Schwere Menschenrechtsverletzungen - Auch Geisteskranke und altersschwache Menschen unter den Gefangenen
Washington/Madrid - Im US-Gefangenenlager Guantanamo
auf Kuba sind neuen Veröffentlichungen des Enthüllungsportals
Wikileaks zufolge jahrelang zahlreiche Unschuldige festgehalten
worden. Die am späten Sonntag verbreiteten Informationen sind Teil
der im vergangenen Jahr massenhaft von mehreren internationalen
Medien veröffentlichten geheimen US-Militärdokumente und fassen die
Situation aller seit 2002 in Guantanamo einsitzenden Häftlinge
zusammen. Wie der britische "Daily Telegraph" unter Berufung auf die
in den neuen Dokumenten zitierten US-Militäranalysten berichtete,
galten nur 220 der insgesamt 779 Guantanamo-Insassen als gefährliche
Extremisten.
Etwa 380 Häftlinge wurden demnach als "Fußsoldaten" niedrigeren
Ranges eingestuft, die etwa den fundamentalistischen Taliban
nahestanden. Bei mindestens 150 Häftlingen jedoch handelte es sich
den Dokumenten zufolge um unschuldige Afghanen und Pakistanis,
darunter Bauern und Fahrer. Sie seien teilweise jahrelang aufgrund
von Fehlern bei der Feststellung ihrer Identität in Guantanamo
festgehalten worden oder weil sie schlicht zur falschen Zeit am
falschen Ort gewesen seien.
So seien in Guantanamo auch geisteskranke, altersschwache und
völlig unschuldige Menschen inhaftiert worden, berichtete die
spanische Zeitung "El Pais" am Montag. Das Lager habe dem US-Militär
in erster Linie dazu gedient, von den Gefangenen Informationen zu
erhalten. Über die Verhörmethoden werden nach Angaben von "El País"
in den Unterlagen keine Angaben gemacht. 143 Verdächtige seien mehr
als neun Jahre in dem Lager gefangen gehalten worden. Derzeit seien
in Guantánamo noch 172 Menschen inhaftiert.
US-Präsident Barack Obama hatte das Lager eigentlich schließen
wollen, dieses Versprechen aber nicht eingelöst. Die Inhaftierungen
seien völlig willkürlich gewesen, berichtete "El País". Demnach war
unter den Gefangenen in dem Lager auch ein 89-Jähriger, der unter
Altersdemenz und schweren Depressionen litt. Ein Afghane sei in
seiner Heimat auf der Suche nach seinem Sohn in die Hände von
US-Militärs geraten und nach Guantanamo gebracht worden.
Die Daten waren von Wikileaks etwa auch der "New York Times"
und
dem "Spiegel" übermittelt worden. Die US-Regierung bezeichnete die
neuerliche Veröffentlichung als "unglücklich". In einer vom Pentagon
sowie vom Außenministerium verbreiteten Erklärung hieß es, sowohl zu
Zeiten der Regierung von Präsident George W. Bush sowie seines
Nachfolgers Barack Obama habe der Schutz der US-Bürger "oberste
Priorität" gehabt. (APA)