Basti, vom Himmel gefallen

25. April 2011, 19:00
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"Ich war bis jetzt kein Krawattenträger, und werde das Amt auch ohne Krawatte gut ausüben können"

In der Woge österlicher Spiritualität, die am Wochenende über die Nation hinweggeschwappt ist - die "Kleine Zeitung" organisierte sogar einen mit Rudolf Burger vs. Christoph Schönborn besetzten Schwergewichtsfight über drei Seiten Der Atheist und der Kardinal -, fanden sich auch Splitter politischer Botschaften, deren Gehalt nur im Falle des juvenilen Staatssekretärs das Niveau der religiösen Botschaften halten konnte: "Ich bin ja nicht erst am Dienstag vom Himmel gefallen", teilte er dem "Kurier" für die Sonntagsausgabe mit, was wohl als Beschwerde aufzufassen ist, dass die Bedeutung seiner Herkunft nicht gleich von drei Weisen aus dem Morgenland, sondern nur von Michael Spindelegger aus dem ÖAAB erkannt wurde, und das spät.

Kurzens Himmelfallskommando war da dem Blatt schon das zweite Interview wert, denn man will ja seine politischen Verpflichtungen nicht vernachlässigen. Bereits Freitag konnten sich "Kurier"-Leser über die Toleranz informieren, mit der das selbstpräsentierte Geschenk höherer Sphären die Fragen der Krawatte am Mann und des Kopftuchs an der Frau angehen will. Ich war bis jetzt kein Krawattenträger, und werde das Amt auch ohne Krawatte gut ausüben können, und Gleiches, auch ohne Amt, gesteht er im anderen Fall zu: Das ist eine Sache der Religionsfreiheit. In Österreich gibt es Religionsfreiheit - und das ist gut so.

Da merkt man gleich, wie ernst es ihm ist, wenn er von sich sagt: Ich bin jung. Ich bin dadurch sehr energiegeladen und will etwas weiterbringen. Auch wenn er nicht in Nazareth, sondern in Meidling landet, ist einem, der vom Himmel fällt, nichts anderes zuzutrauen. Die Parallelen sind beängstigend, wenn er laut Expertin Conny Bischofberger in feinem Hietzinger-Deutsch loslegt: Ich habe ein sehr starkes Team rund um mich zusammengestellt. Wir werden das gut machen. Und: Gezweifelt habe ich nie. Meine Antwort war klar: Ja, ich nehme die Herausforderung an. Ich werde definitiv einen neuen Weg einschlagen. Wenn er nur nicht jung am Kreuz endet.

Das muss nicht sein, hat er doch namhafte Fürsprecher gefunden. In der "Presse" forderte ein Leitartikler Gerechtigkeit für Sebastian Kurz, mit dem Argument: Winston Churchill kam im Schloss seines Großvaters, des 7. Herzogs von Marlborough, "mit dem goldenen Löffel im Mund" zur Welt. Das hielt ihn später als Politiker - im zarten Alter von 27 war er bereits Parlamentsabgeordneter - nicht davon ab, sein Land und die Welt vor dem Faschismus zu retten.

Eine solche Chance kriegt nicht jeder, aber zur Ehrenrettung von Kurz fügte der Schreiber hinzu: Nun ist dieser Vergleich zugegebenermaßen ein wenig weit hergeholt. Ein wenig, Churchill hat nie von sich behauptet, vom Himmel gefallen zu sein. Mehr wert ist da schon die tiefe Sympathie, die Kurz aus der "Kronen Zeitung" entgegenschlägt, obwohl er so energiegeladen für die Religionsfreiheit in Österreich eintritt. Jung-Staatssekretär Kurz fiel mit Attacke gegen Wehrpflicht auf! pries das Blatt am Karfreitag die wahren Worte eines 24-Jährigen. Hatte Chefideologe Michael Jeannée dem lieben Sebastian Kurz bereits am Donnerstag ohne Angabe sachlicher Gründe, nur aus Mitleid, versichert, ab sofort sind Sie mein Lieblingsadressat, adressierte er ihn nun bereits mit einem intimen hallöchen, Basti, und hatte endlich herausgefunden, worin Kurzens Qualifikation besteht: Ich hielte jeden Youngster-Studenten Ihres Alters und Ihrer Herkunft für einen ausgemachten Trottel, wenn er diese Chance nicht ergriffen hätte. Und schließlich: Dancing Star können S', wenn's schiefgeht, immer noch werden. Das Problem dabei: Es ist noch kein Dancing Star vom Himmel gefallen.

Irdisch deprimierend war da, was weniger energiegeladene, weil ältere Teilnehmer an der Regierungsumbildung von sich gaben. Maria Fekters "Finance ist etwas anderes als die Kieberei" erschien geradezu tiefgründig im Vergleich zu dem, was sich Spindelegger von den Redaktionsspitzen der "Presse" herauspressen ließ: "Von der Gratisgesellschaft halte ich nichts." Oder: Den Staat braucht man, wenn es anders nicht funktioniert. Freiheit oder Sicherheit? Ich habe für beide Begriffe Sympathie. Abschaffung der Neutralität: Aus meiner Sicht ist das kein Thema. Und dann, wichtig: Beatles oder Rolling Stones? Beides, jeweils zu seiner Zeit.

Es muss der Himmel gewesen sein, der ihm Basti in den Schoß fallen ließ, weil du brauchst die Sprache der jungen Menschen, damit du mit ihnen reden und sie überzeugen kannst. Voll geil! (Günter Traxler/DER STANDARD; Printausgabe, 26.4.2011)

  • Bild nicht mehr verfügbar

    Sebastian Kurz.

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