Aufstand in Syrien

Weg ohne Rückkehr

Gudrun Harrer, 25. April 2011, 18:03

Für das syrische Regime ist die Möglichkeit eines verhandelten Abgangs verbaut - Von Gudrun Harrer

Libyen und Syrien, jene Länder, in denen zurzeit der Freiheitskampf am blutigsten geführt wird, haben nicht nur gemeinsam, dass sie zu den repressivsten Regimen der Region gehören, sondern dass sie auch unter ihresgleichen am unbeliebtesten sind. Ein Gegenbeispiel wäre Saudi-Arabien, eine islamistische Diktatur, aber in der Region hoch respektiert und auch mit dem Westen freundlich (und deshalb "moderat" genannt).

Bei Libyen und Syrien hängt es auch an den Personen an der Spitze: Es gibt wahrscheinlich kein arabisches Land, mit dem sich Muammar al-Gaddafi in seiner langen Geschichte nicht überworfen hat. Aber der hatte wenigstens noch seine Revolution selbst gemacht - im Gegensatz zum Erbpräsidenten Bashar al-Assad, der, wie es heißt, mit seiner von seinem Vater ebenfalls vererbten unendlichen Dozierlust den alten arabischen Herrschern, von Mubarak bis zu König Abdullah von Saudi-Arabien, auf die Nerven zu gehen pflegt(e). Viel Respekt hatten sie jedenfalls vor ihm nicht.

Und da ist noch die Allianz mit Iran und der iranisch gesponserten schiitischen Hisbollah im Libanon: Diese Allianz hat Bashar al-Assad zwar nicht erfunden, aber sein Vater Hafiz war eben ein schlauer Fuchs, der seine Bündnisse zum eigenen Nutzen und zur eigenen Bedeutungssteigerung einsetzte, während Syrien unter seinem Sohn langsam zur iranischen Interessenvertretung in der Region, auch gegen die eigenen syrischen Interessen, zu verkommen drohte. Und das mögen die sunnitischen Araber gar nicht: Am Persischen Golf tobt immerhin gleichzeitig der iranisch-saudische Hegemonialstreit, und im Libanon steht die erste von der Hisbollah gestützte Regierung ante portas. Und die saudischen Vermittlungsversuche zwischen Hisbollah und dem sunnitischen Lager im Libanon hat niemand anderer als Syrien unterlaufen.

Das alles heißt: Die Lust in der Region, etwas für Assad zu tun, ist gering. Anders als im Jemen, wo der Golfkooperationsrat versucht, Ali Abdullah Saleh einen geordneten Abgang zu verschaffen, kommen an die Adresse Damaskus aus dem Ausland nur die üblichen Aufforderungen, die Gewalt einzustellen. Die USA bereiten erste Sanktionen vor, die EU wird wohl folgen. Im Lichte der Intervention in Libyen wird bald die Frage auf dem Tisch liegen, ob man in Syrien zusehen kann, wenn die Demokratiebewegung zusammengeschossen wird.

Denn mit dem Einmarsch in Deraa hat das Regime endgültig einen Weg ohne Rückkehr eingeschlagen. Es scheint die Sache selbst so zu sehen, dass es nur Überleben - um jeden Preis - oder den Untergang gibt. Ausgerechnet Hosni Mubarak hat in den 1990er-Jahren einmal zu einem ausländischen Besucher über das irakische Regime von Saddam Hussein gesagt, dass bei einem Umsturz gemeinsam mit Saddam eine Schicht von hunderten, wenn nicht tausenden Parteigängern beseitigt - und er dürfte das physisch gemeint haben - werden müsse. Viele sehen Syrien so ähnlich, und das heißt, diese Hunderten und Tausenden und alle ihre Klienten, deren Existenzen an ihren Machtpositionen hängen, werden kämpfen.

Wie das aussehen kann, sieht man jetzt in Libyen. Und trotz der anschwellenden Revolte gibt es in Syrien noch immer viele, die nicht nur nicht dabei, sondern auch dagegen sind. Das heißt: Wenn die Geschichte nicht noch einen ganz anderen Verlauf nimmt, könnte Syrien das nächste Bürgerkriegsland in der Region werden.
 (Von Gudrun Harrer, DER STANDARD, Printausgabe, 26.4.2011)

Kommentar posten
17 Postings
presumption of innocence
00
26.4.2011, 17:15
NATO-Land Türkei kann sich darum kümmern.

Die waren doch bis zum WWI die Capos dort.
Alevite lesen Alawiten die Leviten, sozusagen...:-)

omar chamra
23
26.4.2011, 12:20
B. Assad hat es von seinem Vater gelernt, der 1982 in Hama

20.000 seiner Bürger hat massakrieren lassen.
Die Baathpartei ist nationalsozialistisch und hat kein Problem mit dem Massaker.
Ob Omar al Rawi wieder mal die aussenpolitische Initiative im Wiener Landtag ergreift?
Für 9 islamistische Türken hat er es getan, nun werden Hunderte syrische Islamisten massakriert, wird er wieder die Initiative ergreifen?

nemo sander
10
26.4.2011, 18:14
woher kommt deine diagnose, dass die leute, die in syrien massakriert werden

islamisten seien, bist du bei der syrischen botschaft als pressesprecher engagiert?

LadyDoolittle
12
26.4.2011, 11:04
Sehr schmerzlich, aber wahr

Europa und die USA werden akzeptieren müssen, dass Diktatoren ihre Macht verteidigen und Länder die Menschenrechte (die jeder Staat anders sehen kann) nicht einhält.

In China ist es zwar kein einzelner Diktator, sondern die Partei. Die Verletzung der Menschrechte wird zwar (sanft) kritisert, China negiert dies. .

Mit Krieg versuchte man es bei Ländern, bei denen man sich der militärischen Übermacht sicher war. Auch in der Meinung eines kurzen Krieges. Nach Abzug der Allierten kommt es zum Bürgerkrieg, meist keiner Demokratie.

Revolutionen (friedlich) sind nur innerhalb eines Staates oder durch Wandel in der Zeit zu gewinnen.

Durch die Weltgeschichte bestätigt .

presumption of innocence
00
26.4.2011, 17:17
Europa und die USA akzeptieren schon immer Diktatoren

Saudis, Chilenen, Argentienier, Brasilianer. Iraker....
aber nur solange sie brav = kooperativ sind.

Adolf Ogi
24
25.4.2011, 21:53
man sollte nicht vergessen

dass die syrische Baath-Partei einen sozialistischen Background hat und trotz aller Korruption keine ideologiefreie Kleptokratie ist. Der Bevölkerung in Syrien mangelt es zwar an Freiheit, aber materiell geht es so halbwegs und Hunger gibt es keinen. So lange sich die Leute nicht in langen Schlangen um Lebensmittel anstellen mussen, wird es keinen Volksaufstand geben und so lange Assad sein Klientelsystem finanzieren kann, bleibt er auch an der Macht.
Und von Außen gibt es derzeit niemand, der wirklich einen Regimechange will, weder die USA, noch Israel, noch die Türkei oder sonst wer. Die Folgen wären unkalkulierbar und deshalb bleibt man lieber bei dem was man schon kennt, auch wenn es Bauchweh bereitet.

Josef Dvorak
33
26.4.2011, 09:49
Der Background von Baath ist kleinbürgerlich

und nicht sozialistisch. Nicht alles, was sich sozialistisch nennt, ist dies auch - siehe NS!

Dhimmi
11
26.4.2011, 17:36
"Der Background von Baath ist kleinbürgerlich"

Ist er absolut nicht.
Der background ist sehr wohl sozialistisch. Omar Chamra schreibt oben "nationalsozialistisch". Besser wäre "arabisch-sozialistisch", denn die Baath-Bewegung war ja nicht nur auf Syrien beschränkt.
Die flirteten eine zeitlang ganz intensiv mit der Sowjetunion (bis sie sich wieder dem Westen zuwandten und zur Belohnung den Yom Kippur Krieg "gewinnen" durften.)

PS: Im Übrigen war der NS im wörtlichen Sinne zu nehmen, mit einer durchaus solzialistischen Komponente (siehe die allumfassenden Organisationen. Die Grossindustrie wäre zweifellos nach einem gewonnenen Krieg dran gewesen)

MemoryDragon
13
26.4.2011, 11:12
Auch wenn die rote

Brille manchmal blind macht. Die Baath Partei der Assad, Gadaffi und seinerzeit auch Hussein zugehörig waren/sind ist eindeutig sozialistisch geprägt in ihrer Grundidelologie.

presumption of innocence
00
26.4.2011, 17:18
so wie die KPdSU? Hahaaa...

Jene Grüne Straßenkatze
01
26.4.2011, 10:52
...

Meinen Sie damit, dass ein kleinbürgerlicher Hintergrund der Parteimitglieder ein sozialistisches System ausschließt (was ein sozialistisches System vollkommen ausschließen würde, da politische Menschen aller Richtungen mehrheitlich aus dem Klein- oder Großbürgertum kommen), oder vielmehr, dass die Baathisten sich nur für Kleinbürger einsetzen?

Josef Dvorak
00

Eben! Es existiert ja gegenwärtig auch nirgendwo ein "sozialistsiches System".

Josef Dvorak
00
Die "Klassenbasis" des Sozialismus ist das "Proletariat",

d.h. die Industriearbeiterschaft. Ich bediene mich einer marxistischen Terminologie. Danach besteht der
Unterschied zum Kommunismus "lediglich" darin, daß im Sozialismus noch das Leistungsprinzip gilt. A.H., der "Führer" des deutschen "Nationalsozialismus", war
kein Sozialist, schon gar kein Kommunist, sondern der
Ideologie nach ein Sozialdarwinist. Der Stalinismus der KPdSU war ein Bürokratismus, dem das demokratische Element des Sozialismus fehlte. Der arabische "Sozialismus" ist ein von einem noch zu schwachen Bürgertum geduldeter "Bonapartismus",
gegen den sich nun eine bürgerliche Revolution erhebt. Sozialistisch wäre sie erst, würde z.B. in Libyen die Arbeiterschaft auf den Plan treten. Doch diese besteht vorwiegend aus nichtorganisie

Josef Dvorak
00
"Background", d.h. die "Klassenbasis" des Sozialismus

Josef Dvorak
00

wäre z.B. in Libyen die Arbeiterschaft. Diese besteht jedoch vorwiegend aus nichtorganisierten Fremdarbeitern, die momentan das Land verlassen.

potz
11
25.4.2011, 20:15

das würde alles eine rolle spielen, wenn 'sympathie', 'auf die nerven gehen', und 'respekt' politische kategorien wären.

ich fürchte, dass sowohl assad als auch gaddafi sehr entspannt einem weiteren jahrzehnt an der macht entgegensehen.

presumption of innocence
00
26.4.2011, 17:22
"No Country for old Men"

now playing in the Middle East

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