Wie mich Fukushima lehrte, die Atomkraft zu lieben

22. April 2011, 18:32
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Und warum man bei den Visionen der Grünen von einer lokalen ökologischen Energieproduktion auch das "Kleingedruckte" lesen sollte: ein Plädoyer für mehr Nüchternheit im Umgang mit der AKW- Katastrophe in Japan

Es wird Sie nicht überraschen, zu erfahren, dass die Ereignisse in Japan meine Haltung zur Kernkraft verändert haben. Es wird Sie überraschen, zu hören, wie. Als Folge des Desasters in Fukushima bin ich in dieser Frage nicht länger neutral sondern ein Befürworter dieser Technologie.

Eine klapprige alte Anlage mit unzureichenden Sicherheitseinrichtungen wurde von einem monströsen Erdbeben und einem gewaltigen Tsunami getroffen. Die Notstromaggregate sind ausgefallen und dadurch auch das Kühlsystem. Die Reaktoren explodierten und die Brennstäbe begannen zu schmelzen. Das Desaster offenbarte die Folgen der vertrauten Verbindung von Billig-Konstruktion und Pfusch. Trotzdem ist bis jetzt, soweit wir wissen, noch niemand ernsthaft verstrahlt worden.

Gefahr übertrieben

Einige Grüne haben die Gefahr radioaktiver Fallouts massiv übertrieben. Eine Grafik auf xkcd.com zeigt, dass die beim Unfall in Three Miles Island ausgelöste durschnittliche Strahlenbelastung im Umfeld von zehn Meilen um das 625-Fache geringer war wie die jährliche Maximalbelastung, die für amerikanische AKW-Arbeiter erlaubt ist. Diese wiederum ist halb so hoch angesetzt wie die jährliche Mindestdosis, die nachweislich mit erhöhten Krebsrisiko verbunden ist und ihrerseits ein 80stel jener Strahlenbelastung ausmacht, die irreversible Schäden hervorruft. Ich plädiere hier nicht für Gleichgültigkeit. Ich will nur die Relationen zurechtrücken.

Wenn andere Formen der Energiegewinnung unschädlich wären, fielen diese Folgeerscheinungen schwerer ins Gewicht. Aber Energie ist wie Medizin: Wenn sie nützen soll, muss man Nebenwirkungen in Kauf nehmen.

Neue Verbindungen zum Netz

Wie die meisten Grünen befürworte ich eine stärkere Ausweitung der erneuerbaren Energien. Ich verstehe aber auch die Einwände ihrer Kritiker: Es geht nicht nur um die Windräder an den Stränden, die die Menschen stören, sondern auch um die neuen Verbindungen zum Stromnetz (via Starkstromkabel und Hochspannungsmasten) Und je mehr der Anteil der erneuerbaren Energie im Stromnetz steigt, desto mehr Pumpspeicherkraft braucht man, damit die Lichter nicht ausgehen. Das wiederum bedeutet mehr Stauseen in den Bergen - auch nicht gerade besonders populär...

Wie viele andere bin ich für erneuerbare Energien eingetreten, um damit sowohl den Anteil an fossilen Brennstoffen bei der Produktion von Elektrizität zu ersetzen als auch den Gesamteinsatz zu reduzieren, der dafür nötig ist - wie das Öl für den Transport und das Gas zur Erhitzung des Öls. Sollen wir nun auch den Ersatz der derzeitigen atomaren Kapazität fordern? Je mehr Aufgaben wir erneuerbaren Energien übertragen, desto größer wird der Schaden für die Landschaft sein und umso schwieriger die Aufgabe, die Öffentlichkeit davon zu überzeugen.

Öko-Schmalspur-Energieproduktion

Aber eine Ausweitung des Stromnetzes, um damit Menschen und Industrien mit großen, weit entfernten Energiequellen zu verbinden, wird von den Grünen ebenso abgelehnt. Was sie wollen, ist ganz was anderes: Abschalten und unsere Energie lokal produzieren. Einige haben sogar eine Reduzierung der bestehenden Stromnetze gefordert. Ihre idyllische Vision klingt ja auch nett - solange man nicht das Kleingedruckte liest.

Auf einem derart hohen Zivilisationsniveau wie dem unseren kommen wir mit Öko-Schmalspur-Energieproduktion auf keinen grünen Zweig. Die Generierung von Sonnenenegie in Großbritannien etwa wäre eine gewaltige Rohstoffvergeudung, weil hoffnungslos ineffizient und weit unter unserem Bedarf. Windenergie in dicht besiedelten Gebieten ist weitgehend nutzlos. Teils weil wir unsere Städte bewusst in windgeschützteren Gebieten gebaut haben, teils weil die durch die Gebäude verursachten Interferenzen den Luftstrom beeinträchtigen und zu mechanischen Schäden führen. Mikrowasserkraft mag für ein Bauernhaus in Wales sinnvoll sein, aber nicht für Birmingham.

Liebe zu lokaler Energieproduktion hat Grenzen

Und wie sollen wir unsere ganzen Industrie- und Verkehrsanlagen betreiben? Mit Solarzellen auf den Dächern? Sobald wir den gesamten Energiebedarf unserer Wirtschaft in Rechnung stellen, hört es sich mit der Liebe zur lokalen Energieproduktion auf. Ein nationales - oder noch besser: internationales - Stromnetz ist und bleibt die entscheidende Voraussetzung für eine wachsende Versorgung mit erneuerbarer Energie.

Einige Grüne gehen aber noch weiter: Warum erneuerbare Energien verschwenden, indem man sie in Strom verwandelt? Warum sie nicht direkt einsetzen? Bevor man auf diese Frage antwortet, sollte man sich vergegenwärtigen, was in Großbritannien vor der industriellen Revolution geschah.

Die Eindämmung der Flüsse für Wassermühlen war erneuerbar, pittoresk - und zerstörerisch: Die Blockierung der Flussläufe und die damit verbundene Verschlammung der Laichgebiete hatte katastrophale Auswirkungen für den Fischbestand, der einst große Teile des landesweiten Bedarfs abdeckte.

Fortschritt

Fortschritt erzeugte Mangel. Je mehr Land geopfert wurde, um den Ertrag an Zugtiere für Gewerbe- und Transportzwecke zu verfüttern, desto weniger blieb für die Ernährung der Menschen. Es war das 17. Jahrhundert-Pendant zur heutigen Biobenzin-Krise. Das selbe gilt für Heizöl. Die 11 Millionen Tonnen Kohle aus den englischen Minen produzierten um 1800 so viel an Energie wie das 11 Mio. Hektar Wald gekonnt hätten (ein Drittel der Landesfläche).

Bevor die Kohle aufkam, wurde Holz nicht nur für die Heizung der Privathaushalte sondern auch in der Industrie eingesetzt. Wenn die halbe Fläche Großbritanniens mit Wald bedeckt wäre, könnten wir knapp über eine Mio. Tonnen Eisen pro Jahr (ein Bruchteil unseres tatsächlichen Bedarfs) produzieren und sonst nichts. Selbst mit einem wesentlich niedrigeren Bevölkerungsniveau blieben die rein biologisch hergestellten Güter einer kleinen Elite vorbehalten. Tiefgrüne Energie-Produktion, dezentralisiert, auf reiner Biobasis, ist weitaus zerstörerischer für die Menschheit als eine atomare Kernschmelze.

Lügner der Atom-Lobby

Aber die primäre Energiequelle, auf die die meisten Volkswirtschaften zurückgreifen würden, wenn die AKWs wirklich geschlossen würden, wäre natürlich nicht Holz, Wasser, Wind und Sonne, sondern fossiles Öl. In jeder Hinsicht - Klimawandel, Minenschäden, lokale Verstrahlung, industrielle Verletzungen und Tod, selbst radioaktiver Befall) sind bei Kohle 100-fach schlimmer als bei Atomkraft.

Ja auch ich verachte die Lügner der Atom-Lobby. Ja, auch mir wäre es lieber, wir könnten den ganzen Sektor abschalten, wenn es unschädliche Alternativen gäbe. Aber es gibt kein idealen Lösungen. Jede Form der Energiegewinnung hat ihren Preis. Der Verzicht auf Energie ebenso. Die Atomkraft ist mittlerweile den schärfsten Überprüfungen von allen unterworfen, und der Schaden für Mensch und Umwelt war bisher vergleichsweise minimal. Die Krise von Fukushima hat mich zur Atomkraft bekehrt. (George Monbiot, Übersetzung: Mischa Jäger, DER STANDARD-Printausgabe, 23./24./25.4.2011)

George Monbiot, Jg. 1963, Universitätsdozent, Umweltschützer und politischer Aktivist, schreibt eine wöchentliche Kolumne im Londoner "Guardian"; die tendenziell immer schon zustimmende Haltung des Autors zur Kernkraft gründet vor allem in seiner Überzeugung, dass das emissionsbedingte "Global warming" gegenwärtig die größte Bedrohung des Planeten darstelle, und hat immer wieder - so auch nach der Erstpublikation dieses Beitrags in Großbritannien - heftige Kontroversen ausgelöst.

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    "Es geht auch darum, die Relationen zurechtzurücken ..." - Strahlen-Screening in Fukushima.

  • George Monbiot: "Es gibt keine idealen Lösungen der Energiegewinnung."
    foto: privat

    George Monbiot: "Es gibt keine idealen Lösungen der Energiegewinnung."

  • "Unser Freund, das Atom" - Illustration aus dem gleichnamigen legendären Disney-Film aus dem Jahr 1957.
    foto: aus dem buch zum film

    "Unser Freund, das Atom" - Illustration aus dem gleichnamigen legendären Disney-Film aus dem Jahr 1957.

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