Für das syrische Regime ist die Möglichkeit eines verhandelten Abgangs verbaut - Von Gudrun Harrer
Libyen und Syrien, jene Länder, in denen zurzeit der Freiheitskampf am blutigsten geführt wird, haben nicht nur gemeinsam, dass sie zu den repressivsten Regimen der Region gehören, sondern dass sie auch unter ihresgleichen am unbeliebtesten sind. Ein Gegenbeispiel wäre Saudi-Arabien, eine islamistische Diktatur, aber in der Region hoch respektiert und auch mit dem Westen freundlich (und deshalb "moderat" genannt).
Bei Libyen und Syrien hängt es auch an den Personen an der Spitze: Es gibt wahrscheinlich kein arabisches Land, mit dem sich Muammar al-Gaddafi in seiner langen Geschichte nicht überworfen hat. Aber der hatte wenigstens noch seine Revolution selbst gemacht - im Gegensatz zum Erbpräsidenten Bashar al-Assad, der, wie es heißt, mit seiner von seinem Vater ebenfalls vererbten unendlichen Dozierlust den alten arabischen Herrschern, von Mubarak bis zu König Abdullah von Saudi-Arabien, auf die Nerven zu gehen pflegt(e). Viel Respekt hatten sie jedenfalls vor ihm nicht.
Und da ist noch die Allianz mit Iran und der iranisch gesponserten schiitischen Hisbollah im Libanon: Diese Allianz hat Bashar al-Assad zwar nicht erfunden, aber sein Vater Hafiz war eben ein schlauer Fuchs, der seine Bündnisse zum eigenen Nutzen und zur eigenen Bedeutungssteigerung einsetzte, während Syrien unter seinem Sohn langsam zur iranischen Interessenvertretung in der Region, auch gegen die eigenen syrischen Interessen, zu verkommen drohte. Und das mögen die sunnitischen Araber gar nicht: Am Persischen Golf tobt immerhin gleichzeitig der iranisch-saudische Hegemonialstreit, und im Libanon steht die erste von der Hisbollah gestützte Regierung ante portas. Und die saudischen Vermittlungsversuche zwischen Hisbollah und dem sunnitischen Lager im Libanon hat niemand anderer als Syrien unterlaufen.
Das alles heißt: Die Lust in der Region, etwas für Assad zu tun, ist gering. Anders als im Jemen, wo der Golfkooperationsrat versucht, Ali Abdullah Saleh einen geordneten Abgang zu verschaffen, kommen an die Adresse Damaskus aus dem Ausland nur die üblichen Aufforderungen, die Gewalt einzustellen. Die USA bereiten erste Sanktionen vor, die EU wird wohl folgen. Im Lichte der Intervention in Libyen wird bald die Frage auf dem Tisch liegen, ob man in Syrien zusehen kann, wenn die Demokratiebewegung zusammengeschossen wird.
Denn mit dem Einmarsch in Deraa hat das Regime endgültig einen Weg ohne Rückkehr eingeschlagen. Es scheint die Sache selbst so zu sehen, dass es nur Überleben - um jeden Preis - oder den Untergang gibt. Ausgerechnet Hosni Mubarak hat in den 1990er-Jahren einmal zu einem ausländischen Besucher über das irakische Regime von Saddam Hussein gesagt, dass bei einem Umsturz gemeinsam mit Saddam eine Schicht von hunderten, wenn nicht tausenden Parteigängern beseitigt - und er dürfte das physisch gemeint haben - werden müsse. Viele sehen Syrien so ähnlich, und das heißt, diese Hunderten und Tausenden und alle ihre Klienten, deren Existenzen an ihren Machtpositionen hängen, werden kämpfen.
Wie das aussehen kann, sieht man jetzt in Libyen. Und trotz der anschwellenden Revolte gibt es in Syrien noch immer viele, die nicht nur nicht dabei, sondern auch dagegen sind. Das heißt: Wenn die Geschichte nicht noch einen ganz anderen Verlauf nimmt, könnte Syrien das nächste Bürgerkriegsland in der Region werden.
(Von Gudrun Harrer, DER STANDARD, Printausgabe, 26.4.2011)