Laut pfeifen auf die Karotte vor der Nase

27. April 2011, 07:00
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"Drückt euch aus, bleibt nicht z'Haus!": In Wien gibt es heuer nach zwei Jahren Pause am 1. Mai wieder eine Mayday-Parade

Reden von Faymann und Konsorten auf dem Wiener Rathausplatz, Grillhendl im Prater oder die traditionellen Mai-Aufmärsche zu für Sonntage doch recht früher Stunde: Für all jene, die am ersten Mai an diesen Programmpunkten kein Gefallen oder kein politisches Zuhause finden, gibt es heuer nach einer zweijährigen Pause wieder die Gelegenheit, bei der Anti-Prekariats-Parade "Mayday" dabei zu sein.

Anfang Februar beschlossen AktivistInnen sich wieder zu organisieren und der "Entsicherung der Lebens- und Arbeitsverhältnisse den Kampf anzusagen." Die Parade soll jene verbinden, die aus halbwegs sicheren Arbeitsverhältnissen oder sonstigen Zusammenschlüssen, die mitunter auch Schutz bieten, herausfallen. Die "Vereinzelten sollen verbunden, die Verunsicherten gestärkt" werden, heißt es auf der Webseite Mayday Wien.

Wem der Alleingang und die Überbelastung trotz Unterbezahlung schon zu selbstverständlich sind, um dagegen zu sein, helfen vielleicht ein paar Fragen der AktivistInnen auf die Sprünge, um sich kommenden Sonntag der Parade zugehörig zu fühlen: "Musst du arbeiten? Willst du arbeiten? Hast du bezahlte Arbeit? Darfst du arbeiten? Darfst du hier leben? Wovon lebst du? Hast du freie Zeit? Was machst du, wenn du krank bist? Was machst du im Alter?" oder auch "Was wünschst du dir?" - ein kleiner Evaluierungsleitfaden sozusagen, um sich der Verhältnisse bewusst zu werden, die existieren oder die eine/einen umgeben.

So Klein und schon prekär

Nachdem die eigene oder die Situationen anderer erkannt und benannt wurden, kann zur Aktion geschritten werden. Auch am 1. Mai soll Agitation und Sichtbarkeit jener im Zentrum stehen, die weder in Kollektivverträgen, Interessensgruppen, Gewerkschaften oder Versicherungen in Erscheinung treten, wie etwa Erwerbsarbeitslose, Projekt-, Teilzeit- oder LeiharbeiterInnen, unbezahlte ReproduktionsarbeiterInnen oder die sogenannten "neuen Selbstständigen".

Neben den zentralen Inhalten Arbeits- und Lebensverhältnisse oder freier Bildungszugang, sind heuer Kinder ein großes Thema der Mayday-Parade. "Auch unsere Kinder sind schon direkt oder indirekt von prekären Lebensverhältnissen betroffen. Deshalb ist es wichtig, solidarisch auch für ihre Rechte einzustehen", heißt es in einer aktuellen Aussendung der Mayday-Wien OrganisatorInnen. Kinder samt deren Eltern leiden nicht nur an dem Mangel an Krippenplätzen, sondern auch unter der Tatsache, dass bei ohnehin raren Kinderbetreuungsplätzen Eltern mit Normalarbeitsverhältnissen bevorzugt werden. "Am Absurdesten ist das bei Erwerbsarbeitslosen: Eigentlich sollen sie dem Arbeitsmarkt zur Verfügung stehen, um Anrecht auf einen Krippenplatz zu haben, brauchen sie aber ein Beschäftigungsverhältnis." Daher wird dieses Jahr den jüngsten Demonstrierenden mit dem "Kinder-Wagen-Block" ein ganzer Bereich eingeräumt. So soll nicht nur den politischen Anliegen für Kinder Platz gemacht werden, sondern auch eine geschützter Raum für sie auf der Parade geschaffen werden.

In Seenot

Seit 2001 protestieren mit dem Alarmsignal in Seenot geratener Schiffe ("Mayday") Menschen, die sich von herkömmlichen Institutionen der ArbeiterInnenbewegung nicht mehr vertreten fühlen. Neben Mailand, wo der Protest zum ersten Mal in dieser Form stattfand, zogen 2004 andere Städte in Europa nach, weshalb sie auch unter dem Titel "EuroMayDay-Parade" durch die Strassen marschierten.

In Wien wurde erstmals 2005 "MAYDAY! MAYDAY!" gerufen und auch heuer sehen die VeranstalterInnen dringenden Handlungsbedarf. Sie raten, "auf die Karotte vor der Nase zu pfeifen, die das schöne Leben verspricht". Auch vor geruhsamem Warten auf einen Lichtblick, die Revolution, die neoliberale Apokalypse oder eine soziale Bewegung wird gewarnt, denn wie auch der Titel des Mayday-eigenen Parade-Songs meint, wäre "Noch zu warten (ist) Wahnsinn". Da bleibt laut Mayday-AktivistInnen nur eines: "Do ist yourself: Wir sind die Bewegung!" (beaha, dieStandard.at, 27.4.2011)

Info

Treffpunkt: Mai, 14 Uhr, Wallensteinplatz / Karl-Meißl-Straße bei der Osteria Allora
1200 Wien

Links

Mayday Wien

Zum Mobilisierungsvideo

  • Das Plakat zur heurigen Mayday-Parade am 1. Mai.
    foto: plakat mayday wien 2011

    Das Plakat zur heurigen Mayday-Parade am 1. Mai.

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