Italien sagt Beteiligung an Luftangriffen zu

26. April 2011, 10:20
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Russland will Resolution nicht mittragen - NATO bombardiert Gaddafis Hauptquartier - Misrata von Gaddafi-Truppen beschossen - Österreichisch-südafrikanischer Fotograf offenbar vom Regime festgehalten

Im Konflikt in Libyen ist Italien zu "gezielten" Luftangriffen bereit. In einer am Montag in Rom veröffentlichten Erklärung teilte Ministerpräsident Silvio Berlusconi mit, die italienische Luftwaffe werde sich an Angriffen gegen auf libyschem Territorium aufgeklärte "spezielle militärische Ziele" beteiligen, um zum Schutz der libyschen Zivilbevölkerung beizutragen.

Der Erklärung war den Angaben zufolge ein Telefonat Berlusconis mit US-Präsident Barack Obama vorausgegangen. Er habe Obama darüber informiert, dass Italien auf den Appell von NATO-Generalsekretär Anders Fogh Rasmussen beim NATO-Außenministertreffen am 14. April in Berlin "positiv antwortet".

Rasmussen hatte bei dem Treffen der NATO-Außenminister in Berlin gesagt, die NATO sei "fest entschlossen", bis zur Einstellung aller Angriffe gegen libysche Zivilisten weiterzukämpfen. Der NATO-Generalsekretär forderte unter anderem Präzisionsflugzeuge, um bei Bombardierungen von Waffenlagern in Wohngebieten das Leben von Zivilisten zu schützen. Die NATO hatte das Kommando über die internationalen Luftschläge von den USA übernommen.

In Libyen-Krise droht dem Westen neuer Streit mit Russland

Nun droht neuer Streit zwischen dem Westen und der UN-Vetomacht Russland. Der russische Außenminister Sergej Lawrow kündigte am Dienstag laut Agentur Interfax an, sein Land werde eine Resolution des UN-Sicherheitsrats nicht mittragen, die zu einer Eskalation des Konflikts führen würde. Bei der Abstimmung über die Einrichtung der Flugverbotszone über dem nordafrikanischen Land hatte sich Russland im März ebenso wie Deutschland und die Vetomacht China der Stimme enthalten.

NATO bombardiert Gaddafis Hauptquartier

NATO-Kampfflugzeuge haben am Montag den Regierungskomplex des libyschen Machthabers Muammar al-Gaddafi in Tripolis angegriffen und ein Gebäude zerstört. Ein Regierungssprecher wertete dies als Versuch, den Herrscher umzubringen. Rund 45 Menschen seien bei dem Angriff auf das für Ministertreffen genutzte Gebäude verletzt worden, 15 von ihnen schwer. Berichte über mögliche zivile Opfer bei diesem Angriff wollte die NATO nicht bestätigen. Dazu fehle es ihm an unabhängigen Quellen. Die Angaben konnte nicht von unabhängiger Seite bestätigt werden.

Anders als das Gaddafi-Regime sei die NATO darum bemüht, die Zahl der zivilen Opfer möglichst klein zu halten, hieß es in der Mitteilung. "Wir werden den Druck aufrechterhalten, bis alle Angriffe auf Zivilisten ein Ende finden, bis Gaddafis Truppen sich zurückziehen und bis ein voller und uneingeschränkter Zugang für humanitäre Hilfe möglich ist", sagte NATO-Sprecher Oana Lungescu am Montag.

Die Rebellenenklave Misrata (Misurata) geriet indes einem Augenzeugen zufolge unter schweren Beschuss durch die Gaddafi-Truppen, bei dem mindestens 30 Menschen getötet wurden. Ein österreichisch-südafrikanischer Journalist wird unterdessen offenbar vom Regime in Libyen festgehalten. Das österreichische Außenministerium bemüht sich um seine Freilassung.

Saif Gaddafi: Lassen uns nicht einschüchtern

Gaddafis Sohn Saif al-Islam zeigte sich vom NATO-Bombardement unbeeindruckt. Die Regierung werde sich davon nicht einschüchtern lassen. "Das macht nur Kindern Angst", wurde al-Islam von der staatlichen Nachrichtenagentur Jana zitiert. Es sei unmöglich, die Regierung durch derartige Angriffe zur Aufgabe zu zwingen. Zwar wurde der Komplex Bab al-Asisija schon mehrfach getroffen. In den vergangenen Tagen verstärkte die westliche Militärallianz aber wohl die Angriffe. Am Wochenende wurde offenbar ein Bunker in der Nähe der Regierungsgebäude beschossen. Nach Darstellung der Regierung handelte es sich jedoch um einen Parkplatz.

Der Tod des Machthabers ist nicht das erklärte Ziel der NATO. Mit den Angriffen soll eine UN-Resolution zum Schutz der Zivilbevölkerung Gaddafis Soldaten umgesetzt werden. Allerdings haben die federführenden Länder Großbritannien, Frankreich und die USA bekräftigt, die Angriffe erst bei einem Rückzug Gaddafis beenden zu wollen.

Zeugen: Fünf heftige Explosionen erschütterten Tripolis

Die libysche Hauptstadt Tripolis ist am Montagabend von fünf heftigen Explosionen erschüttert worden. Zunächst berichteten Zeugen von drei Detonationen im Osten der Stadt, ohne jedoch genaue Angaben über den Ort machen zu können.

Ein Einwohner des Viertels Ain Sara berichtete von Rauch und Flammen in der Nachbarschaft. Später folgten nach Angaben eines weiteren Zeugen zwei weitere Explosionen in demselben Stadtteil. Tripolis ist seit Freitag Ziel verstärkter Angriffe von NATO-Kampfflugzeugen.

Viele Opfer in Misrata

Regierungstruppen beschossen unterdessen die Hafenstadt Misrata, obwohl sie zuvor ihren Rückzug angekündigt hatten. Die Stadt im Westen des Landes wird von Rebellen beherrscht. Wohnviertel seien massiv mit Raketen beschossen worden, sagte ein Mitarbeiter einer oppositionellen Radiostation am Montag dem TV-Sender Al-Arabiya. Rund 60 Menschen seien verletzt worden. Die Zahl der Opfer konnte nicht unabhängig bestätigt werden. Ein Klinikarzt berichtete, durch schweren Artilleriebeschuss sei auch ein zehnjähriger Bub ums Leben gekommen.

Die libysche Regierung beharrte auf ihrer Darstellung, sich aus der seit Wochen belagerten Küstenstadt Misrata zurückzuziehen. Dabei seien die Soldaten jedoch von den Rebellen angegriffen worden und hätten zurückgeschossen. Die Truppen zögen sich aber weiter zurück, sagte ein Sprecher. Die Aufständischen sprechen dagegen von einem möglichen Täuschungsmanöver - etwa um das Verschieben von Einheiten zu verschleiern. Auch könne die Regierung versuchen, Aufständische und Anrainer gegeneinander aufzuwiegeln. Unter den Kämpfen leidet vor allem die Zivilbevölkerung. Hunderte Menschen kamen in den erbitterten Schlachten ums Leben.

Im Sintan (Zintan) im Südwesten des Landes wurden durch den Beschuss von Grad-Raketen am Sonntagabend nach Angaben von Einwohnern mindestens vier Menschen getötet. In der Region nahmen die Kämpfe in den vergangenen Tagen wieder zu.

Bisher kann sich keine Seite entscheidend durchsetzen. Regierungssoldaten eroberten am Samstag die Stadt Jafran im Westen des Landes. Mehr als einen Monat nach Beginn der westlichen Luftangriffe gibt es somit keine Anzeichen dafür, dass die Aufständischen den autokratischen Herrscher vertreiben können.

Die Aufständischen in Libyen werden ihre Erdölproduktion nach eigenen Angaben noch mindestens vier Wochen lang nicht steigern können. So lange werde die Reparatur von Ausrüstung dauern, sagte der Leiter der Ölförderung, Wahid Bughaigis, am Sonntag.

Unterdessen konnte das schnelle Eingreifen des Bordpersonals am Sonntagabend die Entführung eines Linienflugs der italienischen Luftlinie Alitalia nach Libyen vereiteln. Wie italienische Medien berichteten, überwältigten vier Flugbegleiter einen offensichtlich verstört wirkenden Passagier. Der 48 Jahre alte Kasache, der zur Delegation seines Landes bei der UNESCO in Paris gehöre, hatte auf dem Weg von Paris nach Rom eine Stewardess angegriffen. Einen terroristischen Hintergrund schloss die Polizei am Montag aus. (APA/Reuters)

  • Ein Mann steht vor Gaddafis zerstörtem Komplex.
    foto: epa/mohamed messara

    Ein Mann steht vor Gaddafis zerstörtem Komplex.

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    Gaddafi nutzte ein komplett zerstörtes Gebäude in diesem Komplex als Besprechungssaal für seine Ministerräte.

  • Zerstörte Innenausstattung
    foto: epa/mohamed messara

    Zerstörte Innenausstattung

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    Alle Bilder wurde auf einer von der Regierung organisierten Tour für Journalisten aufgenommen.

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