Interaktives Fernsehen braucht Geduld und Spucke

22. April 2011, 17:49
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Schwerer Stand für TV-Experimente: Von der anhaltenden Begeisterung für Facebook und Twitter kann das Fernsehen trotz fieberhafter Versuche und Digitalisierung noch nicht profitieren

Wien - "Wer rettet Dina Foxx?", war der Titel des TV-Experiments. Drei Tage nach Beginn lautet die Frage eher: "Wer rettet das ZDF?". Die Heldin der interaktiven Krimiserie beschert dem deutschen öffentlich-rechtlichen Fernsehen gegenwärtig eine peinliche Imageblamage. Ein Fernsehexperiment mit Webverlängerung war Mittwoch angekündigt, 50 Minuten führte der Krimi in die Handlung ein, danach sollten die Zuschauer über Internet den Täter jagen.

Mehrere Pannen sorgten dafür, dass sich die Tätersuche nicht so ambitioniert gestaltet wie erhofft. Die Verlängerung des spanischen Fußballmatches schob das ohnehin spät angesetzte Programm auf Mitternacht. Wer danach noch wach und willens war, online mitzurätseln, erlebte eine herbe Enttäuschung: Die Server waren total zusammengebrochen, es ging genau nichts.

Die TV-Quote blieb überschaubar: 4,4 Millionen schauten in Deutschland das Match, Dina Foxx kam auf 670.000 Zuschauer, in Österreich war die Publikumsbeteiligung mit 13.000 so gut wie unter der Wahrnehmungsgrenze.

Diejenigen, die es auf die Homepage der Serie freidaten.org schaffen beklagen inhaltliche Schwächen. Zu viele Schritte seien nötig, um Hinweise zu sammeln.

"Interaktives Fernsehen wird sicher nie für die breite Masse interessant sein", sagt ORF-Serienchefin Andrea Bogad-Radatz zum STANDARD.

Passive Zuschauer

Mehr als Zappen und bei Castingshows für den Favoriten stimmen, sei beim Großteil der Zuschauer nicht drinnen, meint sie: "Fernsehen ist ein passives Medium. Die Zuschauer wollen unterhalten werden." Der ORF plant derzeit nichts Vergleichbares.

Interaktives Fernsehen noch ohne Digitalisierung probierte der ORF im Jahr 2003: In Ein mörderisches Spiel konnten Zuschauer bei der Aufklärung über Telefon, SMS miträtseln. Eine Fortsetzung gab es nie. Der neuerlich ernüchternde Verlauf des viel versprechenden Experiments dürfte die Lust der Fernsehsender auf innovative Programme dämpfen. Im Dunstkreis der Finanzkrise geht die Bereitschaft, Neues auszuprobieren, gegen null.

Produktionsfirmen versuchen fieberhaft, vom Web- und Social-Media-Boom zu profitieren, aber trotz neuer technischer Möglichkeiten sind die Aktivitäten überschaubar: "Die geniale Idee ist nicht da", sagt Bogad-Radatz.

Eigenständige Webangebote sind seit der US-Serie "Heroes" mit Comics und Onlinevideos am US-Markt Pflicht. Lebendig entwickelt sich dort der Markt für Serien, die nur im Web stattfinden. Neben zahllosen selbstgestrickten Amateurfilmen professionalisiert sich die Branche zusehends. Immer öfter scheinen prominente Namen auf: Zuletzt kündigte die US-Plattform Netflix die Produktion einer Serie mit Kevin Spacey ("American Beauty") an, produziert von David Fincher.

In Europa sind ähnlich aufwändig gestaltete Projekte vorläufig undenkbar. Seit Montag zeigt Arte die eigens für Facebook produzierte Serie "60 Sekunden". Gerade 5917 gefällt das bisher. (Doris Priesching/DER STANDARD, Printausgabe, 23./24./25.4.2011)

  • Der Schlüssel zum Geheimnis, wie interaktives Fernsehen funktionieren 
könnte, ist noch nicht gefunden. TV-Web-Heldin Dina Foxx bleibt vorerst 
verschwunden.
    foto: zdf/florian foest

    Der Schlüssel zum Geheimnis, wie interaktives Fernsehen funktionieren könnte, ist noch nicht gefunden. TV-Web-Heldin Dina Foxx bleibt vorerst verschwunden.

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