Zu wenig Geld für Strahlenschutz

22. April 2011, 17:18
40 Postings

Höchstens fünf Jahre wird der Sarkophag von Tschernobyl noch dicht bleiben, für den neuen fehlen 200 Millionen Euro

Die Ukraine will Teile der Sperrzone aufheben, Japans Regierung weitete jene um Fukushima aus.

***

Fünfzehn Minuten und nicht viel länger sollte man sich in der Nähe von Reaktor Nr. 4 aufhalten. Auch ein Vierteljahrhundert nach der Atomkatastrophe im ukrainischen Atomkraftwerk Tschernobyl ist die Strahlengefahr nicht gebannt. Der als Provisorium gedachte Sarkophag ist bereits an einigen Stellen undicht und muss an einer Seite von einem Gerüst gestützt werden. Nach der Einschätzung von Experten wird er höchstens noch fünf Jahre halbwegs dicht halten.

Ein neuer Schutzmantel wird dringend gebraucht. Schon vor vier Jahren wurde das französische Konsortium Novarka beauftragt, einen neuen Sarkophag zu errichten. Die Arbeiten gehen allerdings nur schleppend voran, da das nötige Geld fehlt.

Mammutprojekt

1,54 Milliarden Euro wird das sogenannte "New Safe Confinement", das 105 Meter hoch, 150 Meter lang und 260 Meter breit sein wird und bis 2015 fertiggestellt sein soll, kosten. Um die Arbeiter nicht der Strahlung auszusetzen, muss der 29.000 Tonnen schwere Mantel 250 Meter vom Unglücksreaktor entfernt zusammengebaut und dann per Schienen über den bestehenden Sarkophag gestülpt werden. Noch nie ist ein derart großes Gebäude auf Schienen bewegt worden.

Das Mammutprojekt soll unter der Federführung der Europäischen Bank für Wiederaufbau und Entwicklung (EBRD) von 28 Geberländern finanziert werden. "Tschernobyl war eine Katastrophe für die gesamte Welt, und die ganze Welt muss bei den Arbeiten helfen", appellierte der ukrainische Präsident Viktor Janukowitsch bei der Geberkonferenz anlässlich des 25. Jahrestages der Tschernobylkatastrophe in Kiew.

Doch trotz gesteigerten Interesses der Öffentlichkeit als Folge des Super-GAUs in Japan gelang es der Ukraine nicht, genug Geld einzusammeln. Bei der Geberkonferenz wurden statt der erhofften 740 Millionen Euro nur 550 Millionen Euro gesammelt. Die EU steuerte 110 Millionen Euro bei. Russland als Nachfolger der Sowjetunion 45 Millionen Euro.

Fatales Experiment

Der bisher größte Atomunfall geschah in der Nacht auf den 26. April 1986. Am Tag zuvor leitete Vize-Chefingenieur Anatoli Djatlow ein folgenschweres Experiment ein. Eine Reihe von Bedienungsfehlern und Verstößen gegen die Sicherheitsvorschriften führte dazu, dass die Simulation eines Stromausfalls tatsächlich zu einem Ernstfall führte.

Um 1:23:58 kam es zu einer Explosion, die so stark war, dass der 1000 Tonnen schwere Deckel des Reaktorkerns abhob. Durch die hohe Hitze wurden radioaktive Teile in eine Höhe von bis zu 10.000 Meter geschleudert. Die radioaktive Wolke zog zunächst nach Skandinavien, Polen, Tschechien und Österreich, Süddeutschland und Norditalien.

Meldung über Feuer

Die Kraftwerksleitung versuchte zunächst, das Unglück geheimzuhalten, und meldete nur ein Feuer nach Moskau. Selbst als der sowjetischen Führung das Ausmaß der Katastrophe bekannt war, versuchte man noch, den Vorfall zu vertuschen. Erst am 29. April, drei Tage nach der Explosion, gab man den Unfall bekannt.

Der Super-GAU bedeutete für die Sowjetunion einen enormen Imageverlust. Einigen Historikern zufolge beschleunigte er den Niedergang des Kommunismus und den Zerfall der Sowjetunion.

Noch immer sind die Langzeitfolgen des Unglücks unklar. Die Schätzungen der Opfer schwanken stark. Nach 25 Jahren ist Normalität in das Katastrophengebiet eingekehrt, das auf Russisch treffend als "Zone der Entfremdung" bezeichnet wird. Einige tausend Einwohner sind in ihre Häuser zurückgezogen, die ukrainische Regierung überlegt, Teile der Sperrzone als Ackerland freizugeben.

Japan weitet Sperrzone aus

Rund um das havarierte AKW Fukushima wurde die Evakuierungszone am Freitag ausgeweitet: Etwa 10.500 Menschen aus fünf Gemeinden nordöstlich des Kraftwerks außerhalb der bisherigen Sperrzone von 20 Kilometern sollen bis Ende Mai ihre Häuser verlassen, teilte die Regierung mit.

Der Gouverneur der Präfektur Fukushima richtete AKW-Betreiber Tepco aus, dass er niemals erlauben werde, dass das Kraftwerk wieder in Betrieb genommen wird. Tepcos Präsident Masataka Shimizu deutete erstmals einen Rücktritt an. (Verena Diethelm, DER STANDARD, Printausgabe, 23./24./25.4.2011)

  • Bild nicht mehr verfügbar

    Das erste Foto vom zerstörten Reaktor 4 in Tschernobyl, aufgenommen um 4 Uhr nachmittags, Ortszeit, 14 Stunden nach der verheerenden Explosion, aus einem Helikopter. Die Grobkörnigkeit des Bildes ist dem radioaktiven Fallout geschuldet.

  • Bild nicht mehr verfügbar

    25 Jahre später ist der Sarkophag über dem Reaktor brüchig.

Share if you care.