Gegen Atomkraft mit Rot und Grün, schwarzer Umweltminister ausgeladen

25. April 2011, 20:42
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Auch in Wien wurde demonstriert - während gleichzeitig große Mengen Atomstrom aus Tschechien geliefert wurden

Wien - Bekenntnisse gegen Atomstrom sind wohlfeil - und populär: Montagabend haben sich mehr oder weniger prominente AKW-Gegner von Bundeskanzler Werner Faymann abwärts am Wiener Stock-im-Eisen-Platz versammelt, um gegen die Kernkraft zu demonstrieren. In der Stadt Salzburg gingen wenigstens 2000 Menschen auf die Straße, europaweit waren es 100.000.

Das Anliegen sei ja durchaus löblich, meint Gerhard Heilingbrunner vom Umweltdachverband, doch sollten sich gerade Regierungsmitglieder nicht auf Reden beschränken, sondern konkret handeln: Es liege in der Hand der österreichischen Politik, die Atomstromimporte abzudrehen. Laut Website des tschechischen Lastverteilers, der die Energieflüsse transparent darstellt, importierte Österreich am Ostermontag mittags zwischen 1250 und 1275 Megawatt aus Tschechien - Atomstrom, der der Leistung von drei Donaukraftwerken entspricht, erklärt Heilingbrunner.

Ärger gab es aber auch aus einem anderen Grund: Umweltminister Niki Berlakovich (ÖVP) wurde von der Rednerliste der Wiener Kundgebung gestrichen, Veranstalter Global 2000 hatte darauf bestanden, dass der Minister zumindest eine der Initiativen der Organisation (etwa rechtliche Schritte gegen die völkerrechtswidrig oberflächlich gehaltene Umweltverträglichkeitsprüfung des AKW Mochovce) unterstützen müsste. Aufgetreten sind dann nur rot-grüne Redner sowie Caritas-Direktor Michael Landau, der eine Botschaft von Kardinal Christoph Schönborn überbrachte.

Kanzler Faymann brandmarkte ebenso wie Global 2000-Sprecher Klaus Kastenhofer die Atomkraft als menschenverachtend - "wir alle müssen stark genug sein, dass das Thema nicht mehr in Vergessenheit gerät", rief er den rund 1500 Wiener Teilnehmern zu.

Die Grünen stützen ihre Argumentation auf eine Studie des Worldwatch Institute (WI) in Washington. Pünktlich zum 25. Jahrestag des Super-GAUs in Tschernobyl zeichnet die Studie ein Bild der globalen Energiewende. Laut WI nimmt der Anteil von Atomkraft an der Elektrizitätsproduktion weltweit ab und wird auch künftig weiterhin abnehmen. 2010 lag die weltweite Leistung erneuerbarer Energien erstmals über der von aktiven AKWs (381 Gigawatt gegenüber 375 Gigawatt vor der Abschaltung von Fukushima). In der EU sind aktuell 143 Reaktoren in der Berechnung enthalten - inklusive der sieben vorübergehend abgeschalteten Kraftwerke in Deutschland.

Die europäischen Grünen haben die Erstellung des Berichts unterstützt, Österreichs Grünen-Chefin Eva Glawischnig sieht schon einen "Niedergang der Atomindustrie".

In der WI-Studie heißt es, es sei klar, "dass die Entwicklung der Atomenergie mit der Geschwindigkeit des Ausbaus erneuerbarer Energien nicht mehr Schritt halten kann". Die Zukunft gehöre regenerativen Energien, also Wind, Sonne und Biomasse. (Saskia Jungnikl, Conrad Seid/DER STANDARD, Printausgabe, 26.4.2011)

  • Relativ überschaubare Demo gegen Atomkraft in der Wiener Innenstadt
    foto: standard/fischer

    Relativ überschaubare Demo gegen Atomkraft in der Wiener Innenstadt

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