Gaza-Flotte II macht sich bereit

25. April 2011, 18:30
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UN-Kommission beginnt mit Anhörung zum Sturm auf die Mavi Marmara

Es sieht aus wie ein Krankenhaus oder eine kleine Stadtteil-Behörde, jedenfalls nicht wie ein finsteres Islamistennest, das irgendetwas zu verbergen hätte: großer gekachelter Eingang, Empfangsschalter, Sitzreihen mit Plastiksesseln. Die Hilfsorganisation für Menschenrechte und Freiheit (IHH) im überwiegend konservativen Istanbuler Viertel Fatih unweit der gleichnamigen großen Moschee arbeitet professionell - bei der Organisation von Hilfslieferungen nach Pakistan, Haiti oder Libyen wie auch im Umgang mit der Öffentlichkeit.

"Wenn es Juden wären, würden wir auch helfen" , sagt Salih Bilici, ein junger Schnelldenker und der Sprecher der IHH. Dass dieser Fall demnächst eintritt, ist eher unwahrscheinlich. Die IHH bereitet gerade ihren nächsten Coup vor: ihren Beitrag zur "FreiheitsflotteII" zum Gazastreifen, ein Jahr nach dem Angriff der israelischen Armee auf die Mavi Marmara, das Flaggschiff der Organisation.

Die Empörung über den gewaltsamen Stopp der Gaza-Hilfsflotte im Mai 2010 ist in der Türkei ungebrochen. Die einst als "strategisch" hochgelobten Beziehungen zwischen Israel und dem muslimischen Nato-Mitgliedsland sind seither auf dem Nullpunkt. Vor einer UN-Sonderkommission in New York wird die türkische Regierung heute, Dienstag, ihren Bericht über den Sturm auf die Mavi Marmara präsentieren; am Mittwoch ist die Reihe an Israel. Ankara verlangt eine offizielle Entschuldigung und Entschädigungszahlungen. "Bei einem Einsatz, wo nicht einmal eine Nase bluten konnte, entschied sich Israel, neun Menschen zu töten" , sagt Bilici im Gespräch mit dem Standard.

Mehr als doppelt so viele Schiffe will der Aktivistenverband Freedom for Gaza dieses Mal aufbieten und einen zweiten Versuch unternehmen, die Blockade des Gazastreifens zu durchbrechen. Israel hatte die Sperre 2006 nach dem Wahlsieg der radikalen Palästinensergruppe Hamas verhängt. Die Organisatoren der neuen Hilfsflotte hätten Verbindungen zu "Hamas und anderen terroristischen Organisationen" , erklärte Israels UN-Botschafter.

15 Schiffe soll die "Freiheitsflotte II" dieses Mal haben, ein großer Teil der Aktivisten kommt wieder aus Großbritannien, Irland, Spanien und Griechenland. "Wir wollen zeigen, dass die Belagerung bedeutungslos ist und aufgehoben werden sollte" , sagt Salih Bilici. Doch seine Organisation, die sich eigenen Angaben zufolge durch Spenden von Unternehmern und anderen Privatpersonen finanziert, tritt dieses Mal diskreter auf. Die Europäer hätten den größten Teil der Vorbereitungen übernommen, sagt Hüseyin Oruc, ein Vorstandsmitglied des IHH. Auch der Termin für die Abfahrt des türkischen Kontingents scheint noch vage. Bilici gab an, der IHHwürde bis nach den Parlamentswahlen am 15. Juni warten, während die "FreiheitsflotteII" zum Jahrestag am 31. Mai starten will. Rücksichtnahme auf die Regierung in Ankara soll aber nicht Verbindung zur Regierung bedeuten: "Sie hat sich überhaupt nicht eingemischt, und wir sind nicht in Kontakt mit ihr" , behauptet der IHH-Sprecher. (Markus Bernath aus Istanbul, DER STANDARD, Printausgabe, 26.4.2011)

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    Trotziger Jubel bei der Rückkehr der Mavi Marmara in Istanbul. Jetzt soll es eine neue Gaza-Flotte geben.

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