"Bräuchten einen Cadillac, fahren aber einen Käfer"

26. April 2011, 19:17
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Die neue Geschäftsführerin des FWF, Dorothea Sturn, fordert aufgrund der großen Nachfrage wieder einmal mehr Mittel. Die Qualität verlangt es, sagt sie

Standard: Die kürzlich vorgestellte Forschungsstrategie der Regierung ist reich an großen Worten und Plänen. Auch der Grundlagenforschung soll es bis 2020 viel besser als heute gehen. Und das, obwohl das Budget des Wissenschaftsfonds als ihr wichtigster Förderer derzeit eingefroren ist und den Unis zuletzt gesagt wurde, dass sie eher mit weniger als mit mehr öffentlichen Mittel rechnen müssen. Besteht da nicht die Gefahr, dass die großen Worte leere Worte waren?

Sturn: Die Strategie bildet tatsächlich nicht die derzeitige finanzielle Situation ab. Einerseits ist unser Budget eingefroren, andererseits lesen wir von Plänen, die nicht zu diesem Kurs passen. Da fragt man sich, wie das funktionieren soll. Wir bräuchten, wenn alles, was da geschrieben steht, realisiert wird, sehr viel mehr Geld. Da geht es um die Ausweitung der Mittel, die im Wettbewerb an die Universitäten vergeben werden, da geht es um die Exzellenzcluster und nicht zuletzt auch um die Overheads, die die Mehrkosten abdecken sollten, die den Universitätsinstituten durch erfolgreiche Anträge ihrer Wissenschafter entstehen. Alleine das würde 30 bis 35 Millionen mehr ausmachen. Wie man vom derzeitigen Notsparplan zum Ziel, 2020 immerhin 3,76 Prozent des BIPs für Forschung auszugeben, kommen will, ist mir nicht ganz klar. Ich bezweifle, dass die Kängurutaktik hilft: weite Sprünge mit leerem Beutel.

Standard: Ist eine Änderung in Sicht? Und woher soll das Geld kommen?

Sturn: Wir haben in unserer Mehrjahresplanung für 2014 eine Steigerung, wenn auch nur eine moderate, eingeplant. Von 172,5 Millionen auf 187,6 Mio. Euro. Die Erfahrung sagt, dass das machbar sein könnte: Heuer steuerte die Nationalstiftung mit 19,4 Mio. zum Beispiel um 9,4 Mio. mehr bei als im vergangenen Jahr. Das Wissenschaftsministerium hat dennoch nicht gesagt: "Hurra, da müssen wir nicht so viel dem FWF geben!", sondern ist bei seinem Anteil von fast 152 Mio. geblieben. Und wir können wieder Overheads zahlen, zwar nur auf einem Teil der Programme, aber immerhin. Das war beides positiv. Ich muss aber auch sagen: Die Anträge steigen stetig an. Wir bräuchten eigentlich einen Cadillac, fahren aber einen VW-Käfer.

Standard: Zumal mit dem IST Austria (Institute of Science and Technology Austria) in Gugging ein starker Mitbewerber heranwächst. Wie viel wird das IST einwerben?

Sturn: Das IST Austria ist ja erst am Start. Im Vollbetrieb wird es sicher ein wichtiger und willkommener Kunde des FWF sein. Aber man darf die anderen Player nicht vergessen: Die Universitäten werden, da das Uni-Budget eher nicht wachsen wird, auch vermehrt auf Drittmittel setzen. Da hat sich in den letzten Jahren auch viel im Bereich Qualität getan – natürlich vor allem, was Berufungen betrifft. Damit gibt es für uns nicht nur mehr, sondern auch bessere Anträge. Ambitionierte Wissenschafter reichen mehr Projekte ein und sollten, wenn es gute Projekte sind, dafür unterstützt werden.

Standard: Welche Bewilligungsquote bräuchten Sie, um die Qualität, die es offenbar gibt, zu fördern?

Sturn: Wir haben derzeit 25 Prozent. Von hundert beantragten Euro können also nur 25 genehmigt werden. Das ist nicht viel. Wir kämen mit einer Bewilligungsquote von vierzig Prozent zu einem Punkt, wo wir sagen könnten: Vieles, was wirklich förderungswürdig ist, kriegt von uns Geld. Aber wir können auch dann nicht sagen: Alles, was wir ablehnen, ist Schrott. Da gäbe es noch viele Lücken zu schließen. Die Schweizer haben Bewilligungsquoten von ungefähr 50 Prozent und jammern ganz fürchterlich darüber, weil sie sagen, ihr Wissenschaftssystem könnte locker 70 Prozent vertragen. In unserer Wahrnehmung wird die Qualität stetig besser, und wenn der FWF nur mit höherer Wettbewerbsintensität darauf reagierten könnte, wäre das für die Leistungsfähigkeit unseres Wissenschaftssystems schlecht.

Standard: Können Sie belegen, dass tatsächlich so viele Anträge förderungswürdig sind?

Sturn: Es gibt Statistiken. Wir unterscheiden ganz klar Anträge, die vom Kuratorium auf Basis internationaler Gutachten abgelehnt werden, weil sie schlecht sind, von Anträgen, die gut sind, aber abgelehnt werden müssen, weil wir kein Geld mehr haben. Und Letztere sind auch diejenigen, wo wir sagen: Liebe Universitäten, nehmt das doch auch als ein Qualitätssignal! Wir evaluieren Forschungsprojekte, beschäftigen Gutachter aus aller Welt, wir geben euch damit etwas in die Hand, womit ihr intern arbeiten könnt.

Standard: Die Universitäten sagen, sie haben kein Geld ...

Sturn: Das ist schon richtig. Aber wir können bei der Schwerpunktsetzung mit Qualitätssignalen mithelfen. Natürlich sitzen wir mit den Universitäten in einem Boot, und es ist keineswegs so, dass einer von uns beiden besonders üppig ausgestattet wäre. In der Diskussion werden wir auseinanderdividiert. Gibt man einen Euro entweder uns oder gleich an die Universitäten. Wir sagen natürlich, bei uns ist er besser aufgehoben, weil wir ihn im Wettbewerb vergeben. Und die Universitäten sagen: Wir brauchen jeden Euro, sonst müssen wir den Betrieb einstellen.

Standard: Einmal angenommen, der Bund kann nicht mehr zahlen. Woher könnte denn sonst noch das Geld für Grundlagenforschung kommen?

Sturn: Prinzipiell: Grundlagenforschung ist weltweit eine Aufgabe der öffentlichen Hand. Wir bemühen uns aber durchaus um mehr, um neue, zusätzliche Finanzierungsquellen. Die Bundesländer sind ein Stichwort, auch Stiftungen und Ähnliches. Das sind sehr aktuelle Bemühungen. Wo gibt es in Österreich Industrie, die Grundlagenforschung finanziert? Mir fällt sofort das Institut für Molekulare Pathologie ein, das vom Pharmakonzern Boehringer Ingelheim getragen wird. Aber auch das IST Austria zeigt, dass mit hoher Qualität private Mittel mobilisierbar sind. Schön wäre es, wenn sich bei uns eine Stiftungskultur wie beispielsweise in Deutschland entwickelte.

"Exzellenzcluster sind als Königsdisziplin konzipiert. Wir müssen aber darauf achten, dass die Grundversorgung sichergestellt ist."

Standard: Während hier aber noch jeder Euro umgedreht wird, denken Politiker gern in Exzellenzclustern. Ist das nicht eigentlich ein Widerspruch?

Sturn: Nicht unbedingt. Die Exzellenzcluster zielen darauf ab, optimale Bedingungen für große Zentren der Spitzenforschung zu schaffen, um international sichtbarer zu werden. Sie sind als Königsklasse konzipiert, und dass davon positive Impulse für das Gesamtsystem erwartbar sind, zeigt die deutsche Exzellenzinitiative, die mit großem Erfolg seit mehreren Jahren läuft. Gleichzeitig müssen wir darauf achten, dass die Grundversorgung sichergestellt ist. Schwerpunkte kann man nur dann bilden, wenn die kleinteiligeren Bottom-up-Strukturen einwandfrei ihre Funktion erfüllen können.

Standard: Setzen Sie selbst für sich den Maßstab, als Geschäftsführerin des FWF nur dann Erfolg zu haben, wenn Sie diese Grundversorgung ermöglichen?

Sturn: Es haben sich neue Exzellenzkerne aufgetan, es sind sehr viele neue gute Leute nach Österreich gekommen, und die Wissenschaft lebt. Die Weiterentwicklung dieser Landkarte, die der FWF ja maßgeblich mitgezeichnet hat, das wäre das allererste Kriterium. Dann gibt es da natürlich auch andere Dinge: Optimierung von Programmen, wobei wir uns nicht scheuen sollten, gegen Partikularinteressen zu agieren, möglicherweise nicht jeden einzelnen glücklich zu machen, wenn es der Sache insgesamt dient. Dann gibt es interne Kriterien. Wenn ich sagen kann: Der Laden ist gut aufgestellt, entwickelt kreativ Neues, kann innovativ auf Trends reagieren und wird auch so wahrgenommen, die Organisation stimmt, wir haben eine gute Mischung von Geschlecht, Alter, Qualifikation und Kompetenz, dann kann ich insgesamt doch zufrieden sein. (Peter Illetschko/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 27.4. 2011)

Dorothea Sturn, Jahrgang 1960, studierte Pädagogik, Politikwissenschaft und Volkswirtschaft an den Universitäten Heidelberg und Bremen. Sie leitete die Technologie-Impulse-Gesellschaft (TIG) und den Bereich Strukturprogramme der Österreichischen Forschungsförderungsgesellschaft (FFG). Zuletzt war sie für Qualitätssicherung an der Universität Wien zuständig. Seit 7. Jänner 2011 ist sie Geschäftsführerin des Wissenschaftsfonds FWF.

WISSEN: Fonds für die Grundlagen

Der Wissenschaftsfonds FWF wurde 1967 gegründet, um Grundlagenforschung in Österreich zu unterstützen. Die Qualitätsbeurteilung erfolgt im Rahmen eines internationalen Peer-Review-Verfahrens. Die Mittel werden durch Projektförderungen ohne thematische Vorgaben vergeben. 2010 wurde über mehr als 2000 Anträge entschieden, 691 Projekte wurden neu bewilligt. Rund 3400 Personen waren mit FWF-Mitteln angestellt. Mit Elise-Richter- und Hertha-Firnberg-Stipendien setzt der FWF u. a. Schwerpunkte auf die Förderung von Frauen in der Wissenschaft, daneben werden Doktoratskollegs und disziplinenübergreifende Spezialforschungsbereiche finanziert. Ein Förderprogramm für Exzellenzcluster ist derzeit noch in der Warteschleife. (red/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 27.4. 2011)

  • "Ich bezweifle, dass die Kängurutaktik  hilft, um die Ziele der Forschungsstrategie zu erreichen: weite Sprünge  mit leeren Beuteln." – Etwa viermal so viele Anträge wie Mittel sieht Dorothea Sturn, Geschäftsführerin des Wissenschaftsfonds FWF. Dabei stagniert die  Nachfrage nach Mitteln nicht – im Gegensatz zum Budget des FWF.
    foto: schubert/fwf

    "Ich bezweifle, dass die Kängurutaktik hilft, um die Ziele der Forschungsstrategie zu erreichen: weite Sprünge mit leeren Beuteln." – Etwa viermal so viele Anträge wie Mittel sieht Dorothea Sturn, Geschäftsführerin des Wissenschaftsfonds FWF. Dabei stagniert die Nachfrage nach Mitteln nicht – im Gegensatz zum Budget des FWF.

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