschen nicht nur eng- und kurzsichtig ausschließlich an ihren eigenen Vorteil denken, sondern für Rechte kämpfen, die allen Menschen zugutekommen.

Ich stehe mit meiner etwas anderen Geilheit übrigens nicht allein da. Wir sind eine wachsende Minderheit. Heute, Mittwoch, haben wir ein großes Treffen beim Wiener Westbahnhof. Von dort marschieren wir zum Parlament, machen unseren Emotionen über das geplante Fremden-Unrechtspaket Luft und fordern die Politik dazu auf, den Abbau von Menschenrechten und das Graben immer tieferer gesellschaftlicher Gräben zu stoppen. Wir gehen für eine menschenfreundliche Politik auf die Straße. Und irgendetwas sagt mir, dass das nicht nur geil, sondern auch richtig ist. (DER STANDARD Printausgabe, 27.4.2011)

ALEXANDER POLLAK

ist Sprecher von SOS Mitmensch

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