Streit über Flüchtlinge

Rom und Paris sehen Schengen als "reformbedürftig"

Gerhard Mumelter aus Rom, Stefan Brändle aus Paris, 26. April 2011, 17:39
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    foto: ap/michel euler

    Nach Differenzen in Bezug auf das Schicksal tausender in Italien gestrandeter Flüchtlinge aus Tunesien ziehen Silvio Berlusconi (links) und Nicolas Sarkozy wieder an einem Strang.

Silvio Berlusconi und Nicolas Sarkozy wollen zwar nicht an der Reisefreiheit in der EU rütteln, wünschen sich aber Möglichkeiten, das Abkommen aussetzen zu können - zumindest "in Ausnahmefällen"

Bisher ermöglicht das Schengen-Abkommen rund 400 Millionen Menschen in weiten Teilen Europas die Reise- und Bewegungsfreiheit. Doch damit soll es bald vorbei sein, zumindest in "besonderen Situationen": Frankreich und Italien fordern vor dem Hintergrund der Migrantenströme aus Nordafrika eine Überarbeitung des Abkommens.

Auf einem bilateralen Gipfeltreffen in Rom kündigten Staatspräsident Nicolas Sarkozy und Premier Silvio Berlusconi am Dienstag ein entsprechendes Schreiben an den Präsidenten der EU-Kommission, José Manuel Barroso, an. "Wir werden den Inhalt nicht vorwegnehmen", so Sarkozy, doch Teile des Schreibens sickerten bereits durch. So soll darin zu lesen sein: "Wir müssen festsetzen, in welchen Ausnahmefällen das Schengen-Abkommen außer Kraft gesetzt werden kann."

"Wir wollen das Abkommen keineswegs aushöhlen", versicherten beide Politiker auf einer Pressekonferenz. Doch die aktuellen Ereignisse in der arabischen Welt hätten bewiesen, dass das Abkommen "reformbedürftig" sei. Besonders für Ausnahmesituationen wie jene der tunesischen Flüchtlinge - diese landeten seit dem Beginn der Unruhen im vergangenen Dezember zu Tausenden auf Lampedusa - müssten neue Regeln vorgesehen werden.

Das Vorhaben tausender Tunesier, nicht in Italien zu bleiben, sondern nach Frankreich weiterreisen zu wollen, führte zwischen Rom und Paris zeitweilig zu Spannungen. Doch nun bemühten sich Berlusconi und Sarkozy sichtlich um eine Entschärfung der Lage. "Wir wissen, dass Frankreich jährlich 50.000 Flüchtlinge aufnimmt, wir hingegen nur 10.000", räumte Berlusconi ein. Vorwürfe an Paris wegen Einreisebeschränkungen seien deshalb unberechtigt.

Frontex soll gestärkt werden

Das Flüchtlingsproblem müsse von allen Staaten einvernehmlich gelöst werden. "Solidarität muss zwischen allen EU-Ländern herrschen", meinte Berlusconi. Im Schreiben an Barroso soll daher auch eine aktivere Rolle der EU-Grenzschutzagentur Frontex eingefordert werden. Und auch Tunesien müsse mehr im Kampf gegen die illegale Migration tun.

Der französisch-italienische Plan hatte in Paris bereits am Wochenende für Kritik in Oppositionskreisen gesorgt. So sprachen die Sozialisten von einem "Verstoß gegen den Geist der EU-Konstruktion". Auch der konservative Ex-Premier Dominique de Villepin sah ein "schlechtes Signal".

In die andere Richtung argumentierte erwartungsgemäß der rechtsextreme Front National, der die Regierung aufforderte, "den Schengen-Raum so schnell wie möglich ganz zu verlassen". Europaminister Laurent Wauquiez winkte aber ab: Frankreich wolle sich "gar nicht aus Schengen zurückziehen", denn "das hätte keinen Sinn". Seine Regierung wolle bloß Möglichkeiten erhalten, bei einem "größeren Zustrom" Grenzkontrollen einführen zu können. (Gerhard Mumelter aus Rom,  Stefan Brändle aus Paris, DER STANDARD; Printausgabe, 27.4.2011)

Kommentar posten
Posting 1 bis 25 von 72
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AlliGator
00
27.4.2011, 15:16

Gerade die Wachtürme und die Reisebeschränkungen waren früher Symbole eines unmenschlichen Systems, gegen das die sogenannte "freie Welt" gekämpft hat. Jeder russische Balettänzer, der bei einer Tournee im Westen blieb, war automatisch ein Held der Freiheit.
Als dann endlich der Stacheldraht des eisernen Vorhangs zerschnitten wurde und die Berliner Mauer fiel, haben wir den Aufbruch in ein neues Zeitalter gefeiert.

22 Jahre später sind wir es, die Visazwang und Reisebeschränkungen permanent verschärfen. Zwar nicht gegen den imaginären imperialistischen Klassenfeind, aber so ähnlich.

Schämen sollten wir uns...

harry haller1
 
00
27.4.2011, 14:24
Reisefreiheit

Die Reisefreiheit wurde öfter in Diskussionen angesprochen, wenn es darum ging, ob die EU nur Vorteile für Konzerne oder auch für Normalsterbliche bringt. Anscheinend kann jetzt doch dieses Grundrecht einfach in Frage gestellt werden, wenn es in den rassistischen Populismus mancher Mitte-Rechts- bis ganz Rechts-Parteien passt.

Poldi Fesch
00
28.4.2011, 20:17
Berlin hat

schon abgewunken u. die Tourismusbetriebe v. Gardo bis Jesolo, Legaland bis ueber die Ohren, werden auch nicht sehr lachen

1116er
00
27.4.2011, 13:57
es gibt keine inländer und ausländer!

es gibt nur menschen und a-löcher.

1116er
00
27.4.2011, 13:28
"..die Reise- und Bewegungsfreiheit. Doch damit soll es bald vorbei sein, zumindest in "besonderen Situationen":"

viele bürger werden wohl niemals klug!
die im rahmen der terrorhysterie eingeführten maßnahmen wie vorratsdatenspeicherung oder der ganze flughafen-irrsinn halten einen wirklich entschlossenen und intelligenten terroristen nicht von seinen vorhaben ab. aber sie sind eine schikane für die bürger. manche erkennen das und reagieren entsprechend. die mehrzahl der lämmer aber lässt sich gern zur 'schlachtbank' führen.

und so auch bei schengen: illegale migration wird ein bisschen umständlicher und komplizierter. aber sie lässt sich dadurch nicht aufhalten! aufgehalten hingegen werden die bürger in spielfeld und am walserberg. und das stundenlang. schon vergessen wie 'schön' das war?

alexander mayr
00
27.4.2011, 12:47

ich will mich da jetzt inhaltlich ausnahmsweise echt mal nicht äußern. aber wenn man sich die postings weiter unten so anschaut... da kriegt man echt das kotzen :) springen'S doch bitte nicht auf dem üblichen eu-bashing-zug der krone auf.

Orakel von Lissabon
 
00
27.4.2011, 12:26
Achtung, es zeichnen sich Zustände ab, wie in den USA:

dort führt man auch unter dem Vorwand, Flüchtlinge oder illegale Grenzgänger zu finden sogenannte Checkpoints ein:
Es werden an beliebigen Stellen beängstigende Kontrollen durchgeführt. Ganze Straßenzüge werden gesperrt, die durchfahrenden Autos an den Rand gedrängt und dort einige Zeit festgehalten.
Es wird jeder festgehalten, der dort vorbei fährt.
Die Bürger werden so schrittweise gewöhnt an eine striktere Regierungsform voll von Kontrollen.

Fritz Meyer
01
27.4.2011, 09:53
Na, die zwei passen zusammen.

Populismus und Korruption im Doppelpack.

Derfdeswoarsein
 
03
27.4.2011, 09:49
Was ihr für´n Topfen z´sammschreibt.....!

Das ist doch nur ein künstlioches Problem und leicht zu lösen - die bestehende Gesetzeslage sagt: wenn sich jemand ILLEGAL in einem Land aufhält - abschieben von wo er/sie/es herkommen.

Jeder andere wird sofort abgeschoben wenn er/sie/es sich illegal hier befindet - warum die nicht?

Poldi Fesch
00
28.4.2011, 20:18
immer vorausgesetzt, sein

Herkunftsland nimmt ihn

Roter Baron
61
27.4.2011, 09:39
bei 501 mio. einwohner in der eu

da machen die 20.000 jetzt
echt ein problem......

lauter kleinkarierte rechte schwitzer
so wird des nix mit europa.

roter baron

peace & love
00
27.4.2011, 09:37
"Wir wollen das Abkommen keineswegs aushöhlen"

wir tuns aber trotzdem - ätsch.

luquas
01
27.4.2011, 05:41

Zwa schleimige Briada!

Denksportler
02
27.4.2011, 01:07
Ein Beispiel für die Fragilität zahlreicher EU-Regularien in der Realität der Praxis

Vielfach bildeten politische oder ökonomische "Wunsch- und Interessenlagen" das Fundament. Erste Stresstest offenbaren mitunter Konstruktionsmängel dieser Systeme.

kerihuelo
93
27.4.2011, 07:54

und auch ein beispiel dafür, dass die nationalen staatschefs bzw regierungen endlich "entmachtet" werden müssen. die nationalstaaten sind am ende. es lebe europa!

1116er
00
27.4.2011, 13:31
ich wette, dass ihre rotstrichler

sich mächtig gegen die ö-landeshauptleute, deren einfluss und die kosten aufregen.
doch sie erkennen nicht, dass staatschefs im rahmen der eu genau diesselbe funktion ausüben: vorteile auf kosten der anderen rausholen und verhindern, verhindern, verhindern.

allerdings, zur ehrenrettung der heimischen landesfürsten: der "g'frastsackl"-faktor ist bei den regierungschefs um potenzen höher. ebenfalls ihr schädlings-faktor!

Lichtfreak
00
27.4.2011, 10:08
Diese EU?

nein danke! Europa? Ja gerne!

San Remo 6
00
27.4.2011, 09:53

Europa ist leider schon vor einigen jahren verstorben.

Roter Baron
21
27.4.2011, 09:42

der nationalismus ist die geißel der franz. revolution von 1789
und noch immer hat europa es nicht geschafft
sich von diesem bürgerlichen schwachsinn
zu lösen,
ziemlich jämmerlich.

roter baron

davethebrave
 
00
27.4.2011, 16:23

der nationalismus war ein wichtiger zwischenschritt auf dem weg zur demokratie (zuerst muss ein "wir-gefühl" entstehen damit sich das wir die macht an sich nehmen kann)
es wäre aber tatsächlich an der zeit dieses relikt auf der müllhalde der geschichte zu entsorgen

Pessimist-Realist
 
11
27.4.2011, 09:21

Es lebe Europa - JA - aber nicht diese Fehlgeburt EU.
Da war es ja in der kom. Soviet Union demokratischer/näher am Bürger... -.-'

myschkin
06
27.4.2011, 08:43

Europa ja, aber nicht dieses Vasallen Europa.

1116er
01
27.4.2011, 13:33
als bürger ist man immer ein vasall!

ich bin viel lieber ein vasall in einem gebiet, wo es noch reste von intelligenz, vernunft und anstand gibt.
also lieber vasall von brüssel als vasall von wien!

Gewitter1
154
26.4.2011, 22:35
DEMO AM MI,27.4./18h WESTBAHNHOF!!!!!

Denn DAS BALD VERSCHÄRFTE FREMDENRECHT IST N I C H T UNSER GESETZ!!!!!!

jeff5
00
27.4.2011, 19:38
gewitter, h ast wenigstens einen schirm dabei gehabt?

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