"Kapitalismus ist kein naturgegebenes System"

23. April 2011, 10:13
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Die US-Historikerin Joyce Appleby erzählt in einem neuen Buch die Geschichte des Kapitalismus

Die US-Historikerin Joyce Appleby erzählt in einem neuen Buch die Geschichte des Kapitalismus. Im Gespräch mit Johanna Ruzicka erläutert sie die wichtigsten Kräfte dieses weiterhin erfolgreichsten aller Systeme.

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STANDARD: Wie kamen Sie zu der Idee, ein Buch über den Kapitalismus zu schreiben?

Appleby: Nun, ich habe mich mit diesem Thema bereits lange beschäftigt. Ich war immer betroffen von der Art, wie wir, meiner Meinung nach häufig fälschlicherweise, glauben, dass Kapitalismus naturgegeben ist. Dabei ist er kein einheitliches System aus fein säuberlich aufeinander abgestimmten Elementen. Vielmehr ist es eine Ansammlung von Vorgehensweisen und Institutionen, sodass Menschen ihren wirtschaftlichen Interessen nachgehen können. Kapitalismus ist mehr ein soziales, ja kulturelles System denn ein ökonomisches.

STANDARD: Was macht da den Unterschied aus?

Appleby: Ein soziales System kann verändert werden, nach Belieben gestaltet. Es kann modifiziert werden hin zu mehr oder weniger sozialer Ausprägung. Wir tun immer so, als ob Kapitalismus naturgegeben wäre. Wie das Wetter, das wir ja auch nicht regulieren. Dabei ist Kapitalismus ein System, das wir geschaffen haben und das beeinflusst wird von unseren Regeln und Werten.

STANDARD: Aber in den USA denken viele, dass der Kapitalismus aus viel zu vielen Regeln besteht und dass er sich dann am besten entfaltet, wenn er möglichst wenig, am besten gar keine Regulierung hat.

Appleby:  Ja, die Republikaner denken so. Doch wäre es wichtig, dass den Menschen klar wird, dass es ganz bei ihnen liegt, wie sie ihr wirtschaftspolitisches System gestalten.

STANDARD: Der österreichische Ökonom Joseph Schumpeter meint, dass Kapitalismus schöpferische Zerstörung benötigt. Sind wir gerade wieder in einer solchen Phase ?

Appleby: Was er sagte, ist, dass es bei einer erfolgreichen technologischen Revolution immer auch zu einer Zerstörung des Vorhergehenden kommt. Das war es, was er schöpferische Zerstörung nannte. Schumpeter war ein sehr genauer Beobachter der Gesellschaft. Als erster Ökonom erkannte er die Bedeutung von Innovation in einer Ökonomie.

STANDARD: Europa und die USA haben unterschiedliche Wege eingeschlagen, wie sie ihren Kapitalismus gestalten. Welcher Weg ist der bessere?

Appleby: Man kann das so nicht sagen: Wer ist der Bessere. Ich denke aber, dass gerade jetzt, in der Finanzkrise, Europa einen viel besseren Weg eingeschlagen hat. Es gibt in den USA sehr viele Kräfte, die das soziale Netz, das wir haben, noch weiter ausdünnen wollen. Das wäre natürlich schrecklich. Aber die Europäer müssen erkennen, dass sie einen Preis für ihre soziale Stabilität zahlen. Es ist der Preis, dass es weniger Innovationsfreudigkeit in Europa gibt als in den USA und dass es deshalb auch zu weniger Startup-Firmen kommt.

STANDARD: Wo sehen Sie den Anfang des Kapitalismus. Wo war die erste kapitalistische Gesellschaft?

Appleby: Die Wurzeln dafür liegen im England des 17. Jahrhunderts. Und bei den landwirtschaftlichen Verbesserungen, zu denen es damals gekommen ist. Es kam damals zu Innovationen, die es erlaubten, dass man Arbeitskraft und Geld in andere Bereiche als in die Landwirtschaft stecken konnte. Und es war die Erfindung der Dampfmaschine, die das möglich machte. Nur in England sieht man dieses innovative Momentum. Die Holländer waren zur selben Zeit viel, viel reicher, aber sie haben keine Innovationen gesetzt. Es waren nicht die Handelsausweitungen, die den Kapitalismus ermöglichten.

STANDARD: Beim Umgang mit der aktuellen Finanzkrise: Hat der Kapitalismus einen guten Job gemacht?

Appleby: Wir sind, denke ich, noch immer zu nahe am Abgrund, um das abschließend beurteilen zu können. In der Vergangenheit wurden viel zu große Wagnisse eingegangen. Die Probleme, die daraus resultieren, haben wir noch nicht geregelt. Aber in Europa gibt es das Bekenntnis zu sozialer Stabilität. Wichtig ist auch, dass die Regierungen eine stärkere Rolle in Wirtschaftsfragen spielen wollen. Das kann zu Reformen führen, die Europa sogar führend im Finanzsektor werden lassen. Aber wir haben die Rezession noch nicht hinter uns gelassen. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 23./24./25.4.2011)

JOYCE APPLEBY (82) lehrte viele Jahre Geschichte an der University of California in Los Angeles und war Präsidentin der American Historical Association.

Joyce Appleby: "Die unbarmherzige Revolution" . Murmann Verlag, Hamburg, 686 Seiten, 37 Euro

  • Joyce Appleby: "Europa hat in der Finanzkrise einen viel besseren Weg eingeschlagen."
    foto: standard

    Joyce Appleby: "Europa hat in der Finanzkrise einen viel besseren Weg eingeschlagen."

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