Einen Weltenbaumeister für möglich halten

22. April 2011, 18:44
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Nach einer Oster-Meinungsumfrage vertrauen die Österreicher unter den religiösen Persönlichkeiten am meisten dem Dalai Lama, dann Kardinal Schönborn und an dritter Stelle dem aktuellen Papst Benedikt XVI

Das überrascht nicht besonders, weil für viele die Person Dalai Lama eben ein vages spirituelles Bedürfnis eher erfüllt. Mit dem Glaubenskern des Christentums, der anlässlich des Festes der Auferstehung Christi berührt wird, hat das aber wenig zu tun.

Ein Charismatiker gegen zwei Intellektuelle. Tatsächlich versuchen Papst Benedikt XVI. und Kardinal Schönborn eine intellektuelle Debatte zu führen. Die letztlich auf den Anspruch hinausläuft, dass die Vernunft/Wissenschaft, und da besonders die Evolutionslehre, nicht notwendigerweise mit dem Glauben an einen Schöpfergott in Widerspruch stehen muss.

Kardinal Schönborn hat sich dazu nun zwei führende Wissenschafter, den Mediziner und Theologen Johannes Huber und den Physiker Walter Thirring zu Hilfe geholt, die in dem Buch Baupläne der Schöpfung. Hat die Welt einen Architekten? (Seifert Verlag) eben diese im Titel angesprochene Möglichkeit erörtern. Bei der Präsentation legte Kardinal Schönborn Wert darauf, nicht für einen Vertreter des "Intelligent Design" gehalten zu werden, der meint, aus der Komplexität des Universums leite sich "naturwissenschaftlich" zwingend die Existenz eines göttlichen "Designers" ab.

Schönborn meint auch, wie Thirring, der evangelische Christ, und wie Huber, der Genetiker und langjährige Sekretär von Kardinal Franz König, dass die Frage einfach nicht beantwortbar sei, ob hinter den Naturgesetzen und ihrer "unüberbietbaren Präzision" ein "Welten-Designer" steht oder ein blinder evolutiver Prozess. Die beiden Autoren des anspruchsvollen Buches wollen aber, gestützt auf ihre jeweiligen Disziplinen, für die Möglichkeit werben, dass es eben doch einen "Architekten der Welt" gibt. Die verächtliche Geste von populären Atheisten wie Richard Dawkins weisen sie als unwissenschaftlich zurück.

Nichtphysiker können Thirrings Argumentation nicht folgen. Johannes Huber argumentiert beinahe mit den Mitteln der historisch-kritischen Theologie, wenn er cool referiert, dass das Alte Testament teilweise aus Hirtengeschichten von Nomadenvölkern besteht und die neutestamentarische Christus-Vorstellung Wurzeln im griechischen Dionysos-Kult (!) hat; diese Geschichten seien eben benutzt worden, um "die Offenbarung Gottes zu illustrieren".

Huber: "Wenn gottglaubende Menschen schließen, dass beim Erwachen des menschlichen Geistes unsere Gattung den Funken geschenkt bekam, als erste Lebewesen die Gesetzmäßigkeiten unseres Kosmos, die auch uns prägten, zumindest teilweise zu erkennen, so ist es intellektuell nicht unredlich, auch jenen Weltenbaumeister zu akzeptieren, der ein integraler Bestandteil von Anfang an in den Köpfen des Homo sapiens war. Denn diese Haltung hat letztendlich trotz aller Rückschläge zur Humanisierung und Sozialisierung entscheidend beigetragen." (Hans Rauscher, DER STANDARD-Printausgabe, 23./24./25.4.2011)

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