Dekadenz todlangweilig

25. April 2011, 19:19
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Manche Eier vom Osterhasen sind nicht mehr taufrisch. Und aufgewärmt werden sie nicht besser. Das TV-Langohr der ARD servierte am Ostersonntag im Hauptabendprogramm eine Wiederholung vom letzten Jahr. Kein Schmankerl, sondern den vorletzten Fall vom Frankfurter Ermittlerduo Sänger und Dellwo.

Perspektivlosigkeit, Frust, Dekadenz: An und für sich gute Ingredienzen für ein mörderisches Spiel, wenn die Psychologie der Charaktere stimmig ist. In "Weil sie böse sind" bleiben die trotz viel Extravaganza ebenso flach wie die im Titel angedeutete Tötungsrechtfertigung. Und so spricht den Einstiegssatz, "Du schaffst es, Rolf! Heute wird die Welt ein bisschen besser", nicht ein Amokläufer, sondern der schüchterne Alleinerzieher eines autistischen Sohnes. Als Geld für eine Therapie fehlt, wird dieser nicht zum Verzweiflungstäter, sondern zum Bittsteller bei einer Patrizierfamilie. Zum Mörder wird er schließlich dennoch. Verhöhnt und als Inzüchtler beschimpft, greift er zum mittelalterlichen Morgenstern des Schlossherrn Staupen. Rumms. Dekadenz kann tödlich sein.

Neben der wohl originellsten Mordwaffe der "Tatort"-Geschichte führt derlei Ideenreichtum zu weiteren abstrusen Figuren, aber keiner runden Geschichte: Das gelangweilte Söhnchen im Jaguar, gefangen zwischen Kasino und Kunst und zu feig für den Vatermord, ein boxender Bruder im Rotlichtmilieu und die Geschäfte führende Schwester Freia, die den Schleichkatzenkaffee fürs nächste Meeting verkostet. Alles so haarsträubend, dass sich sogar die beiden Kommissare nicht dafür interessieren, sondern sich in albernen Postenkämpfen verlieren. (Anne Katrin Feßler/DER STANDARD; Printausgabe, 26.4.2011)

  • Links Sänger (Andrea Sawatzki), rechts Dellwo (Jörg Schüttauf).
    foto: ard/hr

    Links Sänger (Andrea Sawatzki), rechts Dellwo (Jörg Schüttauf).

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