Atomstrom: Wie der Ausstieg gelingen kann

25. April 2011, 17:52
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Wir müssen aus unserer Energiebewusstlosigkeit erwachen, die uns den Stromverbrauch in die Höhe treiben lässt

Wenn der Sommer wieder sehr heiß und der Treibhauseffekt zum Thema wird, wollen wir schon wieder raus: Raus aus der Kohle! Mit ebenso guten, begründeten Argumenten.

Seit 1978, dem Jahr der legendären Zwentendorf-Abstimmung, allerspätestens jedoch seit 1986, dem Jahr der Tschernobyl-Katastrophe, begleitet uns die "Raus-Debatte". Nur einen scheint das gar nicht zu rühren. Mit geradezu stoischer Gelassenheit geht er seinen Weg. Stetig nach oben. Der Stromverbrauch. Und während er wächst und wächst, sinkt der Anteil erneuerbarer Stromerzeugung seit Jahren.

Böse formuliert: Während wir "Raus!" schreien, verursachen wir ein "Rein!". Denn nicht nur in China geht jede Woche ein neues Kohlekraftwerk ans Netz, auch bei uns in Europa sind Kraftwerke in Bau, die fossile Energieträger verbrennen.

Der Autor dieser Zeilen ruft ebenso laut "Raus!" seit 1978. Er ist von der tiefen Überzeugung getragen, dass die Alternative zur fossilen und atomaren Stromerzeugung leuchtend sichtbar ist: die Sonne.

Sie liefert jährlich das 18.000-Fache des weltweiten Energieverbrauchs. Und doch: War vielleicht die Strategie falsch? Denn weltweit wächst der atomar-fossile Komplex weiter, all unserer Argumente zum Trotz. Müssen wir einen anderen "archimedischen Punkt" der Umstiegsdebatte finden?

Dazu meine erste These: Wir müssen unsere Energiebewusstlosigkeit überwinden, nur so kann eine neue nachhaltige Energiekultur (Betonung auf "Kultur") entstehen.

Energiebewusstlosigkeit?

Dazu ein schneller Test mit bloß zwei Fragen. Erste Frage: Wie viele kWh (Kilowattstunden) Strom verbrauchen Sie in Ihrem Haushalt? Meine Erfahrung: 90 Prozent der so Befragten haben keine Ahnung. Strom ist unsichtbar, riecht nicht, kommt einfach aus der Steckdose.

Zweite Frage: Beschreiben Sie ganz kurz, in eigenen Worten, was eine kWh ist, was sie so kann, ganz ungefähr. Die Antwort ist die gleiche. Neun von zehn Befragten zucken die Schultern.

Viel Leistung für wenig Geld

Für die Beantwortung der ersten Frage schauen Sie auf Ihrer Stromrechnung nach, für die zweite hier eine Kurzbeantwortung: Mit einer Kilowattstunde kann eine Tonne ganze 365 Meter hoch gehoben werden. Und wissen Sie, was eine kWh kostet? Inklusive aller Steuern, Netzgebühren etc.: lächerliche 25 Cent.

Ein Radfahrer (sorry, dieser Vergleich muss noch sein), ein durchschnittlich trainierter, radelt einen ganzen Tag, um eine kWh zu erstrampeln.

These: Etwas, das so viel kann und so unglaublich billig ist, wird verschwendet. Ökonomisch gesprochen. Es besteht kein Anreiz, dessen Produktivität zu erhöhen. Bürohaus mit Glasfassade? Macht doch nichts, Strom ist billig. Her mit der Klimaanlage. Womit wir beim Kern der Auseinandersetzung sind.

Strom könnte vollständig aus Sonnenenergie, jedenfalls erneuerbar hergestellt werden. Ebenso könnte der Stromeinsatz rationeller gestaltet werden. Neun von zehn Haushalten könnten spielend, ohne jede Komforteinbuße, 20 Prozent ihres Stromverbrauchs "einsparen", würden sie ihre Energiebewusstlosigkeit überwinden, bzw. hätten sie preisliche Anreize.

Dem stehen jedoch sehr einflussreiche Institutionen entgegen: die Arbeiterkammer hier, dort Industriellenvertretung und Wirtschaftkammer. Erstere hat die SPÖ, Letztere die ÖVP in Geiselhaft. Deren Credo: "Erneuerbare schön und gut, aber: Strom muss billig bleiben." So gelingt es diesen Organisationen seit vielen Jahren, ein wirksames Ökostromgesetz zu verhindern. Dieses hat in Deutschland vorbildhaft gezeigt, wie der Anteil "Erneuerbarer" signifikant zu erhöhen ist.

Reisen wir kurz zurück ins 19. Jahrhundert. Wiens Bevölkerung bekommt sein Wasser aus Hausbrunnen. Da es damals an hygienischer Kanalisation mangelte, erkrankten und starben sehr viele. Bevölkerung im Allgemeinen, Militär im Besonderen. Die politisch Verantwortlichen fassten daraufhin den weisen Beschluss, die noch heute berühmte Wiener Hochquellwasserleitung zu bauen. Zum Glück für die Gesundheit der Wiener Bevölkerung gab es damals weder Arbeiter- noch Wirtschaftskammer. Denn sie hätten sicher gerufen: "Hochquellwasser ist zwar schön und gut, aber es darf niemals, niemals mehr kosten als die Hausbrunnen". So hätten sie mit Kostenargumenten den Bau der Hochquellleitung zu Fall gebracht.

Damals sagte man schlicht. "Wir wollen das! Es ist uns wichtig! Und ja, wir können uns das leisten!" Daraufhin wurde eine technische Meisterleitung vollbracht. Heute sind wir als Gesellschaft mehr als tausendmal so reich.

Unglaubliche technische Möglichkeiten stehen uns zur Verfügung. Wären wir bereit, ein paar Cent mehr je kWh zu bezahlen, könnten wir rasch (innerhalb von nicht viel mehr als zehn Jahren) die gesamte österreichische und auch die gesamte europäische Stromversorgung auf hundertprozentig erneuerbar umbauen. Sonne haben wir genug. (Christoph Chorherr, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 25.4.2011)

CHRISTOPH CHORHERR ist Gemeinderat der Grünen in Wien.

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    Christoph Chorherr: Genug debattiert, Ausstieg jetzt.

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    Protest gegen die Atomstromproduktion in ganz Europa - die Alternativen erfordern Mut und etwas Geld, Sonne gibt es genug

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