Das Ende des amerikanischen Traums

25. April 2011, 19:17
18 Postings

Bevor im Mai sein Debütroman erscheint, veröffentlicht der US-Songwriter Steve Earle ein Album selben Titels: "I'll Never Get Out Of This World Alive" - Geschichten aus einem Traum, der zum Albtraum geworden ist

Wien - Es entbehrt nicht einer gewissen Ironie, dass ausgerechnet ein Typ wie Steve Earle zu einer moralischen Autorität geworden ist. Zumindest für jene Menschen in den USA, die eine Krankenversicherung für alle, strengere Waffengesetze und die Abschaffung der Todesstrafe wollen - und für die George W. Bush und seine Politik eine gleich große Katastrophe waren wie Hurrikan Katrina für die Einwohner von New Orleans.

Steve Earle, ein Mann mit schiefen Schultern und Barbecue-mit-Bier-Bäuchlein, blickt auf eine Biografie zurück, in der ein früher Schulabbruch, Drogensucht und sieben Ehen ein tendenziell unstetes Leben abbilden. Parallel dazu betreibt er seit den mittleren 1980er-Jahren eine erfolgreiche Karriere als Countrymusiker, seit einigen Jahren als gefragter Schauspieler - und neuerdings als Autor.

Am Freitag veröffentlicht er sein neues Album I'll Never Get Out Of This World Alive; das ist so etwas wie der akustische Vorbote seines Mitte Mai erscheinenden Debütromans selben Titels. Dieser ist dem letzten Lied entliehen, das der Country-Music-Godfather Hank Williams vor seinem Tod am Neujahrstag 1953 veröffentlicht hat. In Earles Roman geht es um einen mit Berufsverbot belegten Arzt, der illegal Abtreibungen vornimmt und dessen Morphium-Abhängigkeit ihm den Geist Hank Williams' erscheinen lässt.

In Leben und Werk des 1955 in Virginia geborenen Musikers widerspiegelt sich die Kultur und das Leben des US-amerikanischen Südens. Doch anstatt sich konform zur dort vorgegebenen Moral zu verhalten, fand Earle früh Gefallen daran, die dahinter wuchernde Bigotterie aufzudecken.

Liberaler Redneck

Heute ist er so etwas wie ein "liberal redneck", wobei seine Sturheit eine moralische Integrität und Konsequenz zeitigt, für die der gemeine Redneck einmal ums Eck denken müsste - was immer wieder Problemen macht: etwa, als Earle auf seinem 2002 erschienenen Album Jerusalem mit dem Song John Walker's Blues aufwartete. Diesen verfasste er aus Sicht des gleichnamigen US-Taliban, was inmitten des patriotischen Geweses nach den Anschlägen von 9/11 einen Affront für den Auge um Auge, Zahn um Zahn fordernde Hurrapatriotismus bedeutete: Sich in einen Täter einzufühlen - ja, wo kommen wir denn da hin?

Umso leidenschaftlicher legt der 56-Jährige seinen Finger auf derlei Wunden. Denn Earle ist selbst Patriot, einer mit Hirn und Herz. Deshalb ist der Tonfall seiner Lieder oft so nachdenklich: In seiner Stimme erklingt jene Melancholie, die das Ende des amerikanischen Traums begleitet. Es ist eine Mischung aus Hoffnung und Hoffnungslosigkeit, die den Schmerz beschreibt, den man fühlt, wenn sich jemand Geliebter von einem abwendet.

Dieses spezielle Idiom Earles ist eine Art Trademark geworden, und sie findet sich spätestens im dritten Song von I'll Never Get Out Of This World Alive wieder. Das Lied The Gulf Of Mexico ist ein Abgesang auf das Leben am Golf von Mexiko, dem die Ölkatastrophe vor einem Jahr die Lebensgrundlage entzogen hat.

Die Desaster am Golf bescherten Earle zuletzt auch ein Engagement als Schauspieler. Nachdem er in der TV-Serie The Wire mit autobiografisch bedingter Überzeugungskraft einen ehemaligen Suchtkranken verkörperte, spielt er in der HBO-Serie Treme einen Straßenmusiker in New Orleans nach Katrina.

In beiden Serien soll er seine knackigen Dialoge selbst geschrieben haben. Wer Earles Musik kennt, versteht das sofort. Seine Texte sind so knapp wie bildreich. Mit seinem Tonfall ergeben sie eine vergleichslose Kunst - egal, ob er im Eröffnungssong einen Schlenker in Richtung Tex-Mex macht oder in Meet Me In The Alleyway einen kampflustigen Blues gibt. Nach einer Eloge aufs Nomadentum in I Am A Wanderer endet das Album mit This City, das den Abspann der Treme-Episoden der ersten Staffel begleitet: "This city won't wash away, this city will never drown", singt er da und beschwört wieder den amerikanischen Traum. Hoffnung und Hoffnungslosigkeit, das elementare Thema in Earles Musik. (Karl Fluch, DER STANDARD/Printausgabe 26.4.2011)

  • Amerika wendet sich von Steve Earle ab, ohne Widerstand lässt er es aber nicht ziehen. Am Freitag erscheint sein Album "I'll Never Get Out Of This World Alive" - bei Hoanzl.
    foto: blue rose records

    Amerika wendet sich von Steve Earle ab, ohne Widerstand lässt er es aber nicht ziehen. Am Freitag erscheint sein Album "I'll Never Get Out Of This World Alive" - bei Hoanzl.

Share if you care.