"Der nukleare Frühling kommt"

22. April 2011, 17:18
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Der ehemalige IAEO-Chef Hans Blix meint, es werde in Zukunft mehr AKWs geben - Auch sein Besuch in Tschernobyl kurz nach dem Super-GAU habe ihn nicht an dieser Energieform zweifeln lassen

STANDARD: Was kann man aus einem Unfall wie in Fukushima oder Tschernobyl lernen?

Blix: Man kann im Bereich der Technik Dinge verbessern. Reaktoren wie in Tschernobyl werden nicht mehr gebaut, es gehen neue Typen in Betrieb. Was Gegner oft sagen, Atomenergie sei antiquiert, täuscht. Es passiert sehr viel auf dem Gebiet. Und wären in Fukushima die Sicherheitsvorschriften auf dem letzten Stand gewesen, wäre einiges von dem, was passiert ist, nicht passiert.

STANDARD: Wie sicher ist Atomenergie?

Blix: Alle Energieformen bergen Risiken. Die jüngsten AKW-Reaktoren sind viel sicherer als die alten, aber null Risiko ist nicht möglich. Die größten Unfälle passieren im Bereich Wasserkraft, wenn Dämme brechen. Oder man denke an die tausenden Kohleminenarbeiter, die jedes Jahr sterben.

STANDARD: Die EU plant Stresstests für AKWs. Was soll mit alten Reaktoren passieren?

Blix: Es ist wie mit einem alten Auto. Wenn Sie vorsichtig fahren und Teile austauschen, ist es noch gut. Aber es wäre wahrscheinlich besser, ein Neues zu kaufen. Es könnte daher besser sein, neue Reaktoren zu bauen. In welchem Stadium, ob nach 40, 50, 60 Jahren, kann ich nicht sagen. Der Grund, warum das bisher nicht geschah, ist der Widerstand gegen Atomenergie.

STANDARD: Wirtschaftliche Überlegungen spielen aber auch mit.

Blix: Bis zu einem gewissen Grad. Es ist ein gutes Geschäft, alte Reaktoren auszubauen. Der Hauptgrund ist aber, dass man keine neuen Standorte findet. Dafür sind die Gegner verantwortlich.

STANDARD: Sie waren nach dem Unfall in Tschernobyl als einer der ersten westlichen Wissenschafter vor Ort. Als Sie das Ausmaß des Unglücks sahen, gab es da einen Moment, in dem Sie Atomkraft verflucht haben?

Blix: Nein, für mich ist Energie keine Frage der Religion. Ich denke da auch daran, was der indische Vater der Nuklearenergie (Physiker Homi Bhabha, Anm.) gesagt hat: "Keine Energie ist teurer als gar keine Energie." Die Länder, die expandieren, sind China, Indien, Indonesien, Pakistan. Der nukleare Frühling kommt - nur langsamer.

STANDARD: Was ist mit erneuerbarer Energie?

Blix: Im Bereich erneuerbarer Energien geht es zum Großteil um Wasserkraft, nur ein sehr kleiner Prozentsatz ist Wind- oder Sonnenenergie. Aus diesen wird man nie für Schanghai oder Kalkutta den Strom erzeugen können, den man dort braucht. Diese Energieformen werden marginal sein.

STANDARD: Manche Wissenschafter sagen, man habe den Zeitpunkt verschlafen, um auf erneuerbare Energie umzusteigen. Gab es den Zeitpunkt aus Ihrer Sicht gar nicht?

Blix: Es ist nicht so einfach, eine neue Energiegeneration zu erzeugen. Wenn ich mir ansehe, wie viel Geld in Waffen fließt, ist die Forschung auf dem Gebiet ein Klacks. 1980 entschied Schweden, aus Atomenergie aus- und auf Wind- und Solarenergie umzusteigen. Heute sind wir nur ein kleines bisschen weiter. Es heißt ja auch immer wieder, dass Atomenergie subventioniert wurde, weil die Erfindung vom Militär kam. Das stimmt, aber es ist auch Geld in andere Energieformen geflossen.

STANDARD: Sie sehen die Atomenergie im Wachstum. Wie stark?

Blix: In den nächsten Jahren werden zunächst mehr Reaktoren ausgeschaltet. Danach sehe ich eine Ausweitung. Ich denke nicht, dass Österreich ein AKW bauen wird.

STANDARD: Deutschland will nun schneller aus der Atomenergie aussteigen.

Blix: Ich sehe nicht, wie Deutschland die Klimaziele erreichen will ohne Atomenergie. Österreich stoppte Zwentendorf und baute Dürnrohr - ein Kohlekraftwerk.

STANDARD: Die Lagerung des Atommülls ist und bleibt ein Problem.

Blix: Der Müll kann tausende Jahre aktiv bleiben, ja. Aber was ist die Alternative? Wenn man über alternative Energie spricht, sollte man auch über alternativen Müll reden. Bei fossilen Brennstoffen akzeptieren wir Emissionen, durch die die globale Erwärmung droht. Bei Atomkraft kann im Unglücksfall etwas austreten. Der Müll ist vielleicht der größte Vorteil von Atomenergie. Er ist klein, und man kann darauf aufpassen.

STANDARD: Sie leiteten von 1981 bis 1997 die Internationale Atomenergieorganisation (IAEO), die die Verbreitung von Atomenergie fördert und ein Watchdog in Bezug auf ihre militärische Nutzung ist. Funktioniert dieser Spagat?

Blix: Ich habe nie erlebt, dass die IAEO als Watchdog weniger ernst genommen wird, weil sie auch die Aufgabe hat, Atomenergie zu fördern. Die Watchdog-Funktion wird sogar leichter akzeptiert, weil die IAEO auch als Hilfe gesehen werden kann. (Gudrun Springer, DER STANDARD; Printausgabe, 23./24./25.4.2011)

Hans Blix (82) war Schwedens Außenminister, IAEO-Direktor und 2000-2003 Chef der UN-Rüstungskontrollkommission, die im Irak Massenvernichtungswaffen suchte und keine fand. Im Buch "Mission Irak" (2004) zog Blix darüber kritisch Bilanz.

  • Hans Blix: "Es ist nicht so einfach, eine neue Energiegeneration zu erzeugen."
    foto: standard/andy urban

    Hans Blix: "Es ist nicht so einfach, eine neue Energiegeneration zu erzeugen."

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    Der explodierte Reaktor des Atomkraftwerks Tschernobyl auf einer Luftaufnahme wenige Tage nach dem Unglück am 26. April 1986.

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    27. April 1986, Prypjat, Ukraine, damals UdSSR: 47.000 Einwohner der Stadt, vier Kilometer von Tschernobyl entfernt, wurden mit 1200 Bussen und 200 Lastwagen evakuiert.

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    Sieben Jahre später untersucht ein Wissenschafter einen toten Baum in der Nähe der Stadt. Prypjat ist heute eine Geisterstadt.

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