Aphrodite und Stinkefinger

22. April 2011, 19:40
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Auf den ersten Blick sieht es so aus, als wären die Griechen dünnhäutig geworden - Von András Szigetvari

Auf den ersten Blick sieht es so aus, als wären die Griechen dünnhäutig geworden. Zuerst kündigten Athener Anwälte an, das deutsche Wochenmagazin Focus zu klagen, weil es auf einem Titelbild eine Aphrodite mit Stinkefinger abgebildet hatte. Diese Woche hat das griechische Finanzministerium auch noch eine Anzeige bei der Staatsanwaltschaft deponiert, weil ein Analyst der US-Citibank in einer Rundmail eine Umschuldung Griechenlands, also die Staatspleite, zu Ostern prophezeit hat.

Die beiden Fälle sind durchaus unterschiedlich gelagert. Der Focus-Titel mag geschmacklos sein, fällt aber wohl unter die Rubrik Pressefreiheit. Anders verhält es sich mit der E-Mail des US-Bankers. Es ist klar, dass ein paar Zeilen kein Land der Welt in den Konkurs treiben werden. Ein potenzieller Schaden liegt in diesem zweiten Fall dennoch vor. Denn der griechische Aktienmarkt ging auf Talfahrt, und Investoren straften Hellas mit höheren Zinsen ab.

Die Frage, ob daran Citibanker schuld sind, hat also rechtliche Relevanz. Zwar wird dieser Tage viel über eine Umschuldung Athens geredet, eine Prophezeiung, dass es "am Osterwochenende" so weit sein wird, wagte aber niemand. Wenn Banker Falschinformationen über ein Unternehmen verbreiten, müssen sie mit Schadenersatzklagen rechnen. Es gibt keinen Grund, warum für Staaten andere Spielregeln gelten sollten als für Unternehmen, die sich bei jeder Gelegenheit auf Kreditschädigung berufen. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 23./24./25.4.2011)

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