Neue Heimat trotz letzten Willens

25. April 2011, 19:01
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Eine der wichtigsten Kunstsammlungen der Welt zieht um - die Barnes Foundation in Philadelphia

In Merion gehen die Grünanlagen der Villen nahtlos ineinander über. In dem wohlhabenden Vorort von Philadelphia schottet sich niemand ab - außer die Barnes Foundation, die in einem Schlösschen an der North Latchs Lane residiert. Es ist neun Uhr morgens, vor dem Pförtnerhäuschen warten dutzende Autos auf Einlass.

Die Barnes Foundation zählt zu den wichtigsten Kunstsammlungen der Welt. Dennoch lässt sie maximal 4000 Besucher in der Woche zu. Ohne Voranmeldung läuft gar nichts. Ihr Gründer wollte das so, Albert Barnes, ein Augenarzt. "Barnes glaubte, dass er das Leben der Menschen verbessern konnte, indem er ihr künstlerisches Sehen förderte", sagt der Stiftungssprecher Andrew Stewart. "Er betrachtete seine Sammlung nicht als Museum, sondern als Schule."

Seit dem Gründungsjahr der Barnes Foundation (1922) haben hunderte Kunstliebhaber hier eine Ausbildung durchlaufen. Studenten, Maler, Schulkinder und Hausfrauen. Es gibt keine vergleichbare Bildungsstätte. In den 24 Räumen der Stiftung hängen 2500 erstklassige Malereien, deren Wert auf bis zu 70 Milliarden Dollar geschätzt wird.

Darunter: 180 Renoirs, 70 Cézannes und mehr Matisses, als in allen Pariser Museen zusammen hängen. Aber nicht nur die Summe der Bilder macht sprachlos. Barnes hat sich nur die besten Arbeiten der Künstler ausgesucht. Er gehörte zu den ersten Amerikanern, die moderne Kunst kauften, deshalb konnte er wählerisch sein, sagt Kuratorin Martha Lucy: "Er sammelte auch Werke von Picasso oder Soutine, die zu diesem Zeitpunkt selbst vom Museum of Modern Art in New York noch als zu schwierig empfunden wurden."

Wild durcheinander

Einzigartig ist zudem die Anordnung der Bildersammlung. Barnes mischte Künstler, Stile und Epochen wild durcheinander. Lucy hat die Logik des eigenwilligen Kunstsammlers entschlüsselt. Für Barnes zählte der visuelle Aspekt: "Er hängte einen El Greco neben einen Cézanne, um die farblichen Korrespondenzen in diesen Werken zu betonen; auch formale Beziehungen faszinierten ihn, etwa wie die Schwünge einer Türklinke den Pinselstrichen eines Renoir ähneln."

Ein Leben für die Kunst: Barnes hing so sehr an seiner Sammlung, dass er sie in dieser Form ewig gesichert wissen wollte. Er beschränkte die Besucherzahlen und verfügte in seinem Testament, dass keine Arbeit je verkauft, ausgeliehen oder umgehängt werden dürfte.

Trotzdem wird noch diesen Sommer alles eingepackt und ins Stadtzentrum von Philadelphia umquartiert. Derek Gillman ist schon dort. Der Stiftungsdirektor betont, dass die Barnes Foundation fast an den Bestimmungen ihres Gründers zerbrochen wäre. Er tat alles, um Barnes letzten Willen außer Kraft setzen zu lassen. Und er ist überzeugt, Gutes getan zu haben. Anders als in Europa werde die Kunst in den USA nicht vom Staat unterstützt, sagt er: "Die Bedingungen, unter denen wir in Merion operieren mussten, waren so strikt, dass kein Gönner etwas springen lassen wollte."

Für die Umsiedlung war das fehlende Geld indes schnell da. Das neue Gebäude der Barnes Foundation ist fast fertig. Die Fassade ist modern, ansonsten hätten die Architekten sich Mühe gegeben, das ursprüngliche Ambiente der Barnes Foundation zu wahren, die Bilder würden wieder genau so aufgehängt, wie Barnes sie angeordnet hatte, sagt Gillman: "Der einzige Unterschied wird sein, dass wir jetzt zusätzliche Klassenräume haben, sodass wir länger offen bleiben und mehr Besucher empfangen können".

150 Millionen Dollar wird der neue Kunstkonsumtempel kosten. Die Stadt Philadelphia zahlt mit, sie hofft auf einen Touristenboom. Ein Unding, findet der Kunstlehrer und Kritiker Jay Raymond. "Es wäre billiger gewesen, die Barnes Foundation in ihrer ursprünglichen Umgebung zu erhalten - stattdessen fällt sie Prestigedenken und Geschäftskalkül zum Opfer", sagt er.

Letzten Willen ignoriert

Der französische Maler Matisse hat die Barnes Foundation einmal als den einzig vernünftigen Platz bezeichnet, um Kunst in den USA zu sehen. Ihr neues Zuhause konfrontiert die Besucher unweigerlich mit der unangenehmen Frage, was es bedeutet, wenn der letzte Wille eines Testamentverfassers schlicht ignoriert wird. (Beatrice Uerlings aus Philadelphia, DER STANDARD/26.4.2011)

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    Neue Heimat für eine der wichtigsten Kunstsammlungen der Welt. Die Barnes Foundation zieht ins Zentrum von Philadelphia.

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