Das Geheimnis der Palmweihe

22. April 2011, 18:20
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Die Wege des Herrn mögen unerforschlich sein, aber vor Ostern fliegt doch so manches davon auf, wozu professionelle und Freizeitprediger ebenso ihren Beitrag leisten wie der Boulevard. Das bedeutendste Verdienst kam heuer dabei eindeutig der Gratiszeitung zu, die Dienstag mit der Sensation aufwarten konnte: "Heute" löste das Geheimnis der Wiener Palmweihe. Er ist Gottes wuchtiger Diener. Nun gehört das Geheimnis der Wiener Palmweihe zweifellos zu den großen Mysterien der katholischen Religion, aber nicht jedes Mysterium gewinnt durch seine Auflösung an Reiz. In diesem Fall bestand sie im Lebendgewicht des Geheimnisträgers: Bei der Palmweihe am Sonntag in der City kam mit Gregor Richter (51) ein echtes Schwergewicht des Glaubens zum Einsatz. Stattliche 130 Kilo wiegt der Diakon, der Dompfarrer Toni Faber und Kardinal Christoph Schönborn unterstützte.

Was sollten Dompfarrer und Kardinal auch mit einem Fliegengewicht als Palmwedelschwinger? Er hat die Statur von Buddha - ist aber fest im katholischen Glauben verankert: Gregor Richter ist studierter Berufs- und Arbeitsethiker, Vater einer Tochter (14) und Ehemann einer Diätologin (44), ohne deswegen gleich die Statur von Mohammed anzustreben. "Ich war aber auch schon auf 180 Kilo. Das war vor sieben Jahren", beichtete er vor "Heute" freiwillig frühere Sünden, nicht ohne scharfe Buße zu üben: Exklusiv für "Heute" verrät der bekennende Genussmensch morgen seine Tipps für die Fastenzeit.

"Der Verzicht fällt mir sehr schwer", gesteht Genussmensch Richter am nächsten Tag beim fotografisch dokumentierten Gemüseschneiden, und so soll es ja auch sein, auf dass der Herr das Opfer gnädig annähme. Als studierter Berufs- und Arbeitsethiker hält er mit den starken Fastentipps des wuchtigen Diakons nicht hinter dem Berg, und zehntausende U-Bahn-Fahrer werden begeistert seiner Aufforderung gefolgt sein: "Sich besinnen: Viel spielt sich im Kopf ab. Ich bete nach dem Aufstehen den Hunger weg." Ein überzeugenderer und vor allem gesünderer Beweis für die Kraft des Gebets wäre es freilich, betete er fünfzig seiner 130 Kilo weg.

Auch der Kardinal war mit unterschiedlichen homiletischen Ansätzen flott unterwegs, wobei er sich dem Mysterium der Wiener Palmweihe auf überraschend vielfältige Weise näherte. Am Freitag davor zog er für "Heute" einen Vergleich von Palmsonntag und Marathon, eine taktische Anweisung des Apostel Paulus nutzend: "Denkt daran, dass alle wie in einem Wettrennen laufen, aber nur einer den Siegespreis bekommt. Lauft so, dass ihr ihn gewinnt!" Das sollte nicht schwer sein, schwerer schon, dass der Lauf, an den der Apostel dachte, in das Reich Gottes, den Himmel führt, wo es in Wien am Palmsonntag für die meisten nur zur Halbdistanz reichte.

Am Stichtag näherte sich der Kardinal in der "Krone bunt" dem Mysterium der Wiener Palmweihe auf dem Umweg über das britische Königshaus. Alle Augen sind auf die königliche Hochzeit am 29. April in London gerichtet. William und Kate, seit Wochen Thema in den Medien. Aber falsches Thema, fast schon ketzerisch: Die beiden sind nicht einmal katholisch! Egal: Woher die Faszination für die "Royals", die königliche Familie? Eine berechtigte Frage bei der Familie! Nur der Kardinal glaubt noch: Ich glaube, es ist etwas Tieferes. Es ist die Sehnsucht nach etwas Großem, Noblem, das aus unserem Alltag herausragt: das Bild des Königs! Das Problem ist klar - die Überleitung zum Messias, aber können die Gagschreiber des Kardinals nicht einmal einen Blick in die Medienberichte über die "Royals" werfen?

Schon mehr der Auferstehung geweiht war die Würdigung, die der Kardinal in "News" Josef Pröll zuteil werden ließ. Der Rücktritt von Josef Pröll war auch für mich ein schmerzliches Ereignis, weil ich ihn trotz aller Probleme immer als einen wahrhaft christdemokratischen Politiker empfunden habe. Das war weniger Einmischung in die Politik, als sich Paul Schulmeister am Montag in der "Presse" mit seinen Vorösterlichen Gedanken in die Geschäfte des Kardinals drängte. Es ist freilich der Geist, der lebendig macht, ward da wieder Paulus zitiert - und nicht die Anzahl verspeister Gourmetmenüs. Nur auf der Grundlage eines Seinsvertrauens kann der Geist konstruktiv werden. Vertrauen und Geist hängen zusammen, sie machen lebens-, ja überlebensfähig.

Als Hobbyprediger fühlt sich mancher berufen, aber als Gottes wuchtiger Diener sollte man auserwählter Genussmensch sein.(Günter Traxler/DER STANDARD, Printausgabe, 23./24./25.4.2011)

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