"Hatten Sorge, dass es eine militärische Anlage ist"

22. April 2011, 17:11
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Eine Verpflichtung, Atom-Unfälle der IAEO in Wien zu melden, gab es 1986 noch nicht

So mangelhaft die Informationspolitik der japanischen Regierung und des AKW-Betreibers Tepco nach der Havarie in Fukushima auch gewesen sein mag - mit den Ereignissen rund um das Unglück von Tschernobyl lasse sich diese Erfahrung nicht vergleichen, sagt die Atomrechtsexpertin Odette Jankowitsch, die kurz nach Tschernobyl in die Internationale Atomenergiebehörde (IAEO) in Wien eingetreten ist und dort bis 2002 tätig war.

"Vor 25 Jahren war Informationspolitik überall etwas anderes als heute", verweist Jankowitsch im Standard-Gespräch auf die Entwicklungen in der Telekommunikation - von 24-Stunden-TV-Kanälen bis zum Internet. Aber auch die Art und Weise, wie die damalige Sowjetunion tagelang alles vertuscht hat, sei mit Fukushima nicht zu vergleichen.

Kalter Krieg

Zudem sei man damals in der Endphase des Kalten Kriegs gewesen. "Wir haben Sorge gehabt, dass es sich bei Tschernobyl um eine militärische Anlage handelt", sagt Jankowitsch. Erst die direkte Kontaktaufnahme von IAEO-Chef Hans Blix mit Moskau Anfang Mai habe etwas Klarheit gebracht. "Die Information wurde verlangt und auch erhalten, internationale Hilfe sehr bald organisiert."

Hans-Friedrich Meyer, damaliger Sprecher der IAEO, erinnert sich an einen Ansturm auf die Behörde, nachdem in Schweden hohe Radioaktivität gemessen worden war. "Aus ganz Europa kamen Anfragen, ob wir etwas wüssten. Wir hatten alle geglaubt, es wäre ein Kraftwerk in der DDR gewesen." Am dritten Tag nach dem Unglück informierte die sowjetische Regierung die Atomenergiebehörde über Tschernobyl.

Meldepflicht eingeführt

Eine Verpflichtung, solche Unfälle zu melden, habe es damals nicht gegeben, betont David Kyd, ehemaliger IAEO-Informationsdirektor, der 1989 in die Behörde eintrat. "Man musste alles erfragen." Erst nach Tschernobyl wurden zwei internationale Übereinkommen unterzeichnet - die Konvention über die Meldung von Nuklearunfällen und die Konvention über Hilfe im Falle eines Nuklearunfalls. Beiden Abkommen sind 110 Staaten beigetreten. Eine spätere Sicherheitskonvention hat nur 55 Vertragspartner.

Doch auch die Meldungskonvention betrifft laut Jankowitsch nur die Erstinformation über einen Unfall sowie einen Bericht, wenn der Unfall vorbei ist. Eine laufende Berichterstattung bei einem schleichenden Unglück wie dem von Fukushima sei nicht verpflichtend vorgesehen. (ef, raa, DER STANDARD-Printausgabe, 23./24./25.4.2011)

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