Erdogans junge Truppe

24. April 2011, 12:18
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Angebot und Nachfrage sind bekanntlich ein ungleiches, wenig geliebtes Paar. Bei landesweiten Auswahlverfahren für Jobs oder Studienplätze sind A & N immer dabei - in der Türkei wie anderswo auf der Welt: viel zu viele Bewerber, viel zu wenige Plätze. In der Türkei geht bei diesen Auswahlverfahren in letzter Zeit aber regelmäßig etwas schief. Vergangenen Sommer war es die Zulassungsprüfung für den öffentlichen Dienst in der Türkei (KPSS), bei der Manipulationen bekannt und Bewerber verhaftet wurden. Jetzt ist es die erste von zwei Eingangsprüfungen für die Universitäten. Ein simpler Zahlencode erlaubte die richtigen Antworten auf die 160 Fragen. Man musste angeblich nur immer die höchste Ziffer bei den multiple-choice-Fragen ankreuzen. Reiner Zufall, sagt der Leiter der Behörde, die mit der Zulassungsprüfung vom 27. März befasst war.

In ungewohnter Einmütigkeit befassen sich die vier wichtigsten türkischen Satirezeitschriften in ihrer jüngsten Ausgabe mit der möglicherweise und politisch unkorrekt ausgedrückt "getürkten" Uni-Zulassungsprüfung YGS. Oder vielmehr: mit Regierungschef Tayyip Erdogan, der protestierenden Gymnasiasten bei einer Wahlversammlung antwortete, sie würden von der Opposition manipuliert. Er könne mit seiner AKP-Partei statt der 2000 Schüler, die auf dem Taksim-Platz in Istanbul demonstrierten, 5000 bis 10.000 junge Leute organisieren, mache es aber um dem Frieden im Land willen nicht.

Tricksereien bei nationalen Zulassungsprüfungen sind ein besonders sensibles Thema im Land der Verschwörungstheorien. Der Vorwurf bei der YGS-Prüfung, an der 1,7 Millionen Schüler für einige Hunderttausend Studienplätze teilnahmen, ist natürlich, dass Gymnasiasten mit Pro-AKP-Einstellung von dem Zahlencode unterrichtet wurden und ergo die Universitäten mit konservativ-islamischem Nachwuchs bestückt werden sollen. Ähnliches galt für den Skandal um die Beamtenprüfung KPSS. Seit Jahren wird auch verbreitet, Polizei- und Justizanwärter, die mit der AKP oder der islamischen Bewegung des Predigers Fethullah Gülen sympathisieren, bekämen die Antworten auf die Prüfungen im Vorhinein.

Das bringt uns zum Cover von Leman diese Woche: "Hey, junge Leute! Ihr habt den Regierungschef gehört. Wir brauchen 10.000 Leute...Macht euch fertig", sagt ein Beamter (oder vielleicht Staatsminister Faruk Celik) - zu einem Haufen nicht eben harmloser aussehender Polizisten.

Bei Uykusuz sitzt Erdogan selbst am Steuer eines Lkw und rast zum Taksim-Platz, um mit seinen jungen Demonstranten den Schülern zuvorzukommen. Die Zeit drängt: "Wie spät ist es, wir dürfen nicht den Schulschluss verpassen..." Nicht alle im Cockpit wissen Bescheid. "Was ist los? Geht es um eine Mädchengeschichte?" Eine "Mädchengeschichte", so wurde mir erklärt, ist die Umschreibung für ein übliches Verfahren an türkischen (und anderen...) Schulen, wo man nach Schulschluss ein paar Freunde zusammentrommelt, um einen Mitschüler zu verprügeln, der ungebührliches Interesse an einem Mädchen zeigt, das ihm nicht zusteht...

Girgir zeigt, was tatsächlich herauskäme, wenn Erdogan seine Jugend zu sich ruft: eine Menge Eier - das bevorzugte Wurfgeschoss auf Politiker in den vergangenen Monaten. Auf der Titelseite von Penguen macht Erdogan schließlich einem kleinen Schüler zum türkischen Kinderfeiertag am 23. April ein unethisches Angebot: "Wenn du den unseren verhaust, darfst du auf dem Sessel des Ministerpräsidenten sitzen." Der "unsere" ist doppelt so groß. Aber man weiß ja nie.

 

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    foto: markus bey
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