25 Jahre und kein bisschen weise

22. April 2011, 18:40
87 Postings

Höchstens die Technik hat aus der Katastrophe von Tschernobyl nachhaltig gelernt

In gewisser Weise ist "Tschernobyl" ein globales Ereignis wie "9/11". Kaum jemand, der nicht weiß, wo er damals, als "die Wolke" kam, gewesen ist. Doch anders als beim Terrorangriff auf die Twin Towers in New York, wo der Schock im Augenblick saß, in dem man fassungslos vor dem Fernseher verharrte, verbreitete sich der Schrecken über die Reaktorkatastrophe in der fernen Ukraine (für uns damals nur "die" Sowjetunion) in Wellen. Beunruhigende Erinnerungsbilder: Väter, die hastig die Sandkisten in den Gärten leerschaufelten; Mütter, die mitten im Mai auf Glashaus-Salat bestanden, Tiefkühlgemüse-Vorräte plünderten und die Kinder tagelang nicht im Freien spielen ließen. Politiker im In- und Ausland, die hilflose Phrasen des Nichtwissens von sich gaben.

Das alles wirkt bis heute nach. Die Angst vor einem "Atomunfall" sitzt tief, und die alten Reflexe funktionieren immer noch - wie auch das jüngste Unglück in Fukushima und die prompt folgende Anti-Atom-Kampagne von Krone und SPÖ zeigten. Die Frage ist freilich: Hat der Schock von damals tatsächlich nachhaltig etwas bewirkt? Die Antwort ist ein klares Jein.

Null Risiko unmöglich

Da ist zunächst einmal die technische Seite: Atomkraftwerke, zumal die nach Tschernobyl gebauten, sind heute sicherer denn je. Stabile Containments rund um die Brennkammern sind weltweiter Sicherheitsstandard. Doch für null Risiko gibt es Atomkraft nicht. Und die schärfsten Sicherheitsvorschriften nützen nichts, wenn sie nicht oder schlampig eingehalten werden - wie auch Fukushima gezeigt hat.

Zuletzt hat der ständig wachsende Energiehunger der Wohlstandsgesellschaften die Angst vor Atomkraft sukzessive aufgefressen. Die "Renaissance der Atomkraft" hat durch den Super-GAU von Fukushima zwar einen vorläufigen Dämpfer erhalten. Allein: Nachhaltig wird auch der nicht sein, da sind schon die aufstrebenden Ökonomien Chinas und Indiens vor. Wer auf dieser Welt möglichst schnell möglichst viel Strom braucht, der setzt auch weiterhin auf Atomkraft. Denn, so seltsam das auch scheint: Die (in Mengen) brauchbaren Alternativen fehlen, trotz 25 Jahren an politischen Sonntagsreden, in denen eine atomkraftfreie Welt beschworen wird.

Alternative Energie zu wenig eingesetzt

Alternative Energieformen bleiben oft im Ansatz stecken. Erneuerbare Energieträger (außer der guten alten Wasserkraft) werden selten großflächig eingesetzt. Umgekehrt haben die großen Landesenergiegesellschaften wenig Interesse an kleinen Initiativen. Die Politik unterstützt sie - das zeigt sich etwa an den Schwierigkeiten, die Kleinkraftwerksbetreiber regelmäßig mit der Behörde haben.

Die Kundgebung auf dem Stephansplatz zum Gedenken an die Opfer von Tschernobyl und Fukushima am Ostermontag ist bestimmt gut gemeint. Und es ist eh lieb, dass der Bundeskanzler dort die "Anti-Atom-Haltung Österreichs" unterstreichen und die Energiewende beschwören will. Hoffentlich vergisst er nicht zu erwähnen, dass Österreich seinen Strombedarf ebenfalls durch zugekaufte Atomkraft deckt - und vielleicht kann er ja gleich mit einem Plan aufwarten, wie er dies ändern will.

Die Zivilgesellschaft, der Faymann die Hand reichen will, ist nämlich misstrauisch gegenüber Politikerversprechen. Nicht umsonst besagt die jüngste Standard-Umfrage, dass nach Meinung der Bevölkerung die NGOs die glaubwürdigste Anti-AKW-Arbeit leisten. Zumindest das ist ein nachhaltiger Effekt von Tschernobyl. (Petra Stuiber, DER STANDARD-Printausgabe, 23./24./25.4.2011)

Share if you care.