Ein Cyber-Krieg gegen das syrische Regime

22. April 2011, 17:22
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Im Untergrund bereiten sich syrische Aktivisten auf die Zeit nach dem Ende des Regimes vor - Repressionen sind an der Tagesordnung, Informationen lassen sich nur über viele Umwege verbreiten - Der Umbruch in Ägypten bleibt Vorbild

"Wir leben in ständiger Angst, aber die Arbeit muss gemacht werden", sagt Mahmud Mansur (Name von der Redaktion geändert, Anm.) über sein verbotenes politisches Engagement. Im ärmlichen Viertel Jaramana, einem Außenbezirk von Damaskus, liegt das Kellerbüro der Frauen- und Menschenrechtsorganisation At-Thara. Kein Namensschild weist auf die Organisation hin, die in Syrien einmalig ist. Sie hilft alleinstehenden Frauen in Not, die oft vor häuslicher Gewalt oder Zwangsverheiratung geflohen sind.

Finanziert werden die Aktivitäten durch Etana Press, Non-Profit-Verlagshaus und eine kulturelle Begegnungsstätte, die unter jungen Syrern ein zivilgesellschaftliches Bewusstseins fördern will. Doch Mansur geht noch einen Schritt weiter.

"Noch nicht gleichberechtigt"

At-Thara, auf Deutsch "der fruchtbare Boden", operiert im Halblegalen. Mansur leitet das Büro, seitdem er 2004 nach zwei Jahren Haft entlassen wurde. Er hatte Artikel verfasst, die dem Regime zu kritisch waren. Danach entschied er sich für die Arbeit für Frauenrechte. Denn trotz Modernisierungsansätzen würden die syrische Gesellschaft und auch die Gesetzgebung Männer und Frauen "längst noch nicht als gleichberechtigt ansehen".

In sein Kellerbüro findet nur, wer empfohlen wurde oder seine Notsituation in einer glaubwürdig erscheinenden E-Mail schildern konnte. Seit die Unruhen in Syrien begannen, antwortet Mansur aber nicht mehr auf alle Anfragen, da er befürchtet, dass die Geheimdienste auch seine Aktivitäten wieder enger im Visier haben.

Trotzdem sammelt Mansur Aktivisten um sich, die ihm bei der Organisation von Seminaren zum Thema Menschenrechte helfen. Unlängst veranstaltete er einen Workshop mit Juristen, um eine Strategie für die Zeit danach zu erarbeiten - falls das Regime zu einem tatsächlichen Dialog mit der Opposition bereit sei. Selbst will er nicht mehr auf die Straße gehen, da er ein Netzwerk aufgebaut hat, das es dann schnell zu aktivieren gelte, um konkrete Gesetzesreformen durchzusetzen.

Foufou, wie sie genannt werden will, ist eine dieser Aktivistinnen, die dem Regime den Cyberkampf angesagt hat - obwohl sie weiß, dass sie teilweise unter Beobachtung steht. Schon mehrfach klopften Geheimdienstmitarbeiter an ihre Tür, die um Ausweiskopien der Pässe von befreundeten Ausländern baten. Die aktuellen Unruhen seien vom feindlichen Ausland gesteuert, haben die syrischen Behörden erklärt.

Auch wenn sie dies als "schlechte Propaganda" abtut, will Foufou derzeit nicht demonstrieren. Ihr Bruder dient in der Armee, sie fürchtet, dass er die Konsequenzen ihres Handelns zu spüren bekommen könnte.

Trotzdem will sie aktiv dabei mithelfen, Syrien "von der ständigen Angst vor dem Regime zu befreien". Kommilitonen von ihr seien schon verprügelt und verhaftet worden - nur weil sie bei den friedlichen Protesten an der Damaszener Universität fotografieren wollten. Dem gelte es, etwas entgegenzusetzen.

Von einem ausländischen Bekannten hat sie den Zugang zu einem Proxy-Server bekommen, damit sie neutral berichtende Internetseiten aufrufen kann. Die ihr von Freunden zugetragenen Fotos und Informationen gibt ein weiterer Freund dann über einen anderen Server unter einem falschen Namen an die Facebook-Site "Syrian News Network", die unabhängig zu berichten versucht. Über syrische Server und in den Internetcafés sind viele ausländische Seiten gesperrt, zudem muss man sich oftmals registrieren lassen.

Einige ihrer Freunde, die in Studentenwohnheimen leben, mussten nach den ersten Demonstrationen ihre Laptops und Mobiltelefone abgeben: Sie wurden konfisziert. Außerdem sollten sie sich als regimetreu registrieren, erzählt Foufou. Es hieß, sie würden sonst die Prüfungen nicht bestehen. "Viele haben das gemacht" erklärt die 26-Jährige, "aber trotzdem werden sie auf die Straße gehen."

Der Staat spiele seit Wochen eine Doppelstrategie. "Das können wir auch", bekräftigt sie. Das Osterwochenende, für das im Internet viele Demonstrationsaufrufe kursierten, erwartete Foufou wie auch wohl ganz Syrien mit Spannung, Hoffnung - aber auch mit Angst vor "libyschen Zuständen". Ein Aufbruch nach ägyptischem Vorbild, sagt sie, wäre ihr lieber. (N. N. aus Damaskus*, STANDARD-Printausgabe, 23./24./25. April 2011)

*Der Name des Autors bleibt aus Sicherheitsgründen ungenannt.

  • Bild nicht mehr verfügbar

    "Nieder mit dem Regime" haben Regierungsgegner auf eine Straße geschrieben. Wer demonstriert, muss mit Problemen rechnen.

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