Tschernobyl und das Desaster eines Polit-Systems

22. April 2011, 18:37
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Erinnerungen an die Tage des Reaktorunfalls in der Ukraine am 26. April 1986, geprägt von der Erfahrung einer totalitären behördlichen Arroganz und Gleichgültigkeit, die bis in die Gegenwart nachwirkt

Es begann als grauer und trüber Frühlingstag, wie so viele andere in meinem Heimatland. Es endete mit Grauen und Wehklagen.

Natürlich kennt keiner von uns den genauen Zeitpunkt, an dem vor 25 Jahren in Tschernobyl die Katastrophe stattfand. Damals lebten wir in einem System, das den normalen Bürgern Informationen zu Tatsachen und Ereignissen komplett verwehrte, auch wenn diese noch so wichtig waren. Also erfuhren wir nichts über die Strahlung, die den zerstörten Reaktor von Tschernobyl verließ - und mit dem Wind nach Nordeuropa zog.

Aber heute kennen wir eine noch groteskere Tatsache über das Tschernobyl-Unglück: Sogar Michail Gorbatschow, der Generalsekretär der Kommunistischen Partei der Sowjetunion, wurde über das Ausmaß der Katastrophe im Dunkeln gelassen. Vielleicht war es genau dieser Umstand, der letztlich dazu führte, dass das alte System nur fünf Jahre später im Mülleimer der Geschichte landete. Sobald die grenzenlose Selbsttäuschung, auf der ein System aufgebaut ist, ans Licht kommt, kann dieses System unmöglich auch nur einen Funken Legitimität aufrecht erhalten.

Keine verlässlichen Informationen

Da normale Ukrainer zu dieser Zeit kaum verlässliche Informationen erhielten, sind meine Erinnerungen an Tschernobyl natürlich sehr lückenhaft. Ich erinnere mich nur noch an das erste gedämpfte, ängstliche Geflüster eines Freundes unserer Familie und an meine fürchterliche Angst um meine junge Tochter. Diese Erinnerungen sind unauslöschlich. Aber sogar 25 Jahre später kann ich nur schwer die Verbindung schaffen zwischen dem, was ich heute über das Unglück weiß, und dem, was ich damals erfuhr.

Heute wird die Kernschmelze in Tschernobyl in schwerwiegenden moralischen und metaphysischen Begriffen bewertet. Sie wirft einen dunklen Schatten über die Menschheit, wie es ihn in dieser Form seit der atomaren Bombardierung von Hiroshima und Nagasaki 1945 nicht mehr gegeben hat.

Lehren ziehen

Aber im Unterschied zur Nuklearkrise im japanischen Fukushima geht es bei Tschernobyl nicht in erster Linie um die Sicherheit nuklearer Anlagen. Es geht darum, Lehren aus der behördlichen Arroganz und Gleichgültigkeit gegenüber Leiden zu ziehen, sowie aus der Geheimniskrämerei, die nur einer stabilitätsbesessenen kleinen Elite Zugang zu Informationen gewährte. Auch heute noch werden die Ukrainer an die Konsequenzen einer solchen Einstellung erinnert - durch eine Regierung, die Gesundheitszuwendungen für die Männer gekürzt hat, die damals heldenhaft kämpften, um das Desaster von Tschernobyl einzudämmen.

Was war also die Ursache für die Fahrlässigkeit, mit der die Tschernobyl-Krise gehandhabt wurde? Was war die Ursache für das arrogante Desinteresse gegenüber der Gesundheit derjenigen, die in der Nähe des Reaktors lebten, der heldenhaften Männer und Frauen, die den Schaden begrenzten (und von den Behörden immer noch als nützliche Idioten behandelt werden), sowie gegenüber Millionen von der radioaktiven Wolke betroffenen Menschen?

Verachtung als philosophische Grundlage

Gleichgültigkeit auf Regierungsebene ist ein merkwürdiger und unnatürlicher Geisteszustand, in dem die Grenzen zwischen Verbrechen und Bestrafung, Grausamkeit und Mitgefühl sowie Gut und Böse verwischen. Da ich in der UdSSR aufgewachsen bin, weiß ich, dass die sowjetischen Führer Verachtung gegenüber dem Leiden und moralischen Belangen praktisch zur philosophischen Grundlage ihres Regierens erhoben hatten. Regierungen, die niemandem Rechenschaft schuldig sind, stehen dem Schicksal ihrer Bürger fast zwangsläufig gleichgültig gegenüber: Einen Staatsdiener, der dem Leiden den Rücken kehrt, interessieren die Bürger seines Landes nicht. Ihr Leben ist für ihn bedeutungslos. Ihre versteckten oder sogar sichtbaren Qualen sind wertlos, die Verzweiflung von Nichtswürdigen.

Solch eine Gleichgültigkeit ist gefährlicher als Wut oder Hass. Wut kann immerhin künstlerisch und politisch kreativ umgesetzt werden. Gleichgültigkeit hingegen ist nie kreativ, weil sie nie den Leidenden hilft oder eine Antwort auf Ungerechtigkeit gibt. Sie ist das Werkzeug von Regierungen, die die Feinde ihrer Völker sind, da sie nur die Führer begünstigt, und nie die Opfer, deren Leiden durch Ignoranz noch vergrößert wird.

"Gottes Leiden teilen"

Politische Gefangene, hungrige Kinder, die obdachlosen Tschernobyl-Flüchtlinge oder die ihr Leben lang hilfsbedürftigen, verstrahlten Arbeiter - ihre Notlage zu missachten, ihnen jeglichen Funken der Hoffnung zu verweigern, bedeutet, sie in eine Unterwelt der Hilflosigkeit zu verbannen. Regierungsmitarbeiter, die auf diese Weise menschliche Solidarität verweigern, leugnen ihre eigene Menschlichkeit.

In seiner Gefängniszelle, in Erwartung seiner Exekution durch Hitlers Gestapo, sagte Dietrich Bonhoeffer, dass wir alle "Gottes Leiden teilen" müssen. Gleichgültigkeit war für Bonhoeffer nicht nur eine Sünde, sondern auch eine Art von Bestrafung. Darin besteht wohl die hauptsächliche Lehre von Tschernobyl: Regierungen, die das Schicksal ihrer Bürger systematisch ignorieren, verurteilen sich letztendlich selbst. (Julia Timoschenko, Project Syndicate, 2011; aus dem Englischen von Harald Eckhoff, DER STANDARD-Printausgabe, 23./24./25.4.2011)

Julia Timoschenko, Jg. 1960, war von Jänner bis September 2005 und von Dezember 2007 bis März 2010 Premierministerin der Ukraine und ist nun Oppositionsführerin.

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    "Wie nützliche Idioten behandelt ..." - Einer der ukrainischen Arbeiter, die damals in die Reaktorruine geschickt wurden, vor einem Mahnmal zum Gedenken an die Opfer des Super-GAUs.

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    Timoschenko: "Verbannung der Opfer in eine Unterwelt der Hilflosigkeit."

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