Die verlorene Welt der Wiesenotter

26. April 2011, 19:25
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Bereits 1951 als erste Giftschlange der Welt unter Schutz gestellt - vergeblich: Versuche, die in Österreich ausgestorbene Art wieder heimisch zu machen, werden skeptisch gesehen

Sie hat keine Beine, ist graubraun, hat Augen mit einem senkrechten Pupillenspalt und am Rücken ein dunkelgraues Zickzackband. Sie ist keine Kreuzotter und in unserem Land ausgestorben. Die Rede ist von der Wiesenotter, einer in Ostösterreich einst häufig vorkommenden Giftschlange, der Verfolgung und vor allem die landwirtschaftliche Intensivierung den Garaus gemacht haben. Nun gibt es Bestrebungen, sie wieder anzusiedeln - doch Experten sehen das höchst kritisch.

Die maximal 50 Zentimeter lange Wiesenotter (Vipera ursinii rakosiensis) der pannonischen Tiefebene wurde ursprünglich für eine kleine Kreuzotter gehalten, ehe man sie 1893 als Angehörige einer eigenen Art erkannte. Sie jagt am Tag, vorwiegend Grillen und Heuschrecken, seltener auch Eidechsen, Mäuse und Frösche. Im Spätsommer oder Frühherbst bringen die lebendgebärenden Weibchen drei bis acht Junge zur Welt, die zwölf und 16 Zentimeter lang sind und knapp zwei Gramm wiegen.

Den Winter verbringen die Schlangen, die im Freiland fünf bis zehn Jahre alt werden, in Nagetierbauten, auch sonst leben sie sehr versteckt. Über ihre Giftigkeit für den Menschen wird Unterschiedliches berichtet: Die Palette reicht von "mit einem Bienenstich vergleichbar" bis zu "durchaus beachtlich". Gefressen werden die Schlangen von fast allen: Störche, Reiher, Weihe, Fasane, Wildschweine, Füchse und Dachse gehören zu ihren Feinden. Die Wiesenotter kam dennoch bis Anfang des 20. Jahrhunderts von Wien bis in den Seewinkel sehr häufig vor, doch dann ging es bergab.

Während es Ende des 19. Jahrhunderts in Laxenburg bei Wien, wo die Dichte der Schlangen besonders hoch war, noch Tötungsprämien für jedes erschlagene Tier gab, wurde sie 1951 als erste Giftschlange der Welt unter Schutz gestellt. Vergeblich, wie sich herausstellte. Bis auf ein paar Einzelexemplare im Burgenland gab es Anfang der 1980er-Jahre keine Wiesenottern mehr in Österreich, und auch der einst umfangreiche Bestand im benachbarten Ungarn zeigte einen massiven Rückgang.

Dabei waren es weniger die Menschen selbst, die ihr zu schaffen machten, als vielmehr das, was der Mensch mit ihrem Lebensraum anstellte. Was diesen betrifft, ist die Wiesenotter nämlich sehr anspruchsvoll: Sie braucht ein kleinräumiges Mosaik von Feucht- und Trockenstandorten mit einem üppigen Angebot an Heuschrecken und Grillen. Solche Flächen wurden in den letzten 60 Jahren immer seltener.

Verändertes Mikroklima

Vor allem das Absinken des Grundwasserspiegels durch Wasserentnahme und Drainagierungen führten zu Veränderungen, die der Wiesenotter gar nicht behagten: Der trockenere Boden brachte unter anderem ein verändertes Mikroklima mit weniger Luftfeuchte mit sich und eine andere Pflanzendecke, was sich wiederum auf die Insektenfauna und damit das Beuteangebot der Schlange auswirkte. "Dazu kam die chemische Keule der Agrokultur", erklärt Heinz Grillitsch, Leiter der Herpetologischen Sammlung am Naturhistorischen Museum Wien. "Die Beutetiere sind nicht nur viel weniger geworden, die verbleibenden sind auch mit Umweltgiften massiv belastet."

Zusätzlich fallen die kleinen Schlangen auch häufig Wildschweinen und Fasanen zum Opfer. Eine auf rund 500 Stück geschätzte Restpopulation in Ungarn soll im Rahmen eines EU-Life-Projekts erhalten und gefördert werden. Dabei wirken von österreichischer Seite der Tiergarten Schönbrunn, das Forschungsinstitut für Wildtierkunde der Veterinärmedizinischen Universität und die Österreichische Gesellschaft für Herpetologie sowie Mitglieder der Herpetologischen Sammlung am Naturhistorischen Museum Wien mit.

Vögel statt Schlangen

"Wir machen Begehungen in den ehemaligen Vorkommensgebieten", erläutert Grillitsch, "in letzter Zeit vor allem im Nationalpark Neusiedler See - Seewinkel." Die Ergebnisse sind jedoch eher ernüchternd: "Bei uns kann die Wiederansiedlung von Wiesenottern nicht erfolgreich sein", ist Grillitsch überzeugt, "weil unsere Landschaften dafür einfach nicht mehr geeignet sind. Die Maßnahmen, die für das Wiesenmanagement im Nationalpark Neusiedler See vorgeschlagen wurden, stoßen auf keine Gegenliebe. Hier müsste man die Veränderungen der letzten 100 bis 150 Jahre zurücknehmen. Das ist eine Landschaft, die auf Vögel ausgerichtet ist, und für die wird niemand Verschlechterungen in Kauf nehmen, um eine Schlange zu fördern."

Ein weiteres Problem könnten die Tiere sein, die in Gefangenschaft gezüchtet wurden, um die in Ungarn noch vorhandene Population zu stützen. "Die Nachzuchten stammen aus einem sehr eingeschränkten Gen-Pool, sind also alle ziemlich nah verwandt. Man kann nicht vorhersagen, wie gut das funktionieren wird", gibt sich Grillitsch skeptisch.

Nichtsdestoweniger bescheinigt er der Ungarischen Tiefebene ein landschaftliches Potenzial, in dem die Wiesenotter bei entsprechenden Maßnahmen gedeihen kann. Für Österreich ist das nicht der Fall, ein Umstand, für den der Leiter der Herpetologischen Sammlung deutliche Worte findet: "Berufsherpetologen halten den Versuch der Wiederansiedlung in Ostösterreich für eine nicht zulässige Handlung. Solange die Gründe, die zum Aussterben einer Art geführt haben, nicht beseitigt sind, ist es unverantwortlich, wieder Tiere in diese Lebensräume zu setzen. Das käme ihrer Vernichtung gleich." (Susanne Strnadl/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 27.4.2011)

 

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    Wenig Lichtblicke für Wiesenottern: Früher gab es Prämien für ihre Tötung, heute schrumpft ihr Lebensraum.

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