Der Neusiedler See ruft wieder zum Summer-Opening. Rund um den ersten Mai zeigen die Windsurfer, dass der Sport mehr sein kann als der Umstand, dass einer oder eine halt gewinnt
Podersdorf - Jetzt, da der Frühling anfängt, so richtig narrisch zu
werden, prophezeit er am Neusiedler See unten an manchen Tagen schon den
Sommer. Die Kirschen sind schon im Abblühen, die Kastanien strahlen ins
Gemüt, und drüben im Nationalpark viechern die Viecher durch- und
miteinander, als gäbe es kein Morgen - jedenfalls dafür nicht.
Das ist bei den Menschen nicht viel anders. Auch sie suchen ihre
Balzplätze auf. Auch sie machens wie die Großtrappen: Die Männchen
stülpen sich um in irrwitzigem Tanz, die Weibchen gustieren, was das
Zeug hält, und manchmal ist das umgekehrt, und wenn alles das
zusammenkommt, dann ist Podersdorf. So wie alle Jahre.
Dieses Podersdorf - das Podersdorf-Nordstrand um den 1. Mai herum -
ist
eine Art Glück, nicht nur für Walter Gisch, den örtlichen
Tourismusobmann. Denn dieses Podersdorf, in dem der respektheischende
Spitzensport sich mit dem sogenannten Fun zu einer Einheit fügt,
erwischt den Sommer an seiner schönsten Seite. Dort nämlich, wo er
anfängt.
Flügelpflügen
Logischerweise nennen die Veranstalter die ganze Sache "Summer
Opening",
und zu diesem Anlass lassen sie die Windsbräute und Windsbräutigame aus,
auf dass die auf ihren Brettern und mit ihren Flügeln durch den See
pflügen und über ihn drüber fliegen.
Am 29. April startet also - zum mittlerweile 14. Mal - der "PWA
Freestyle Windsurf Contest" - so heißt der -, und folgt man den Angaben
der Veranstalter, dann ist dies, dieses Podersdorf, der weltweit größte
Wettbewerb der freestylischen Windsurfer.
Publikumsnähe
85.000 Menschen haben in den vergangenen Jahren im Schnitt
zugeschaut,
sagt Carina Trachta, die Sprecherin der Eventveranstalter. Klar, dass
dies für die Surf-elite höchst attraktiv ist, zumal sie nirgends sonst
ihrem Publikum so nahe sein kann.
Nicht nur auf dem Wasser, wo sie all ihre verblüffenden Kunststücke
in
möglichst geringer Distanz zum Strand vorführen. Auch am Abend, wenn der
Sport erledigt ist und der Fun beginnt, geht es zur Sache. Und zwar -
jetzt ganz ohne Ironie - sowohl bei der "Bacardi Partyweek" von 29.
April bis 8. Mai auf gleich "fünf Floors", als auch beim "Zipfer
Seaside Festival" am 6. und 7. Mai.
Bei all dem, dem ganzen Rundherum, das tatsächlich an ein Festival
denken ließe, sollte freilich nicht übersehen werden, dass hier
windsurfbezüglich veritabler Spitzensport geboten wird. Vom 29. April
bis 4. Mai misst sich die Elite der Freestyler. Der Podersdorfer
Titelverteidiger, Elton Frans, ist ebenso da wie die aktuelle Nummer
eins der Weltrangliste, Kiri Thode. Beide kommen aus Bonaire, der
niederländischen Karibikinsel, wo das Wasser freilich eine Spur tiefer
ist als hier vor Podersdorf, wo auch José Estredo surfen wird, der
vierfache Weltmeister aus Venezuela.
In den vergangenen Jahren haben die Stars und ihr Publikum sich
zuweilen
eher aufs Rahmenprogramm konzentrieren müssen. In die Falle der Flaute
braucht heuer, versprechen die Organisatoren, niemand tappen. Heuer
nämlich gibt es erstmals, so Carina Trachta, die Sprecherin, "das
Tow-In".
Zumindest da, am 30. April, werden alle, die das wollen, mit
Sicherheit
die spektakulären, strandnahen "Moves" sehen. Denn das Tow-In geht so:
Ein Jet-Ski zieht - ähnlich wie ein Motorboot den Wasserskifahrer - den
Crack Richtung Strand. Dieser lässt dann rechtzeitig aus und tut in
gewohnter Geschwindigkeit, was so ein Freestyle-Surfer eben tut.
Entwickelt wurde das von den klassischen Surfern, die ohne technische
Hilfe die wirklich großen Herausforderungswellen ansonsten nicht hätten
derreiten können. Aber von da bis dort ist es in der Surfszene ja bloß
ein Katzensprung, und somit gibt es das nun auch bei den windgetriebenen
Wellenreitern. Das diesbezügliche Podersdorfer Finale des, ja: "Surf
Magazin Tow-In Night Contests" wird jedenfalls nach Sonnenuntergang über
die Seebühne gehen, "dafür haben wir eine eigene Flutlichtanlage
aufgebaut".
Nach dem Himmel wird dann vom 5. bis zum 8. Mai gegriffen. Da messen
sich die Kitesurfer aneinander im, sowieso: "kiteboarding.eu Freestyle
Classics". Ein hochspektakulärer Sport, fraglos, bei dem die Männchen
und die Weibchen versuchen, sich hoch in die Lüfte zu schwingen, um
dort, wie es der Jahrezeit gebührt, ihre Tänze vorzuführen.
Adlertänze
Drüben, im Nationalpark, tun das die See- und die Kaiseradler ja
auch.
Und wie ließe sich der Übergang vom Frühling zum Sommer auch gelungener
in Szene setzen als so. Der Sport - nicht bloß ein Privileg, sondern in
seiner Showvariante auch ein Feierritual für die Jugend - findet am
Podersdorfer Nordstrand in den gelungenen Augenblicken tatsächlich zu
sich.
Das ist mehr, als sich von vielen anderen Sportveranstaltungen - von
österreichischen Fußballspielen angefangen - behaupten lässt.
Und das ist, wenn man denn so will, das Podersdorfer Gefühl: So lange
der Adler und die Adlerin noch fliegen, muss irgendwas noch irgendwie
halbwegs in der Ordnung sein.(Wolfgang Weisgram, DER STANDARD Printausgabe, 23./24. April 2011)