Todesangst statt Gerechtigkeit nach Vergewaltigung

25. April 2011, 17:52
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Statt nach ihrer Vergewaltigung aus Scham Selbstmord zu begehen, klagte die Pakistani Mukhtaran Mai die Täter an

Das Oberste Gericht ließ fünf von sechs Verurteilten laufen. Die Frau fürchtet um ihr Leben.

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Islamabad - Mukhtaran Mai hat den langen Kampf gegen ihre Vergewaltiger verloren. Vor neun Jahren war sie, vermutlich auf Beschluss des Dorfrates, von vier Männern vergewaltigt worden. Sie brach das Gesetz des Schweigens und zeigte die Vergewaltiger und den Dorfrat an. Nun ließ das Oberste Gericht Pakistans fünf der sechs bereits Verurteilten laufen, die Todesstrafe für den sechsten Angeklagten wurde in "lebenslänglich" abgemildert.

Während ein Teil der GerichtszuschauerInnen, darunter auch JournalistInnen, das Urteil laut beklatschte, reagierten Frauen- und BürgerrechtlerInnen fassungslos. Mai brach nach der Urteilsverkündung zusammen. Die 40-Jährige fürchtet nun um ihr Leben, die Männer leben nur wenige Minuten von ihr entfernt. Mukhtaran Mai will erneut Berufung einlegen, doch sie hat kaum noch Hoffnung, dass sie Gerechtigkeit erfährt. In all den Jahren habe die Polizei nicht einmal ihre Zeugenaussagen korrekt festgehalten, sagt sie.

Bruder vergewaltigt

Im Sommer 2002 hatten drei Männer des Mastoi-Stammes in der Provinz Punjab Mukhtarans elfjährigen Bruder Shakoor vergewaltigt. Als die Familie mit Anzeige drohte, klagten die Männer den kleinen Jungen an, eine Affäre mit einer der Mastoi-Frauen zu haben.

Der Dorfrat soll daraufhin beschlossen haben, dass die Mastoi-Männer Mukhtaran vergewaltigen dürfen, um die angebliche Affäre zu sühnen. Am 22. Juni 2002 lockten die Mastois sie zu ihrem Haus, wo sie von vier Männern missbraucht wurde. Danach warfen sie ihr Opfer splitternackt aus dem Haus. Der Dorfimam Maulana Abdul Razzaq, ein mutiger, liberaler Prediger, schritt ein. Er verdammte das Verbrechen in seinem Freitagsgebet als schwere Sünde und sprach mit JournalistInnen, die über den Fall berichteten. Zugleich riet der Imam der Familie, zur Polizei zu gehen.

Gegen Selbstmord

Mukhtaran wagte das Undenkbare: Sie weigerte sich, aus Scham Selbstmord zu begehen, und zeigte stattdessen ihre Peiniger an: die Vergewaltiger und die Männer aus dem Dorfrat, insgesamt 14 Männer. Damit begann für die junge Frau ein jahrelanger Kampf. Sie erhielt Todesdrohungen, Polizisten mussten sie schützen. Einen davon heiratete sie. Mukhtaran blieb unbeirrbar. Sie gründete eine Hilfsorganisation und eröffnete zwei Schulen in ihrem Dorf.

Die Täter wurden zwar in erster Instanz verurteilt, das Oberste Gericht revidierte diese Entscheidung nun aber. Mukhtaran weiß, dass ihr Leben in Gefahr ist. Trotzdem will sie ihr Dorf nicht verlassen und ihre Schulen nicht aufgeben. "Leben und Tod sind in den Händen Allahs. Ich werde meine Schulen und andere Projekte nicht schließen." (Christine Möllhoff, DER STANDARD-Printausgabe, 26.4.2011)

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    Mukhtaran Mai steht in einer jener Schulen, die sie in Pakistans Meerwala-Provinz nach ihrer Vergewaltigung gegründet hat.

    Nach der Ablehnung der Berufung hat die Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch (HRW) am Freitag die pakistanische Regierung aufgefordert, sich bei dem Gerichtshof für eine weitere Berufung einzusetzen.

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