Die Verklärung des ersten modernen Krieges

26. April 2011, 19:22
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Zeithistoriker setzen sich nun kritisch mit dem kollektiven Gedächtnis und den brutalen Realitäten dieses Krieges auseinander

Österreich war nicht nur Hitlers erstes Opfer, sondern wurde als grundsätzlich unschuldige Kulturnation gegen seinen Willen bereits in den Ersten Weltkrieg hineingetrieben. Es war die Führung des Deutschen Reiches, die von Kaiser Franz Joseph die Kriegserklärung an Serbien erpresste. Hätte er sich widersetzt, wären intime Details seiner Beziehung mit Katharina Schratt an die Öffentlichkeit gezerrt worden. So zumindest die Geschichtsdeutung in Walter Wippersbergs satirischer Dokufiction "Die Wahrheit über Österreich" (2001).

Was in dieser Satire als grotesk übersteigerte Selbstinszenierung einer Nation als ewiges Opfer auf die humoristische Spitze getrieben wird, hat allerdings einen sehr realen Kern, wie der Grazer Zeithistoriker Werner Suppanz betont: "Während schon in der Ersten Republik das Bild von einem der Monarchie aufgezwungenen Krieg dominierte, erhielt das Unschuldsmotiv nach 1945 einen neuen Akzent." Das "alte Österreich" und sein "heroischer letzter Kampf" wurden zum Gegenbild des modernen 20. Jahrhunderts mit seiner verheerenden Kriegsmaschinerie.

Die Reduktion der historischen Perspektive auf militärische Entscheidungen und Bewegungen begünstigte die "Demodernisierung" und damit Verharmlosung des Ersten Weltkriegs. Unmittelbar nach dem Krieg war die kollektive Erinnerung daran allerdings noch keine einheitliche, sondern von seinen jeweiligen regionalen Auswirkungen und insbesondere vom politischen Lager abhängig: Während ihn die Sozialdemokraten als "Weltverbrechen der Habsburger" beschrieben, war er für das christlich-soziale Lager, das den Habsburgern nachtrauerte, ein durch und durch "ehrenhafter Krieg". Die Deutschnationalen feierten in ihm das "deutsche Heldentum".

Erst die austrofaschistische Diktatur zwischen1933 und 1938 setzte eine offizielle österreichische Erinnerungserzählung durch: Der Soldaten wurde als Helden des untergegangenen Vielvölkerstaates mit einer neuen Welle an Denkmalsetzungen und in Schulbüchern gedacht. Die Kriegsführung der k. u. k. Armee hat man dabei gezielt glorifiziert, was zu einer konsequenten Ausblendung bestimmter Themen geführte. In seiner vom Wissenschaftsfonds FWF geförderten Studie über den Ersten Weltkrieg im kollektiven Gedächtnis nähert sich Werner Suppanz unter anderem an diese jahrzehntelang verschwiegenen und heruntergespielten Aspekte des ersten großen Krieges der Moderne an.

Kriegs-"Innovationen"

Sowohl in der populären als auch in der offiziellen Kultur wurde der Erste Weltkrieg in Österreich nach 1945 mit dem Ende der Habsburgermonarchie, dem Untergang einer nostalgisch verklärten "Welt von gestern", verbunden. Damit verschwand auch die Tatsache aus dem Blick, dass dieser Krieg in vielen Bereichen eigentlich einen Anfang markierte und "Innovationen" schuf, die für den nächsten großen Krieg und das 20. Jahrhundert generell bestimmend sein sollten: So war er etwa der erste "totale Krieg", in den die gesamte Gesellschaft einbezogen wurde.

Erstmals gab es Panzer, eine Luftwaffe oder Giftgaseinsätze durch die österreichisch-ungarische Armee. Zum ersten Mal musste die Gesellschaft mit einem bislang nicht erlebten Massensterben und zahllosen kriegsversehrten und traumatisierten Soldaten umgehen. Erstmals wurden Netze von Kriegsgefangenen- und Zivilinternierungslagern aufgebaut - wie etwa das Lager Thalerhof bei Graz, in dem rund 30.000 Ruthenen interniert waren.

Frauen, Männer und Kinder dieser Volksgruppe hat man als "Russophile" quasi unter Pauschalverdacht gestellt und ohne Gerichtsverfahren aus Ostgalizien in dieses Zivilinternierungslager deportiert. Fast 1800 von ihnen starben aufgrund der katastrophalen Lebensbedingungen. Während dieses Lager in der Ukraine als KZ in der kollektiven Erinnerung fest verankert ist, hat man in Österreich erst in den letzten Jahren begonnen, dieses Kapitel der eigenen Geschichte aufzuarbeiten.

Urkatastrophe

Wissenschaftliche Publikationen zum Ersten Weltkrieg gab es im Vergleich zu anderen europäischen Ländern in Österreich auffallend wenige. Eine kritische Beschäftigung mit diesem vom amerikanischen Historiker George F. Kennan als „Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts" bezeichneten Krieg setzte sehr zaghaft erst in den 1970er-Jahren vor allem im Zusammenhang mit der Aufarbeitung der Geschichte der Arbeiterbewegung ein.

Es dauerte letztlich ein Dreivierteljahrhundert, bis dem vorherrschenden Bild vom "ehrenvollen Untergang" die Auffassung entgegengehalten wurde, dass Gewalt, Zerstörung und die Stereotypien des Hasses die wirklich bewegenden Kräfte der österreichischen Geschichte im 20. Jahrhundert waren. "Dieser Paradigmenwechsel wurde 1989 vor allem durch Klaus Amanns und Hubert Lengauers Sammelband Österreich und der Große Krieg 1914-1918. Die andere Seite der Geschichte eingeleitet", erklärt Werner Suppanz. "In der Folge begann sich schließlich auch hierzulande die Perspektive des Ersten Weltkriegs als eines Krieges der Moderne und damit als Teil der Zeitgeschichte durchzusetzen."

Dass dieser kritische Blickwinkel allmählich auch ins kollektive Bewusstsein sickert, bezeugt etwa die Errichtung einer Gedenktafel für die Gefangenen vom Thalerhof im Dezember 2010. Eine große Chance, dieses so konsequent verschleierte Kapitel der österreichischen Geschichte intellektuell zu durchlüften, bietet das Gedenkjahr 2014 - bleibt zu hoffen, dass sie genutzt wird. (Doris Griesser/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 27.4. 2011)

 

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    Soldaten wurden vor allem als Helden des untergegangenen Vielvölkerstaates glorifiziert.

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