Das Podersdorfer Gefühl

22. April 2011, 18:05
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Der Neusiedler See ruft wieder zum Summer-Opening. Rund um den ersten Mai zeigen die Windsurfer, dass der Sport mehr sein kann als der Umstand, dass einer oder eine halt gewinnt

Podersdorf - Jetzt, da der Frühling anfängt, so richtig narrisch zu werden, prophezeit er am Neusiedler See unten an manchen Tagen schon den Sommer. Die Kirschen sind schon im Abblühen, die Kastanien strahlen ins Gemüt, und drüben im Nationalpark viechern die Viecher durch- und miteinander, als gäbe es kein Morgen - jedenfalls dafür nicht.

Das ist bei den Menschen nicht viel anders. Auch sie suchen ihre Balzplätze auf. Auch sie machens wie die Großtrappen: Die Männchen stülpen sich um in irrwitzigem Tanz, die Weibchen gustieren, was das Zeug hält, und manchmal ist das umgekehrt, und wenn alles das zusammenkommt, dann ist Podersdorf. So wie alle Jahre.

Dieses Podersdorf - das Podersdorf-Nordstrand um den 1. Mai herum - ist eine Art Glück, nicht nur für Walter Gisch, den örtlichen Tourismusobmann. Denn dieses Podersdorf, in dem der respektheischende Spitzensport sich mit dem sogenannten Fun zu einer Einheit fügt, erwischt den Sommer an seiner schönsten Seite. Dort nämlich, wo er anfängt.

Flügelpflügen

Logischerweise nennen die Veranstalter die ganze Sache "Summer Opening", und zu diesem Anlass lassen sie die Windsbräute und Windsbräutigame aus, auf dass die auf ihren Brettern und mit ihren Flügeln durch den See pflügen und über ihn drüber fliegen.

Am 29. April startet also - zum mittlerweile 14. Mal - der "PWA Freestyle Windsurf Contest" - so heißt der -, und folgt man den Angaben der Veranstalter, dann ist dies, dieses Podersdorf, der weltweit größte Wettbewerb der freestylischen Windsurfer.

Publikumsnähe

85.000 Menschen haben in den vergangenen Jahren im Schnitt zugeschaut, sagt Carina Trachta, die Sprecherin der Eventveranstalter. Klar, dass dies für die Surf-elite höchst attraktiv ist, zumal sie nirgends sonst ihrem Publikum so nahe sein kann.

Nicht nur auf dem Wasser, wo sie all ihre verblüffenden Kunststücke in möglichst geringer Distanz zum Strand vorführen. Auch am Abend, wenn der Sport erledigt ist und der Fun beginnt, geht es zur Sache. Und zwar - jetzt ganz ohne Ironie - sowohl bei der "Bacardi Partyweek" von 29. April bis 8. Mai auf gleich "fünf Floors", als auch beim "Zipfer Seaside Festival" am 6. und 7. Mai.

Bei all dem, dem ganzen Rundherum, das tatsächlich an ein Festival denken ließe, sollte freilich nicht übersehen werden, dass hier windsurfbezüglich veritabler Spitzensport geboten wird. Vom 29. April bis 4. Mai misst sich die Elite der Freestyler. Der Podersdorfer Titelverteidiger, Elton Frans, ist ebenso da wie die aktuelle Nummer eins der Weltrangliste, Kiri Thode. Beide kommen aus Bonaire, der niederländischen Karibikinsel, wo das Wasser freilich eine Spur tiefer ist als hier vor Podersdorf, wo auch José Estredo surfen wird, der vierfache Weltmeister aus Venezuela.

In den vergangenen Jahren haben die Stars und ihr Publikum sich zuweilen eher aufs Rahmenprogramm konzentrieren müssen. In die Falle der Flaute braucht heuer, versprechen die Organisatoren, niemand tappen. Heuer nämlich gibt es erstmals, so Carina Trachta, die Sprecherin, "das Tow-In".

Zumindest da, am 30. April, werden alle, die das wollen, mit Sicherheit die spektakulären, strandnahen "Moves" sehen. Denn das Tow-In geht so: Ein Jet-Ski zieht - ähnlich wie ein Motorboot den Wasserskifahrer - den Crack Richtung Strand. Dieser lässt dann rechtzeitig aus und tut in gewohnter Geschwindigkeit, was so ein Freestyle-Surfer eben tut. Entwickelt wurde das von den klassischen Surfern, die ohne technische Hilfe die wirklich großen Herausforderungswellen ansonsten nicht hätten derreiten können. Aber von da bis dort ist es in der Surfszene ja bloß ein Katzensprung, und somit gibt es das nun auch bei den windgetriebenen Wellenreitern. Das diesbezügliche Podersdorfer Finale des, ja: "Surf Magazin Tow-In Night Contests" wird jedenfalls nach Sonnenuntergang über die Seebühne gehen, "dafür haben wir eine eigene Flutlichtanlage aufgebaut".

Nach dem Himmel wird dann vom 5. bis zum 8. Mai gegriffen. Da messen sich die Kitesurfer aneinander im, sowieso: "kiteboarding.eu Freestyle Classics". Ein hochspektakulärer Sport, fraglos, bei dem die Männchen und die Weibchen versuchen, sich hoch in die Lüfte zu schwingen, um dort, wie es der Jahrezeit gebührt, ihre Tänze vorzuführen.

Adlertänze

Drüben, im Nationalpark, tun das die See- und die Kaiseradler ja auch. Und wie ließe sich der Übergang vom Frühling zum Sommer auch gelungener in Szene setzen als so. Der Sport - nicht bloß ein Privileg, sondern in seiner Showvariante auch ein Feierritual für die Jugend - findet am Podersdorfer Nordstrand in den gelungenen Augenblicken tatsächlich zu sich.

Das ist mehr, als sich von vielen anderen Sportveranstaltungen - von österreichischen Fußballspielen angefangen - behaupten lässt.

Und das ist, wenn man denn so will, das Podersdorfer Gefühl: So lange der Adler und die Adlerin noch fliegen, muss irgendwas noch irgendwie halbwegs in der Ordnung sein.(Wolfgang Weisgram, DER STANDARD Printausgabe, 23./24. April 2011)

  • Vorm Podersdorfer Nordstrand zeigen Adler und Adlerin ihre 
beeindruckenden Frühlingstänze.
    foto: walter kölbl

    Vorm Podersdorfer Nordstrand zeigen Adler und Adlerin ihre beeindruckenden Frühlingstänze.

  • José Estredo ist  vierfacher Weltmeister und schmückt den See.
    foto: pwa john carter

    José Estredo ist vierfacher Weltmeister und schmückt den See.

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