Der ehemalige IAEO-Chef Hans Blix meint, es werde in Zukunft mehr AKWs geben - Auch sein Besuch in Tschernobyl kurz nach dem Super-GAU habe ihn nicht an dieser Energieform zweifeln lassen
STANDARD: Was kann man aus einem Unfall wie in Fukushima oder
Tschernobyl lernen?
Blix: Man kann im Bereich der Technik Dinge verbessern. Reaktoren wie
in
Tschernobyl werden nicht mehr gebaut, es
gehen neue Typen in Betrieb.
Was Gegner oft sagen, Atomenergie sei antiquiert, täuscht. Es passiert
sehr viel auf dem Gebiet. Und wären in Fukushima die
Sicherheitsvorschriften auf dem letzten Stand gewesen, wäre einiges von
dem, was passiert ist, nicht passiert.
STANDARD: Wie sicher ist Atomenergie?
Blix: Alle Energieformen bergen Risiken. Die jüngsten AKW-Reaktoren
sind
viel sicherer als die alten, aber null Risiko ist nicht möglich. Die
größten Unfälle passieren im Bereich Wasserkraft, wenn Dämme brechen.
Oder man denke an die tausenden Kohleminenarbeiter, die jedes Jahr
sterben.
STANDARD: Die EU plant Stresstests für AKWs. Was soll mit alten
Reaktoren passieren?
Blix: Es ist wie mit einem alten Auto. Wenn Sie vorsichtig fahren und
Teile austauschen, ist es noch gut. Aber es wäre wahrscheinlich besser,
ein Neues zu kaufen. Es könnte daher besser sein, neue Reaktoren zu
bauen. In welchem Stadium, ob nach 40, 50, 60 Jahren, kann ich nicht
sagen. Der Grund, warum das bisher nicht geschah, ist der Widerstand
gegen Atomenergie.
STANDARD: Wirtschaftliche Überlegungen spielen aber auch mit.
Blix: Bis zu einem gewissen Grad. Es ist ein gutes Geschäft, alte
Reaktoren auszubauen. Der Hauptgrund ist aber, dass man keine neuen
Standorte findet. Dafür sind die Gegner verantwortlich.
STANDARD: Sie waren nach dem Unfall in Tschernobyl
als einer der ersten
westlichen Wissenschafter vor Ort. Als Sie das Ausmaß des Unglücks
sahen, gab es da einen Moment, in dem Sie Atomkraft verflucht haben?
Blix: Nein, für mich ist Energie keine Frage der Religion. Ich denke
da
auch daran, was der indische Vater der Nuklearenergie (Physiker Homi
Bhabha, Anm.) gesagt hat: "Keine Energie ist teurer als gar keine
Energie." Die Länder, die expandieren, sind China, Indien, Indonesien,
Pakistan. Der nukleare Frühling kommt - nur langsamer.
STANDARD: Was ist mit erneuerbarer Energie?
Blix: Im Bereich erneuerbarer Energien geht es zum Großteil um
Wasserkraft, nur ein sehr kleiner Prozentsatz ist Wind- oder
Sonnenenergie. Aus diesen wird man nie für Schanghai oder Kalkutta den
Strom erzeugen können, den man dort braucht. Diese Energieformen werden
marginal sein.
STANDARD: Manche Wissenschafter sagen, man habe den Zeitpunkt
verschlafen, um auf erneuerbare Energie umzusteigen. Gab es den
Zeitpunkt aus Ihrer Sicht gar nicht?
Blix: Es ist nicht so einfach, eine neue Energiegeneration zu
erzeugen.
Wenn ich mir ansehe, wie viel Geld in Waffen fließt, ist die Forschung
auf dem Gebiet ein Klacks. 1980 entschied Schweden, aus Atomenergie aus-
und auf Wind- und Solarenergie umzusteigen. Heute sind wir nur ein
kleines bisschen weiter. Es heißt ja auch immer wieder, dass Atomenergie
subventioniert wurde, weil die Erfindung vom Militär kam. Das stimmt,
aber es ist auch Geld in andere Energieformen geflossen.
STANDARD: Sie sehen die Atomenergie im Wachstum. Wie stark?
Blix: In den nächsten Jahren werden zunächst mehr Reaktoren
ausgeschaltet. Danach sehe ich eine Ausweitung. Ich denke nicht, dass
Österreich ein AKW bauen wird.
STANDARD: Deutschland will nun schneller aus der Atomenergie
aussteigen.
Blix: Ich sehe nicht, wie Deutschland die Klimaziele erreichen will
ohne
Atomenergie. Österreich stoppte Zwentendorf und baute Dürnrohr - ein
Kohlekraftwerk.
STANDARD: Die Lagerung des Atommülls ist und bleibt ein Problem.
Blix: Der Müll kann tausende Jahre aktiv bleiben, ja. Aber was ist
die
Alternative? Wenn man über alternative Energie spricht, sollte man auch
über alternativen Müll reden. Bei fossilen Brennstoffen akzeptieren wir
Emissionen, durch die die globale Erwärmung droht. Bei Atomkraft kann im
Unglücksfall etwas austreten. Der Müll ist vielleicht der größte Vorteil
von Atomenergie. Er ist klein, und man kann darauf aufpassen.
STANDARD: Sie leiteten von 1981 bis 1997 die Internationale
Atomenergieorganisation (IAEO), die die Verbreitung von Atomenergie
fördert und ein Watchdog in Bezug auf ihre militärische Nutzung ist.
Funktioniert dieser Spagat?
Blix: Ich habe nie erlebt, dass die IAEO als Watchdog weniger ernst
genommen wird, weil sie auch die Aufgabe hat, Atomenergie zu fördern.
Die Watchdog-Funktion wird sogar leichter akzeptiert, weil die IAEO auch
als Hilfe gesehen werden kann. (Gudrun Springer, DER STANDARD; Printausgabe, 23./24./25.4.2011)
Hans Blix (82) war Schwedens Außenminister, IAEO-Direktor und 2000-2003 Chef der UN-Rüstungskontrollkommission, die im Irak Massenvernichtungswaffen suchte und keine fand. Im Buch "Mission Irak" (2004) zog Blix darüber kritisch Bilanz.