"Die Geigerzähler haben nie ausgeschlagen"

24. April 2011, 15:38
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Martin Vukovich, während der Katastrophe von Tschernobyl Gesandter in Moskau und Österreichs zweiter Mann vor Ort, über Verleumdungsvorwürfe der Sowjets und Gerüchte um angeheiterte Wissenschafter

Standard: Wann haben Sie damals erfahren, dass es am 26. April um 1.23 Uhr das ukrainische Atomkraftwerk zerrissen hat?

Vukovich: Das hat sich auch bei mir nur stückerlweise ergeben. Etwa, als ich auf BBC gehört habe, dass die Schweden erhöhte Radioaktivität festgestellt haben und mutmaßten, dass es in einem sowjetischen AKW einen Vorfall gegeben haben muss. Tags darauf bin ich vom Außenamt in Wien aufgefordert worden, in Moskau möglichst rasch Informationen einzuholen, was es da gegeben hat.

Standard: Ein mühsamer Auftrag?

Vukovich: Definitiv. Denn von allen russischen Stellen wurde zunächst ja heftig dementiert. Und selbst bei einer Pressekonferenz wurde anfangs erklärt, dass da überhaupt nichts vorliegt.

Standard: Erst in der Nacht auf den 29. April teilte die russische Nachrichtenagentur Tass mit, dass in Tschernobyl "ein Schaden an einem Atomreaktor aufgetreten" sei.

Vukovich: Genau. Im Außenministerium in Moskau hatte man bis dahin ständig behauptet, dass es sich bei den Vermutungen im Westen um üble Verleumdungen handle. Um Lügen und freche Behauptungen, um der Sowjetunion zu schaden.

Standard: Bis heute hält sich hartnäckig das Gerücht, dass sich auch die Sozialdemokraten in Wien nicht die Aufmärsche am 1. Mai vergällen lassen wollten, obwohl Strahlenbelastung drohte. Gesundheitsminister Franz Kreuzer soll aus Parteiräson dem Druck der Genossen nachgegeben haben, keine Warnung herauszugeben. Davon irgendetwas mitbekommen?

Vukovich: Nein, von den österreichischen Interna habe ich zu diesem Zeitpunkt nichts mitbekommen. Ich war ja in Moskau. Ich erinnere mich etwa auch daran, dass wir sogar mit Geigerzählern auf den Kolchosenmarkt gegangen sind, um die Lebensmittel auf Radioaktivität zu testen. Die haben aber nie ausgeschlagen - weil die Geräte gar nicht richtig funktionierten.

Standard: Sie waren später Botschafter in Japan. Warum fiel es einst Moskau und jetzt Tokio so schwer, die Tragweite ihrer AKW-Unfälle rasch zuzugeben?

Vukovich: Es gibt doch einen großen Unterschied zwischen der Katastrophe in der damaligen Sowjetunion und dem heutigen Japan: Der Unfall in Tschernobyl galt quasi als Schande für die aufstrebende sowjetische Technik. Aber man kann Fukushima nicht mit der Intransparenz vergleichen, die es vor 25 Jahren gegeben hat. In Japan kamen eher wegen der üblichen unbestimmten Art, sich auszudrücken, Missverständnisse auf. Dadurch entstanden so seltsame Wortschöpfungen, etwa dass "eine vorübergehende Kernschmelze" drohe. Dass es enorme Schlampereien bei der Wartung des AKWs im Erdbebengebiet gegeben hat, war aber freilich auch Ergebnis einer selbstherrlichen Atomindustrie, die mit dem Staat und der Bürokratie ziemlich verwoben ist.

Standard: Russland hält trotz Tschernobyl eisern an der Kernkraft fest. Vermag Fukushima Japans Einstellung zu verändern?

Vukovich: Es wird zwar ein neues Nachdenken geben, aber: Man wird auch dort künftig kaum ohne Atomenergie auskommen können, weil Tokio nicht von Kohlenwasserstoffen abhängig sein will. Kein Zweifel: Wer wie Österreich ohne Atomkraft existieren kann, ist glücklich - aber nicht alle Staaten haben diese Möglichkeit. Auf erneuerbare Energien wie Wind oder Fotovoltaik zu setzen ist auch eine Kostenfrage. Eine grüne Politik, wie wir sie in Europa kennen, zeichnet sich in Japan jedenfalls für die nächste Zeit nicht ab.

Standard: Ab wann fand die Sowjetunion unter Michail Gorbatschow einen angemessenen Umgang mit der bisher schlimmsten Katastrophe in der zivilen Nutzung der Kernenergie?

Vukovich: Man hat dort noch jahrelang erklärt, dass die Atomenergie - wenn man damit diszipliniert umgeht - harmlos sei. Und unter der Hand oft gemeint, dass der Super-GAU eher auf ein Experiment von angeheiterten Wissenschaftern, die da irgendetwas getrieben hätten, zurückzuführen gewesen sei. Heute behauptet die russische Atomindustrie, dass ihre Kraftwerke genauso sicher sind wie die westliche Technologie. Es bestehen also keinerlei Zweifel an der Notwendigkeit der Kernkraft, und es ist geplant, demnächst weitere zwanzig Reaktoren in Betrieb zu nehmen.

Standard:  Wie gestalteten sich die Jahre nach Tschernobyl? Wurden Opfer und Retter entschädigt - oder alles möglichst totgeschwiegen?

Vukovich: Der AKW-Unfall war ein großer Prestigeverlust für die Sowjetunion, der aber die Bereitschaft der Politiker gefördert hat, die atomare Abrüstung mit den USA voranzutreiben. Die Zahl der Opfer hingegen ist bis heute nicht bekannt. Die Liquidatoren etwa, die mit dem Bau des Sarkophags beauftragt wurden, haben zwar posthum Ehrungen erfahren. Aber ob die Familienangehörigen dieser geschätzten 4000 Todesopfer abgegolten wurden, ist nicht bekannt. Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion wurde in Moskau ein Denkmal für alle Opfer von Tschernobyl errichtet - allerdings nicht von offizieller Seite, sondern von demokratisch und  ökologisch gesinnten Bürgern. (Nina Weißensteiner, DER STANARD; Printausgabr, 23./24./25.4.2011)

MARTIN VUKOVICH, Jahrgang 1944, geboren in Eisenstadt, war bis Februar 1989 Gesandter in Moskau. Von 1995 bis 1999 arbeitete der Diplomat als Botschafter in Japan, zwischen 2003 und 2009, bis zu seiner Pensionierung, wieder in Russland.

  • "Zunächst wurde alles dementiert": Vukovich, einst auf dem Roten Platz in Moskau.
    foto: privat

    "Zunächst wurde alles dementiert": Vukovich, einst auf dem Roten Platz in Moskau.

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