Wikileaks-Dokumente schildern Zustände in Guantánamo

25. April 2011, 17:59
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Willkür und Spekulation statt Ermittlungsergebnissen

Über 700 bisher geheime Dokumente - offenbar aus dem Datenfundus, den der US-Soldat Bradley Manning an die Internetplattform Wikileaks weiterreichte - geben Einblicke in die Gedankenwelt der Verhörexperten im US-Gefangenenlager Guantánamo auf Kuba. Nach Einschätzung der New York Times lassen die neuen Dokumente einen Schluss zu: "Guantánamo war eine Lotterie".

Manchmal reichte eine Armbanduhr, um einen Verdacht zu erhärten: Trug ein Gefangener etwa eine Casio F-91W, verbuchten es seine Vernehmer als Indiz für eine Verbindung zur Al-Kaida.

Nicht selten scheinen auch Spekulationen handfeste Beweise ersetzt zu haben, und oft dürfte Willkür geherrscht haben.

Einer der Fälle war der Gefangene 1051, ein Afghane namens Sharbat: 2003 wurde er festgenommen, nachdem in der Nähe ein Sprengsatz detoniert war. Er habe nichts mit der Bombe zu tun, er hüte lediglich Schafe, beteuerte Sharbat. Nach etlichen Verhören glaubte man ihm endlich: Er wisse viel über das Hüten von Tieren, dagegen könne er selbst mit einfachen militärischen und politischen Fragen nichts anfangen. Ein Militärtribunal stufte Sharbat dennoch als "feindlichen Kombattanten" ein, sodass er bis 2006 in Guantánamo bleiben musste.

Oder der Sudanese Sami al-Hajj, Kameramann von Al-Jazeera:Er saß sechs Jahre hinter Gittern, weil die Amerikaner mehr über Ausbildungsprogramme und Kontakte seines Senders in Afghanistan, Tschetschenien und im Kosovo erfahren wollten. Dass er allein Journalist sei, glaubte man nicht.

Fehleinschätzungen

Pikant auch der Fall des Libyers Abu Sufian Ibrahim Ahmed Hamuda Bin Qumu: 2001 wurde er in Pakistan festgenommen, weil ihn die Regierung Muammar al-Gaddafis als "gefährlichen Mann" charakterisierte. Erst Panzerfahrer der libyschen Armee, war er Anfang der 1990er-Jahre nach Afghanistan gegangen. In den Augen von Tripolis war er ein Fanatiker, der "einen Terrorakt verüben würde" . Nach fünf Jahren Haft in Guantánamo befehligt er heute die Darnah-Brigade, einen Rebellentrupp im befreiten Osten Libyens. (Frank Herrmann aus Washington, DER STANDARD, Printausgabe, 26.4.2011)

New York Times: The Guantanamo-Files

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