"Ich bin kein Claus Peymann zwei"

22. April 2011, 17:53
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Burgtheaterdirektor Matthias Hartmann über die "Lulu"-Absage, untergriffige Attacken und eine Überraschung, auf die sich das Publikum freuen darf

Standard: Ist das Platzen der "Lulu"-Premiere nur für die Boulevardmedien eine mittlere Katastrophe oder auch für die Burg?

Hartmann: Wenn es sich um eine exponierte Produktion handelt wie bei Birgit Minichmayr und Lulu, dann fällt eine Absage eben auf. Oft merkt man Veränderungen im Spielplan gar nicht. Eine solche Absage ist schmerzlich, aber gleichzeitig auch normal. Wir haben es mit künstlerischen Prozessen zu tun, die im Verlauf und Ergebnis nicht steuerbar sind. Ich habe mir für Birgit die Neuinszenierung von Lulu ausgedacht und gebe die Rolle daher nicht einer anderen Schauspielerin, als wären Menschen völlig austauschbar. Umgekehrt geht es für mich nicht, dass ich die wunderbare Schauspielerin behalte - und einen verdienstvollen Regisseur entferne, mit dem ich schon einige wirklich tolle Sachen realisiert habe, darunter Der zerbrochne Krug in Zürich. Jan Bosse ist ein vorsichtiger und Menschen verstehender Regisseur. Deshalb hat mich auch überrascht, dass die Zusammenarbeit mit Minichmayr nicht funktioniert hat.

Standard: Gerüchteweise soll sich Minichmayr dagegen gewehrt haben, als Sexobjekt dargestellt zu werden. Auch habe ihr das Regiekonzept nicht behagt.

Hartmann: Das stimmt so nicht. Aber wir haben beschlossen, die einzelnen Gründe, wie es zur Absage gekommen ist, nicht zu kommunizieren. Es hätte die erste gemeinsame Arbeit von Minichmayr und Bosse werden sollen. Ich habe mich sehr darauf gefreut.

Standard: Wie hoch ist der finanzielle Verlust? Das aufwändige Bühnenbild ist ja bereits fertig.

Hartmann: Wir schmeißen das Drehbühnenbild von Stéphane Laimé nicht auf den Schrott. Ich mag es sehr. Und mache mir bereits Gedanken, welche anderen Stücke man mit Adaptierungen darin erzählen könnte.

Standard: Die Boulevardmedien haben die Absage Minichmayrs mit Ihrem angeblich autoritären Führungsstil verquickt. Führen Sie so ein brutales Regiment?

Hartmann: Allein Ihre Frage setzt ein Klischee von mir in die Welt, das ich, wenn ich es dementiere, nur festige. Irgendwas bleibt haften. Dabei müsste man doch einmal fragen, wieso ein Gratisblatt, das ohne Quellenangabe Äußerungen zusammenstoppelt, wie eine seriöse Zeitung zitiert wird - und so der Revolverjournalismus Einzug hält ins Hochfeuilleton. Ich empfinde diese Vorgänge als Denunziation und schaue staunend auf dieses Medientreiben, das offensichtlich ein Spiel ist, bei dem ich gar nicht mehr Akteur bin oder sein will. So funktioniert die Macht. Davon habe ich bisher nur auf der Bühne erzählt. Aber in meinem unmittelbaren Umfeld ist mir das bisher nicht passiert.

Standard: Genau diese Mechanismen werden in "Professor Bernhardi" dargelegt. Diese Produktion hatte vor eine Woche Premiere.

Hartmann: Ja, genau. Aber ich bin Burgtheaterdirektor. Ich bin verantwortlich für ein Ensemble und die Würde eines Hauses. Auch Bernhardi will die ihm zugewiesene Rolle nicht spielen. Aber man kann es sich manchmal nicht aussuchen, und gerade dann lernt man viel vom Leben und denen, mit denen man zusammenlebt.

Standard: Ein paar Schauspieler scheinen unter dem Deckmantel der Anonymität Gerüchte gestreut zu haben. Einzig Gert Voss stand mit seinem Namen zu seiner Kritik: Er fühlte sich von Ihnen ungeliebt. Ihre Stars sind Joachim Meyerhoff und Nicholas Ofczarek. Ist für Voss kein Platz mehr in der Burg?

Hartmann: Ich halte schon manchmal dagegen, bin aber mit diesem grandiosen Schauspieler bereits im Gespräch über neue Rollen. Es gibt keine Liebe ohne Spannungen. Sie treibt uns voran zu neuen Projekten.

Standard: Nennen Sie eine Rolle?

Hartmann: Nein.

Standard: Schade.

Hartmann: Finde ich auch. Aber über ungefangene Fische redet man nicht. Ich habe ihm freigegeben, um in Berlin bzw. in Kooperation mit den Salzburger Festspielen zu arbeiten. Daher verzögert sich das. Ich gebe den Schauspielern größtmögliche Freiheiten für die künstlerische Entfaltung: Sie dürfen Filme drehen, an anderen Theatern arbeiten, aber ihre Heimat bleibt das Burgtheater. Die großen Dinge passieren bei uns.

Standard: War es ein Fehler, bei Ihrem Antritt das Ensemble nicht verkleinert zu haben?

Hartmann: Ja. Üblich ist es, bei einem Neubeginn einen harten Schnitt zu machen. So bin ich vorgegangen, als ich das Schauspielhaus in Bochum übernahm. In Zürich gab es das Problem nicht, weil das Ensemble derart klein war. In Wien dachte ich mir, ich mache es anders - aus Respekt vor der Geschichte dieses Ensembles und Hauses. Auch kam Persönliches hinzu: Die eine hat ein kleines Kind, der andere finanzielle Probleme. Ich behielt also alle am Haus. Aber nicht jeder oder jede kann dauernd Hauptrollen spielen. Die Regisseure sind autonome Künstler und wählen aus, mit wem sie arbeiten wollen. Wir können das steuern, wir versuchen, Schauspieler zu entwickeln, aber das hat mitunter auch seine Grenzen. Ich rate den Schauspielern daher: Wenn du die Rollen des Meyerhoff spielen willst, musst du vielleicht nach Frankfurt oder Darmstadt gehen. Das ist natürlich schmerzlich. Und manchmal, auch wenn das nicht sein sollte, äußert sich das öffentlich.

Standard: Verlangt es der Direktorsposten nicht, auch unliebsame Entscheidungen zu treffen?

Hartmann: Theatermachen ist kein demokratischer Akt, aber ich sehe mich als freundlichen Menschen. Ich bin kein Claus Peymann zwei. Viele Schauspieler und Mitarbeiter sind mir von Bochum nach Zürich und nun nach Wien gefolgt - eine Theaterfamilie ist wichtig, und ich pflege sie seit Jahren. Ich lasse allen viel Raum, und ich verbiete nie etwas. Ich rede auch gerne mit allen, solange es nicht der ständige und nicht erfüllbare Wunsch nach Hauptrollen ist.

Standard: Kürzlich wurden die Bundestheater evaluiert. Die Ergebnisse werden von Kulturministerin Claudia Schmied geheim gehalten. Warum? Weil offenbar würde, dass manche Ensemblemitglieder nur spazieren gehen?

Hartmann: Nein. Es ist statistisch nachweisbar, dass noch nie so viele Schauspieler eingesetzt wurden wie heute. Ich sorge für die größtmögliche Beschäftigung. Zur Evaluierung äußere ich mich nicht, das ist Sache der Ministerin.

Standard: Selbst Lieblinge wie Sven-Eric Bechtolf spielen kaum.

Hartmann: Wir verstehen uns sehr gut. Seit Was ihr wollt sind wir Freunde, und er hat mich gebeten, ihm Raum zu lassen, weil er als Schauspieldirektor der Salzburger Festspiele und Regisseur sehr gefordert ist.

Standard: Und was ist mit Klaus Maria Brandauer?

Hartmann: Sie können sich auf eine Überraschung freuen! Mehr sag ich nicht vor meiner Spielplanpressekonferenz am 6. Mai. (Thomas Trenkler, DER STANDARD/Printausgabe 23./24./25.4.2011)

  • MATTHIAS HARTMANN (47) ist Regisseur. Er leitet seit 2009 das 
Burgtheater.
    foto: reinhard werner

    MATTHIAS HARTMANN (47) ist Regisseur. Er leitet seit 2009 das Burgtheater.

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